Bezirksgericht Kulm
Vier Freunde verunfallen wegen zu hohem Tempo – angeklagt ist nicht nur der Fahrer

Die Staatsanwaltschaft machte die Mitfahrer zu Mitschuldigen für das, was an jenem Sonntagabend im April 2012 passiert ist. Die vier waren unterwegs zum Bahnhof Aarau, dann passierte es.

Manuel Bühlmann
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Der Audi erlitt Totalschaden, die vier Männer kamen mit leichten Verletzungen davon.

Der Audi erlitt Totalschaden, die vier Männer kamen mit leichten Verletzungen davon.

Am Steuer war einer der Vierergruppe, in der Untersuchungshaft waren alle. Und auch vor dem Bezirksgericht Kulm mussten sich diese Woche alle vier jungen Männer verantworten. Der Vorwurf: grobe Verletzung der Verkehrsregeln und Gefährdung des Lebens. Aufgereiht sassen die Beschuldigten neben ihren Anwälten im grossen Saal des Unterkulmer Gemeindehauses; zu klein war der Gerichtssaal, wo die Verhandlungen für gewöhnlich stattfinden.

Ungewöhnlich war nicht nur der Ort, sondern auch die Ausgangslage des Prozesses: Die Staatsanwaltschaft machte die Mitfahrer zu Mitschuldigen für das, was an jenem Sonntagabend im April 2012 passiert ist. Unterwegs zum Bahnhof Aarau – einer aus dem Quartett musste in die RS einrücken – beschleunigte der Fahrer mit dem Audi eines Kollegen zwischen Zetzwil und Oberkulm, um zwei Autos zu überholen. Dabei geriet das linke Hinterrad auf die Grasnarbe, das Auto kam ins Schleudern, kollidierte mit einem Baum und überschlug sich.

Die vier jungen Männer hatten Glück, verletzten sich nur leicht. Die Ursache stand bald fest: überhöhte Geschwindigkeit. Wie schnell der Audi S4 Quattro unterwegs war, darüber gehen die Meinungen der Beschuldigten auseinander: 100 km/h schätzte einer, 160 km/h ein anderer. Das Gutachten geht von 123 bis 141 km/h aus. Erlaubt wären auf dieser Strecke 80 km/h.

"Halsbrecherisch"

Der Staatsanwalt sprach von einer «halsbrecherischen» Fahrt, die heute unter den Raser-Straftatbestand fallen würde – eine Bestimmung, die jedoch erst knapp ein Jahr nach dem Unfall in Kraft getreten ist. «Niemand hat gegen die extrem schnelle Fahrweise opponiert», sagte der Staatsanwalt. Er schloss daraus, dass die Fahrt von allen mitgetragen worden sei. «Sie haben sich durch die leichtsinnige Tat gegenseitig in Lebensgefahr gebracht.» Sein Antrag deshalb: Schuldsprüche sowie bedingte Freiheits- bzw. Geldstrafen für Fahrer und Fahrzeuginsassen.

Die Verteidiger der Mitfahrer hingegen forderten einen Freispruch. «Im Kern war das ein ganz banaler Unfall», sagte der Verteidiger des Fahrers. Kein Wettkampf, keine Provokationen seien vorangegangen. Sein Mandant sei schlicht zu schnell gefahren und deshalb von der Strasse abgekommen. Als Junglenker habe ihm die Fahrpraxis gefehlt. Der Anwalt eines Mitfahrers sagte in seinem Plädoyer, die Kollegen hätten gar keine Gelegenheit gehabt, korrigierend Einfluss aufs Tempo zu nehmen. Ein Eingreifen hätte gar das Leben aller gefährden können. «Sie sassen in der Falle, waren dem rücksichtslosen Fahrstil ausgeliefert.»

Dennoch verbrachten auch die drei Mitfahrer neun Tage in Untersuchungshaft. Das sorgte für Kritik vor Gericht: «Unrechtmässig» sei dies gewesen, sagte eine der Verteidigerinnen und verlangte für ihren Mandanten eine Genugtuung für die Zeit in Haft.

Langes Warten auf den Prozess

Für Kritik sorgte auch der Umstand, dass seit dem Unfall viereinhalb Jahre vergangen sind. Die vier Beschuldigten verzichteten darauf, Aussagen zu machen. Begründung: Der Vorfall liege zu lange zurück. Einer der Anwälte sprach von einer «völlig unverhältnismässig langen Dauer». Der Staatsanwalt räumte ein, dass bis zum Prozess zu viel Zeit verstrichen sei und erklärte dies mit einer chronischen Überlastung. «Wir bräuchten 30 bis 40 Prozent mehr Personal.» Doch die Lage würde sich angesichts der Sparbemühungen im Kanton eher noch weiter akzentuieren.

Geduld brauchten die Beschuldigten am Prozesstag weniger als erwartet. Die Verhandlung, auf 9,5 Stunden angesetzt, endete bereits am Nachmittag mit der Verkündung des Urteils. Das fünfköpfige Gericht sprach die Beifahrer frei. Es gehe nicht an, den Mitfahrern eine Schuld am Unfall zu geben. Beweisen lasse sich nicht, dass sie sich ein Rennen mit einem anderen Auto geliefert haben, sagte die Gerichtspräsidentin.

«Mit Rennstrecke verwechselt»

Auch der Fahrer wurde vom Vorwurf der Gefährdung des Lebens freigesprochen. Er sei zwar massiv zu schnell gefahren, ein direkter Vorsatz, eine lebensgefährdende Situation zu schaffen, habe aber nicht bestanden. Wegen mehrfacher grober Verletzung der Verkehrsregeln und zwei weiterer Vergehen wurde er zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 12 Monaten und einer bedingten Geldstrafe von 14 Tagessätzen à 100 Franken verurteilt. «Der Fahrer hat seine Fahrkünste überschätzt und die Strasse mit der Rennstrecke verwechselt», begründete die Gerichtspräsidentin das Urteil. Strafmildernd wirkte dabei die lange Verfahrensdauer, welche für die Beschuldigten belastend gewesen sei.

Zwei der Mitfahrer erhielten für die Zeit in U-Haft zudem eine Entschädigung von 1800 Franken. Zum Schluss erinnerte die Gerichtspräsidentin die jungen Männer daran, dass der Unfall für alle nicht nur juristisch gesehen glimpflich ausgegangen ist: «Sie haben ein Riesenglück, dass alle vier gesund hier sitzen können.»