Zetzwil
Viele soziale Institutionen betreuen ihre Klienten heute auch in Wohnungen

Menschen mit Behinderungen sollen gefördert werden – deshalb wohnt ein Teil in Wohngemeinschaften. Die Invalidenversicherung hat den Förderauftrag klar definiert. Ein Augenschein in einer teilbetreuten Wohngruppe der Schürmatt in Oberkulm.

Peter Siegrist
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Nachtessen: Am Tisch sitzen von links Karin Germann, Sibylle Zobrist, Matthias Zehnder und Manuela Ferreina. Im Hintergrund Sozialpädagogin Maria Adolfs.

Nachtessen: Am Tisch sitzen von links Karin Germann, Sibylle Zobrist, Matthias Zehnder und Manuela Ferreina. Im Hintergrund Sozialpädagogin Maria Adolfs.

Peter Siegrist

18 Uhr an einem gewöhnlichen Wochentag in einem Mehrfamilienhaus am Birkenweg in Oberkulm. In einer Wohnung im ersten Stock duftet eine heisse Käsewähe. Am Esstisch im Wohnzimmer sitzen Karin Germann, Matthias Zehnder und Manuela Ferreina. 18 Uhr ist Essenszeit und Sibylle Zobrist zieht die dampfende Wähe aus dem Backofen und schneidet sie in Stücke.

Teilbetreutes Wohnen in Institutionen der Region: Mehr als die Hälfte wohnt auswärts

Die Förderung von Menschen mit Behinderungen auch im Wohnen ist als Ziel vorgegeben. So hat die Stiftung Orte zum Leben in Lenzburg von ihren 90 Klienten mehr als die Hälfte (etwa 60 Personen) in Wohnobjekten ausserhalb des Areals untergebracht. Die Stiftung Lebenshilfe, Reinach, hat 19 von ihren 95 Klienten im teilbetreuten Wohnen an Aussenstandorten untergebracht, meist in stiftungseigenen Liegenschaften. In Oberentfelden führt die Stiftung Orte zum Leben drei Aussenwohngruppen mit je acht Personen. Im Wohnhaus mit Vollbetreuung sind 34 Plätze besetzt. Die Stiftung Schloss Biberstein beherbergt total 62 Personen. 18 Klienten sind in Aussenwohngruppen in der Umgebung von Biberstein untergebracht, 44 Personen wohnen im Schloss. Die Stiftung Schürmatt in Zetzwil betreibt an fünf Standorten Aussenwohnungen mit 12 Klientinnen und zusätzlich eine Jugendgruppe in Menziken. Die Kinder leben bei der Schürmatt im Internat. (psi)

Die vier jungen Leute sind Klienten der Stiftung Schürmatt in Zetzwil. Sie wohnen miteinander in einer teilbetreuten Wohngemeinschaft in Oberkulm. Teilbetreut bedeute, dass von den Betreuungspersonen der Institution jeweils am Morgen und am Abend jemand auf der Gruppe sei, erklärt Sozialpädagogin Maria Adolfs. Tagsüber gehen die Klienten zur Arbeit an ihre geschützten Arbeitsplätze. Matthias zum Beispiel fährt nach Gontenschwil, wo die Schürmatt bei der Firma Neogard eine Werkstätte betreibt.

Am Birkenweg hat die Stiftung 12 Personen verteilt auf mehrere Wohnungen untergebracht. Maria Adolfs: «Die Klientinnen und Klienten teilen sich die Wohnungen, haben alle ein eigenes Zimmer. Sie teilen sich auch die Hausarbeiten und das Zubereiten der Mahlzeiten. Die Freizeit verbringen sie ebenfalls zum Teil in den Wohnungen. Bei Karin Germann liegt zum Beispiel ein grosses Puzzle auf dem Tisch: die ganze Schweiz in 1000 Teilen. Zusätzlich bietet die Stiftung für ihre Klienten verschiedene Freizeitaktivitäten an.

Am sozialen Leben teilhaben

Die Stiftung Schürmatt ist heute ein Zentrum zur Förderung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Behinderungen und besonderen Betreuungsbedürfnissen. Dabei werden die Bereiche Schule, Ausbildung, Wohnen, Beschäftigung und Freizeit für die Klientinnen und Klienten abgedeckt.

Werner Sprenger, Direktor der Stiftung Schürmatt erklärt, dass die IV eigentlich einen klaren Grundauftrag für betreutes Wohnen formuliert habe, nach dem sich alle Institutionen richten müssen. Ob sie mit körperlich, geistig oder psychisch behinderten Menschen arbeiten, spielt keine Rolle. Das Hauptziel sei die Integration in die Gesellschaft, sagt Sprenger. Konkret bedeute dies, die Bildung voranzutreiben und die Menschen in ihrer Sozialkompetenz und Arbeitsfähigkeit zu fördern.

«Unsere Klienten sollen ihren Möglichkeiten gemäss am sozialen Leben teilhaben.» Daher werden im Wohnbereich verschiedene Angebote praktiziert. In den Wohnheimen auf dem Gelände der Schürmatt sind sogenannte Kernwohnungen untergebracht. Hier sind die tägliche Begleitung und Betreuung über 24 Stunden gewährleistet. Zwei Kernwohngruppen hat die Schürmatt zusätzlich im Sunnepark in Oberkulm und in der Bündte in Gontenschwil untergebracht.

Regeln einhalten gehört dazu

Menschen mit weniger Betreuungsbedarf wohnen in Aussengruppen in teilbetreuten Wohngemeinschaften. «Mit einem Minimum an Unterstützung wollen wir die Selbstständigkeit fördern», sagt Sprenger. Es gelte für das Wohnen das Gleiche wie für die Beschäftigung. Das Einbinden der Erwachsenen ins Dorfleben sei wichtig und bringe die Klienten im Leben vorwärts.

Die Aussenwohngruppen würden gut funktionieren. Grosse Probleme gäbe es kaum. Maria Adolfs ergänzt, man müsse natürlich das Zusammenleben mit andern Mietern immer im Auge behalten. Dabei gehe es oft um Nähe und Distanz. Mit Gesprächen, Toleranz und Information, sei dies zu lösen. Würden junge Klienten einmal zu laut, sagt Sprenger, «dann muss man ihnen wie andern auch, die Grenzen aufzeigen.

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