Fusion Oberkulm/Unterkulm

«Viele kennen die Dorfgrenzen kaum»

Zusammenarbeit bleibt, sagen die Ammänner Roger Müller, Unterkulm (l.), und Edmund Studiger, Oberkulm. psi

Zusammenarbeit bleibt, sagen die Ammänner Roger Müller, Unterkulm (l.), und Edmund Studiger, Oberkulm. psi

Vor einer Woche haben Oberkulm und Unterkulm über eine Fusion ihrer Dörfer abgestimmt. Während Unterkulm klar zustimmte, hat Oberkulm den Zusammenschluss mit 345 Nein-Stimmen gegen 150 Ja deutlich abgelehnt.

Herr Studiger, Oberkulm sagte eindeutig und abschliessend Nein. Was ist schiefgelaufen?

Edmund Studiger: Schief ist der falsche Ansatz. Wir haben von der Behörde alles darangesetzt, um der Fusion zum Durchbruch zu verhelfen. Aber wir spürten, dass sich von einem Anti-Komitee einflussreicher Leute ausgehend, ein eigentlicher Wall dagegen aufbaute.

War die Gegnerschaft lange im Voraus spürbar?

Studiger: Nein, erst relativ spät. Leserbriefe und Inserate, zuerst namenlose, dann gezeichnete, deuteten auf einen organisierten Widerstand hin.

Unterkulm diskutierte nicht, sondern stimmte sogleich zu, Oberkulm diskutierte und lehnte dann hochkant ab. Woher dieser Unterschied?

Roger Müller: Ich staune selber. Wir wohnen auf engem Raum, viele kennen die Dorfgrenzen kaum und dennoch leben wir in zwei Kulturen. Die Unterkulmer hatten den Mut für Neues, sie wollten vorwärtsgehen. In beiden Dörfern standen die Meinungen vor der Gmeind schon fest.

Wer gab denn in Oberkulm den Ausschlag?

Müller: In Oberkulm hat letztlich die ältere Generation den Entscheid herbeientschieden, denke ich.
Studiger: In Oberkulm haben sich alte Leute gegen die Fusion organisiert. Männer und Frauen haben via Telefon mobilisiert. Konkrete Gründe nannten sie mir gegenüber nie, aber sie stimmten aus traditionellen Gefühlen dagegen, sie wollten sich nicht verändern.

Sie sind enttäuscht, dass es so herausgekommen ist?

Müller: Ich bedaure es. Wir sind global vernetzt, haben Firmen in unseren Dörfern, die nach Übersee und ganz Europa exportieren. Und wir suchen bei uns Grenzen. Dabei wissen viele gar nicht, wo die Dorfgrenze durchgeht. Ich finde es tragisch, dass wir derart eng handeln. Wir können die Wynentaler Probleme als Gemeinde nicht allein lösen.

Denken Sie an den Verkehr?

Müller: Der stark befahrene Böhlerknoten war immer wieder im Gespräch. Die Kreuzung mit der Abzweigung nach Schöftland ist für das ganze Tal wichtig, sie liegt jetzt halt in Unterkulm.
Studiger: Diese Kreuzung spielte für die Gegner plötzlich eine Rolle, sie waren nicht bereit, dafür zu zahlen.
Müller: Dieses Beispiel zeigt, wie Prozesse ablaufen. Wir haben Probleme, die zwar lokalisiert sind, die jedoch Auswirkungen fürs ganze Tal haben und von allen gelöst und bezahlt werden sollten.
Studiger: Das ist mit dem Hochwasserschutz vergleichbar. Hier waren alle Tal-Gemeinden zum Mitfinanzieren bereit. Bei der Kreuzung wäre eine derartige Lösung auch angebracht. Die Dekretvorschriften des Kantons sind für solche Vorhaben im Ansatz falsch.

Haben die Behörden in beiden Dörfern im Vorfeld der Abstimmung gleich agiert?

Studiger: Beide Gemeinderäte achteten darauf, dass sie vom Inhalt her immer gleich kommunizierten.

Woher rührt denn der Unterschied?

Studiger: In Oberkulm gab es immer Aussagen wie: «Die lügen uns an.» Solches hörten wir in Unterkulm nicht.
Müller: Für Unterkulm galt ganz klar, wir als Gemeinderat standen zu 120 Prozent hinter den Fusionsbemühungen. Offensichtlich war unser Handeln glaubwürdig. In Oberkulm stand die Behörde auch hinter der Vorlage, aber manchmal vermisste ich von den Gemeinderäten das feu sacré ein bisschen.
Studiger: Gewichtig war auch das Votum eines Ehemannes einer Gemeinderätin, der sich an der Gmeind zu Schule äusserte und dann klar gegen die Fusion appellierte. Schulfragen sind emotional, obwohl ein Wegfall der Primarschule gar nie Thema war. Wir haben das mehrmals widerlegt.

Oberkulm setzte auf die Eigenständigkeit. Darf sich eine Gemeinde eigenständig nennen, wenn sie jährlich über eine Million Finanzausgleich bezieht?

Studiger: Ganz klar: Nein. Solange Oberkulm Ausgleichsgelder bezieht, können wir nicht von Eigenständigkeit reden. Nach einem Zusammenschluss hätten wir immer noch Finanzausgleich bezogen, aber wir wären beide besser dran.

Müller: Die Finanzen sind nur ein Aspekt für die Eigenständigkeit. Die politische Verknüpfung ist etwas Zweites. Wir sind heute nicht mehr in der Lage, eine Feuerwehr, eine Schule, den Zivilschutz alleine zu führen und zu halten. Das können wir uns schlicht nicht mehr leisten. Alles andere ist für mich verklärte Romantik.

Also doch die Finanzen?

Müller: Bei unserem Budget sind 82 Prozent gebundene Ausgaben. Das heisst, ich bin noch eigenständig über 18 Prozent. Mehr Spielraum haben wir gar nicht.
Studiger: Für Oberkulm gilt das Gleiche. Die beiden Gemeinden sind finanziell praktisch gleich aufgestellt. Wenn auch die Oberkulmer wiederholt fälschlicherweise sagten, sie wollten nicht für die Unterkulmer zahlen.
Müller: In Teufenthal sehen wir, wohin das Beharren auf der Eigenständigkeit führen kann. Das Dorf lehnte dreimal den Bau eines Kreisels auf der Hauptstrasse ab. Jetzt kommt der Kanton und baut den Kreisel und die Teufenthaler haben ihren Beitrag zu zahlen. Das Gleiche würde in Unterkulm geschehen, sollten wir uns dem Ausbau des Böhlerknotens verweigern. Arbeiten wir jedoch mit, dann können wir uns einbringen. So läuft es aktuell.

Hat Sie der Entscheid geärgert?

Studiger: Geärgert hat mich letztlich nur, dass an den verschiedenen Infoveranstaltungen über die letzten zwei Jahre der Besuch eher gering war, dass wohl bei vielen die Auseinandersetzung mit den Details fehlte. Aber an der Gmeind erlebten wir einen Grossaufmarsch von Leuten, die mit dem klaren Ziel kamen, Nein zu stimmen. – Klar, das ist unsere Demokratie, und der Entscheid wird von uns allen akzeptiert.

Wie geht es weiter, zeigt Unterkulm den Oberkulmern die kalte Schulter?

Müller: Nein. Die bestehende Zusammenarbeit ist gut und bleibt bestehen. Aber wir werden in Zukunft selbstbewusster auftreten. Unser Ziel war es gewesen, im mittleren Wynental ein Zentrum zu setzen. Wir haben in den letzten drei Jahren aus Rücksicht auf die Nachbarn und die Verhandlungen einige Projekte zurückgestellt. Jetzt geben wir Vollgas und ziehen allein vorwärts.

Wie sehen die Oberkulmer die Zukunft?

Studiger: Wir wollen die Zusammenarbeit mit Unterkulm aufrechterhalten, diese war nie infrage gestellt. Allenfalls noch intensivieren, zum Beispiel im Bereich Finanzen und Steuern. Das habe ich an der Gmeind bereits angetönt. Weiteres Zusammenarbeiten ist denkbar. Im Extremfall blieben noch die Gemeindeversammlung, der Gemeinderat und die Kanzlei.

Zum Schluss: War es in Oberkulm ein Bauchentscheid und in Unterkulm ein Kopfentscheid?

Müller: Unterkulm hat die Fakten gewichtet und im Bewusstsein, immer noch in Unterkulm zu Hause zu sein, der schlankeren Organisation die Stimme gegeben.
Studiger: Die Oberkulmer gewichteten die Tradition und die Eigenständigkeit stärker.

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