Zofingen
Vehementer Schritt in die Nische — Müller Martini AG passt sich an

Das Zofinger Unternehmen Müller Martini leidet schon länger unter den Veränderungen innerhalb der Druckbranche. Jetzt konzentriert sich die Familien-AG auf ihre Stärken und investiert.

Beat Kirchhofer
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Die Martin Müller AG ist bekannt für Systeme Druckweiterverarbeitung und Spedition.

Die Martin Müller AG ist bekannt für Systeme Druckweiterverarbeitung und Spedition.

Müller Martini AG

Sinken die Auflagen von Zeitungen und Zeitschriften, stottert und hustet die Druckbranche – und deren Maschinenlieferanten bekommen die Grippe. Investitionen und damit Bestellungen bleiben aus.

Dies musste das Zofinger Unternehmen Müller Martini – und dessen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – in den letzten zehn Jahren schmerzlich erfahren. Es wurde restrukturiert, Arbeitsplätze wurden abgebaut.

Tatenlos schaute dem die Zofinger Familien-AG nicht zu. Sie ist bekannt für Systeme der Druckweiterverarbeitung und Spedition und ging auf die Suche nach Marktnischen. Dieser Tage wurde die Traditionsfirma beim Besetzen einer solchen erneut handelseinig, wie sie in einer Medienmitteilung schreibt.

«Der Strukturwandel hat die grafische Branche stark verändert – unser Markt ist deutlich kleiner und vielfältiger geworden.» Bruno Müller, CEO Müller Martini

«Der Strukturwandel hat die grafische Branche stark verändert – unser Markt ist deutlich kleiner und vielfältiger geworden.» Bruno Müller, CEO Müller Martini

zvg

Müller Martini übernimmt vom deutschen Maschinenhersteller Kolbus mit Sitz in Rahden (Nordrhein-Westfalen) das Klebebinder- und Buchlinien-Geschäft. «Der Strukturwandel hat die grafische Branche in den vergangenen Jahren stark verändert, und unser Markt ist deutlich kleiner und gleichzeitig vielfältiger geworden», sagt Bruno Müller, CEO von Müller Martini.

«Kunden verlangen regelmässige Innovationen, die mit tieferen Verkaufsstückzahlen finanziert werden müssen. Von den Effizienzgewinnen aus der Zusammenführung der Buchbindeaktivitäten profitieren vor allem auch unsere Kunden.»

Indem Personal, Know-how, Technologie und Infrastruktur der beiden Unternehmen zusammengeführt werden, könne Müller Martini den Markt langfristig noch besser mit innovativen Lösungen bedienen. «Das sichert die Zukunft des Softcover- und Hardcover-Geschäfts unserer Kunden – und damit Arbeitsplätze in der grafischen Industrie.»

Soft- und Hardcover

Softcover, das sind in der Fachsprache Broschüren und Taschenbücher, Hardcover traditionelle Bücher. Das Buchbinde-Geschäft von Kolbus geht mit rund 250 Mitarbeitenden an die neue Gesellschaft Müller Martini Buchbinde-Systeme GmbH über, die als eigenständiges Werk mit Sitz in Rahden in die Müller Martini Gruppe integriert wird. Das Know-how für das Maschinensortiment von Kolbus wird von Müller Martini übernommen, gesichert und weiterentwickelt, sagt Bruno Müller.

Für den Bereich des «Finishings» haben Müller Martini und die Hunkeler AG in Wikon letztes Jahr an einer Fachmesse in Luzern eine vertiefte Zusammenarbeit angekündigt. Sie präsentieren gemeinsam eine Produktionslinie für Softcover-Bücher, die nur so von Innovationen strotzt. Egal in welchem Format und in welchem Seitenumfang: Parallel können zwei verschiedene Formate gefertigt werden.

Ein Format- und Umfangwechsel erfolgt vollautomatisch. Die Fertigung eines einzigen Buchexemplars ist so weder technisch noch wirtschaftlich ein Problem. Der eigentliche Druck erfolgt auf dem Aggregat eines beliebigen Herstellers.

Ihm folgen die Finishing-Einheit von Hunkeler und schliesslich der Müller-Martini-Klebebinder. Müller Martini habe dafür ihr Daten- und Prozess-Management System «Connex» für dessen Einbindung in eine kombinierte Produktionslinie freigegeben, hiess es in Luzern.

Aus der Geschichte der Müller Martini AG

Friedrich von Martini – aus dem damals rumänischen Herkulesbad stammend – wurde 1863 Mitinhaber der Frauenfelder Maschinenbauanstalt. Das Fabrikationsprogramm war breit angelegt. Es reichte von Eisenwaren, Buchbindemaschinen über Gewehre, Stickereimaschinen, Müllereimaschinen bis hin zu Gas- und Petrolmotoren. Friedrich von Martini war ein rühriger Erfinder und unermüdlicher Konstrukteur. Doch der wirtschaftliche Erfolg wollte sich nicht so recht einstellen.

Die Martini-Werke versuchten den schleichenden wirtschaftlichen Niedergang unter anderem mit einer Automobilproduktion aufzuhalten. So wurde 1903 in St. Blaise die erste schweizerische Automobilfirma errichtet.

Während der Autobau 1934 aufgegeben wurde, hat die seit 1922 in Felben-Wellhausen ansässige Martini-Buchbindereimaschinenfabrik eigentlich jede Krise überstanden. 1947 gründete in Zofingen Hans Müller eine Maschinenfabrik – ab 1956 als Graphag im Handelsregister eingetragen.

Im Jahr 1969 erwarb Müller die Martini Buchbindereimaschinenfabrik AG in Felben. Die Auflagenentwicklung führender Zeitschriften stellte in den 60er-Jahren immer höhere Anforderungen an die Fertigungskapazität. Müllers Antwort waren innovative Sammelhefter, mit welchen Müller Martini die Marktführerschaft errang. Der europäische Marktanteil für Samm