«Gib noch etwas mehr, bis zum Haaransatz», sagt ein erfahrener Schmutzli, «die Kinder schauen gerne unter die Kapuze hoch.» So streich ich in der Zivilschutzunterkunft halt noch etwas von dieser schwarzen Schmiere, die an Schuhwichse aus dem Militärdienst gemahnt, ins Gesicht. Als Schmutzli-Novize will ich mir keine Blösse geben, auch nicht beim Haaransatz.

Reto, mein Samichlaus und Kassier bei der Chlauszunft Aarau-West, und Schmutzli Claudio aus Uerkheim sind meine Lehrmeister. Ich ziehe mir im Dienstchef-Raum den schwarzen Rollkragenpulli über, dann die schwarze Kutte. Wäre sie braun, ich käme mir als Kapuziner vor. «So knöpfst du dir die Kordel um den Bauch», sagt Claudio und machts gleich selber. Reto zeigt die verschiedenen Routen des Abends. Besucht werden Institutionen wie Feuerwehr, Spitex, Kindergärten, auch Firmen, vor allem aber Familien. Und das von Safenwil über Staffelbach bis nach Aarau. «Immer öfter feiern mehrere Familien und Generationen zusammen», sagt Reto.

Gegen Fünf sind die Trupps bereit. Mit einem Becher Weisswein wird angestossen. «Chlaus» oder «Schmutz» sagt man dazu, je nach Anstosspartner. Ein Ritual. Dann wird der Sack gepackt, die Rute montiert. Und ein paar Nüsse und Schlecksachen in die Kuttentasche. «Falls uns auf der Strasse Kinder begegnen», sagt Claudio. Reto liest im roten Buch, wer heute an der Reihe ist. Der moderne Chlaus ist mobil. Nadine, Retos Frau, fährt uns ins Quartier, wo die erste Familie auf unseren Besuch wartet. Sie holt die bereitgestellten Chlaussäcke und Päckli, bringt sie zum Auto, bevor wir aussteigen.

Meine erste Familie als Schmutzli

Und da ist sie: meine erste Familie als Schmutzli. Der dreijährige Tim (alle Kindernamen geändert) blickt skeptisch. Offenbar erkennt er: Mein Bart ist echt. Und der macht Angst. Ich nehms nicht persönlich, dass er das Geschenk nicht vom Schmutzli überreicht haben will, bin ich doch nach dem Schminken selber erschrocken. Heiss ists in der guten Stube, und Reto meint später: «Der Wechsel von Kälte und Wärme ist nicht ohne.» Das merkt im zweiten Haus auch seine Brille. Wir nähern uns und sehen im erleuchteten Wohnzimmer Kinder wegspringen. Wie muss die Aufregung gross sein. Reto liest einen falschen Namen; er hat die falsche Seite aufgeschlagen. Eine Mutter reicht ein Tüchli, um die angelaufene Brille zu putzen.

Reto fragt die Kinder jeweils, wie es ihnen geht. Es geht allen gut an diesem Abend, und sie kennen ihre Stärken und Schwächen sehr wohl. Streitereien unter Geschwistern sind ebenso ein Thema wie gegenseitige Fürsorge. Ein Dauerbrenner ist die Ordnung. In einer Wohnung ist der Spruch aufgehängt: «Gestern war hier aufgeräumt. Schade, dass du es verpasst hast.» Und ein Vater gesteht, dass Aufräumen auch nicht seine Stärke sei. Noah, 4, und Lea, 8, haben kein Problem damit, das Geschenk aus meinen Händen entgegenzunehmen. Das nehme ich gerne persönlich. Sie bedanken sich mit Gedichten und drehen noch eine Pirouette.

Reto rinnt der Schweiss den Rücken hinunter. Auch ich habe heiss bekommen. Es scheint, als wollten die Familien dem Samichlaus und seinem Gefolge eine extra warme Stube bieten. Beim dritten Besuch sind die Grosseltern und zwei junge Familien vereint. Noëmi, 7, und Anna, 6, brauchen etwas Zeit, bis sie auftauen. Reto ist eine mächtige Erscheinung, auch wenn er sitzt. Nun bin ich endgültig in meiner Rolle angekommen. Noëmi bestätigt mir mit Händedruck und ehrfürchtigen Augen, dass sie sich mehr Mühe geben will beim Aufräumen. Und Anna schenkt dem Samichlaus eine Zeichnung.

Vier Gruppen sind heute Abend unterwegs, in Muhen, Hirschthal, Kölliken, Safenwil, Schöftland und Aarau. Wir fahren zur letzten Station, einem Gewerbebetrieb, der seiner Kundschaft auf besondere Art seinen Dank serviert: mit einem Fondue-Plausch im Freien. Hat es zu Beginn des Abends leicht genieselt, so ists jetzt trocken. Finnenkerzen verbreiten Wärme. Dicht an dicht stehen Alt und Jung, und die Kinder brennen darauf, ihr Sprüchli loszuwerden. Claudio und ich belohnen sie mit einem Chlaus-Säckli. «Warum hast du eine Rute?», will ein Dreikäsehoch wissen. Auweia: Was sag ich jetzt? Früher hätten Eltern jeweils zu Hause eine Rute aufgehängt, um die Kinder daran zu erinnern, dass sie sich brav verhalten sollten, sage ich. Die Mutter scheint zufrieden zu sein.

Santi Niggi Näggi

«Zimmetstärn, hani gärn, Mailänderli au»: Eine Mutter hat ein paar Kinder um sich geschart und singt mit ihnen, begleitet sich auf der Gitarre. Da wippe ich gerne mit. Noch aber ist mein Sack voller Säckli. Die Kinder sind bereits bedient, also sollen sich gefälligst die Erwachsenen an ihre Jugend erinnern. Zwei Zeilen müssen es mindestens sein. Und sie kommen: «Santi Niggi Näggi, hinderem Ofe stecki, gimmer Nuss und Bire, de chumi wider vüre».

Die Kollegen haben nicht gelogen: Die schwarze Schminke ist gut wasserlöslich. Wir gehen noch in den Schnägg, so heisst das Restaurant Bahnhof unter Eingeweihten. Plaudern, lachen, plagieren: Unter den Chläusen und Schmutzlis beginnt nun, wie Samichlaus Felix ironisch meint, die Verarbeitung des Tages. Chlaus Armin erzählt von einem Sechsjährigen, der ihm gesagt habe, er könne lesen und schreiben und man sage, er sei ein Wunderkind. Felix ist mit seinen Schmutzlis in eine Wohnung geraten, wo der Fernseher noch gelaufen sei, welcher erst nach Intervention eines Schmutzlis abgestellt worden sei. Da hab ich ja Glück gehabt, denke ich.