Die E-Mail, die Anfang April im Postfach der Unterkulmer Gemeindeverwaltung landete, war ungewöhnlich. Das PDF-Dokument im Anhang trug den Titel «Unterkulm», gefolgt von asiatischen Schriftzeichen. Gemeindeschreiber Beat Baumann zögerte erst. Beim Öffnen von Mails mit unbekanntem Absender besteht Virus-Gefahr, speziell bei solchen aus dem asiatischen Raum.

Baumann entschied sich zum Öffnen – und staunte nicht schlecht. «Dürfen wir Ihre Gemeinde besuchen?» Stand da zuoberst. Dies fragte nicht etwa eine Schulklasse im Rahmen einer Projektwoche, sondern eine Delegation von Professoren und Politikern aus Südkorea. Im Brief erklärt der Projektleiter Kuan-Ug An, der einst in Konstanz studiert hatte, dass eine achtköpfige Delegation aus Buk-gu vom 16. bis 21. Mai in der Schweiz weile.

Gemeindepolitik unter der Lupe

Buk-gu mit gut 443'000 Einwohnern ist eine politische Gemeinde und bildet mit sieben anderen Gemeinden die Mega-Stadt Daegu (2,6 Millionen Einwohner) im Südosten des Landes. «Der Grund für den Besuch», steht im Brief, «liegt vor allem in einer Vertiefung der Kenntnisse davon, wie politisch-administrative Prozesse auf Ihrer Gemeindeebene laufen.» Und: Gerne wolle die Delegation – sie besteht aus zwei Frauen und sechs Männern – am 16. Mai die Gemeindeversammlung besuchen.

«Wir erfuhren, dass südkoreanische Delegationen alle ein bis zwei Jahre die Schweiz besuchen», sagt Gemeindeschreiber Baumann. «Dies im Rahmen eines staatlichen Projekts, das die Dezentralisierung im Land fördern will, um mehr Aufgaben und Kompetenzen auf die Gemeinden zu verteilen.» Vermutlich, so Baumann, habe der Projektleiter im Internet nach einer gut organisierten Gemeinde gesucht, die während des Aufenthalts der Delegation ihre Gemeindeversammlung abhält. Dabei muss der Südkoreaner auf das Dorf im Wynental gestossen sein. Die Schweiz mit ihrem föderalen System und ihrer direkt-demokratischen Struktur hat für die Südkoreaner also Vorbildcharakter. Vergangene Besuche in der Schweiz, etwa in Sirnach (TG) oder Regensberg (ZH), scheinen den erwarteten Lerneffekt erzielt zu haben.

BNO als Lehr-Beispiel

Um dem hohen Besuch aus dem Fernen Osten einen würdigen Aufenthalt zu bieten, hat der Gemeinderat für Donnerstag, 16. Mai ein Programm im Zeichen der Gemeindeautonomie (mit kurzem Abstecher in die Aarauer Altstadt) zusammengestellt. Besichtigt werden etwa der Kulmer Gerichtssaal und die Feuerwehr Mittleres Wynental, ehe am Abend die Gemeindeversammlung auf dem Plan steht. Frau Vizeammann Manuela Basso, die für diesen Tag kurzerhand freigenommen hat, wird offizielle Führerin für die asiatischen Gäste sein.

Mit der Revision der Nutzungsplanung als Haupttraktandum bekommt die Delegation an der Gmeind ein komplexes Thema vorgesetzt. «Am Vormittag steht ein zweistündiger Austausch zwischen dem Gemeinderat und der Delegation auf dem Programm», so Baumann. Dann würden auch die gesetzliche Basis und das Vorgehen erklärt. In der Gmeind selber soll es keine langen Erklärungen mehr geben. Die Gäste sollen eine authentische Gemeindeversammlung erleben.