Reinach

«Unser Programm ist ein Rundumpaket»: Hier werden Flüchtlinge fit für eine Lehre gemacht

Samuel Weldehannes (links) wird in der Werkstatt vom Freiwilligen Benno Vogler gecoacht.

Samuel Weldehannes (links) wird in der Werkstatt vom Freiwilligen Benno Vogler gecoacht.

Das Integrationsprogramm «Jubiar» der Reinacher Stiftung Lebenshilfe hilft Flüchtlingen bei der Integration. Nach drei Jahren ist es nun in seine eigenen Räume gezogen.

«Du musst das zuerst mit dem Winkel abmessen», sagt der ältere Herr, der sich über die Werkbank beugt. Von der anderen Seite der Bank stützt sich Samuel Weldehannes auf die Holzplatte, von der es eine Leiste abzusägen gilt. Der 24-jährige Eritreer kriegt Werkstattunterricht. Benno Vogler, der hilfreiche Senior, ist Freiwilliger des Integrationsprogramms für Flüchtlinge «Jubiar» der Stiftung Lebenshilfe. Bis zur Pen­sionierung war der 69-jährige Elektromechaniker, nun bringt er dem jungen Eritreer und den anderen Kursteilnehmern (es sind durchschnittlich 30 Personen im Programm, pro Kurs vier bis zehn) Handfertigkeiten bei, die sie für Schnuppertage oder ein Praktikum fit machen sollen.

Bei ihrem ersten Tag in einer Firma soll der Chef nicht sagen: «dä cha ja gar nüt», wie es Benno Vogler ausdrückt. Nur, weil sein Schüler nicht dieselbe Bildung wie ein Schweizer gehabt habe. Wenn Samuel Weldehannes nächste Woche bei einem Schreinerunternehmen schnuppern geht, wird er wissen, wozu welches Werkzeug verwendet, wie der Winkel angesetzt und wie die Säge gehalten wird.

Seit drei Jahren existiert das Programm Jubiar (Jugend, Bildung, Arbeit), initiiert von den Gemeinden Reinach, Menziken und Burg, um Geflüchtete in den Gemeinden besser zu integrieren. Erst wurde das an die Stiftung Lebenshilfe angegliederte Vorhaben von den Gemeinden und Spenden finanziert, seit einem Jahr nun ist es Teil des kantonalen Integrationsprogramms Kip und erhält Kantonsgelder. Die Teilnehmer reisen aus dem ganzen Kanton nach Reinach. Seit Beginn dabei sind die drei Programmleiter Simone Silbereisen, Gabi van der Molen und Kibrom Kidanemariam, der vor neun Jahren selber als eritreischer Flüchtling herkam und jetzt Coach ist.

Werkstatt, Deutschunterricht, Bewerbungsatelier

Jubiar war bereits im Centralschulhaus, danach im Kindergarten Volta untergebracht. Jetzt sind sie frisch in ein ­ehemaliges Industriegebäude am Reinacher Bahnhof Nord gezogen. Einen Steinwurf vom­Lebenshilfe-Hauptsitz entfernt. «Unser Programm ist ein Rundumpaket», erklärt Simone ­Silbereisen das Konzept. In den drei Kursbesuchen pro Woche gehen die Teilnehmer nicht nur in die Werkstatt, sondern auch ins Lernatelier, wo ihre Lücken in Deutsch, Mathematik und Allgemeinwissen angegangen werden, und ins Bewerbungsatelier.

Auch nach Firmen zum Schnuppern sucht Jubiar für die Teilnehmer. Hier seien sie auf grosse Offenheit gestossen, sagt Silbereisen. Edith Tedesco (49) ist freiwilliger Coach im ­Lernatelier und sitzt gerade einem Teilnehmer gegenüber, zwischen den beiden ein Haufen Papier mit Deutschübungen. «Man muss bereit sein, etwas vom kulturellen Hintergrund der Teilnehmer zu lernen», sagt sie.

Die Erfolgsquote liegt bei 90 Prozent

Die meisten Teilnehmer sind um die 20, haben die Schule also nicht in der Schweiz durchlaufen. Viele waren zuvor im Integrationsprogramm der Kantonalen Schule für Berufsbildung (KSB). Viele wohnen noch in Flüchtlingsunterkünften und hoffen, durch das Integrationsprogramm eine Berufsausbildung und damit den Weg in die Eigenständigkeit antreten zu können. So auch Samuel Weldehannes. Seit er vor sechs Jahren in die Schweiz kam, wohnt er in Unterkünften. Momentan in Oberentfelden. Mechaniker habe er als Kind werden wollen, sagt er in gutem Deutsch. Stattdessen verliess er mit 17 Jahren sein Land.

«Die Politik», sagt er knapp, als er nach dem Grund gefragt wird und fügt hinzu: «Man darf in Eritrea nicht machen, was man gerne möchte, nur, was die Politik will.»

Um das eben doch zu machen, nahm er eine Fahrt übers Mittelmeer auf einem Boot mit 500 anderen Migranten in Kauf. Jetzt sucht er nach einer Lehrstelle als Schreiner. Seine Chancen auf einen Berufseinstieg stehen gut: Wie Simone Silbereisen sagt, lag 2019 die Quote an Teilnehmern, die nach dem Programm eine Vorlehre oder Lehre machen können, bei 90 Prozent.

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