Bezirksgericht
Ungewöhnlich: Das Strafverfahren gegen ein Ex-Paar endet mit einem Vergleich

Als seine Ex-Frau in de Ferien weilte schrieb er ihr eine üble Mail ins Geschäft, weil er wusste, dass dieses an die Geschäftsleitung weitergeleitet wurde. Das liess sie sich nicht bieten.

Rahel Plüss
Drucken
Teilen
Ein Ex-Paar landet vor dem Richter – und scheint plötzlich versöhnt. Roland Schmid

Ein Ex-Paar landet vor dem Richter – und scheint plötzlich versöhnt. Roland Schmid

Roland Schmid

Ende gut, alles gut – ein Gerichtspräsident wirkt zuweilen auch als Mediator. So geschehen am Bezirksgericht Kulm diese Woche. Mit einem eindringlichen Appell brachte Christian Märki die beiden streitbaren Parteien dazu, sich auf einen Vergleich zu einigen.

Die Klägerin zog ihren Strafantrag zurück, der Beschuldigte gab seinem Bedauern Ausdruck und erklärte sich bereit, die Verfahrenskosten zu übernehmen.

Zu guter Letzt unterzeichneten die beiden sogar eine Absichtserklärung, ihre Kommunikationsprobleme mit professioneller Unterstützung anzugehen. Ein ungewöhnlicher Ausgang eines Strafverfahrens – aber einer, der den Gerichtspräsidenten zweifelsohne in Gute Laune versetzte.

Was war passiert?

Im Gerichtssaal sassen ein Mann und eine Frau mittleren Alters, beide mit Schweizer Staatsbürgerschaft. Er Ingenieur, sie leitende Angestellte bei einer Bank. Beide adrett gekleidet. Er in hellem Kittel und Hemd, sie ganz in Schwarz mit hochhackigen Stiefeletten. Die beiden, nennen wir sie Stefan und Maria, waren einmal ein Ehepaar, bevor sie – nach einem fünf Jahre dauernden Scheidungsstreit – im Jahr 2015 geschieden wurden.

Zur erneuten Gerichtsverhandlung war es gekommen, weil die Staatsanwaltschaft Zofingen Kulm Stefan wegen übler Nachrede gegen seine Ex-Frau für schuldig befunden und zu einer bedingten Geldstrafe von 30 Tagsessätzen zu je 170 Franken und einer Busse von 1000 Franken verurteilt hatte. Stefan hatte nämlich seiner Ex-Frau eine E-Mail ins Geschäft geschickt, obwohl er wusste, dass Julia in den Ferien war und die Nachricht automatisch an die Geschäftsleitung weitergeleitet würde. Im Schreiben behauptete er, sie habe ein Darlehen geleugnet und versucht, Gelder von seiner Mutter zu veruntreuen. Äusserungen, die gemäss Staatsanwaltschaft «geeignet sind», den Ruf von Maria zu schädigen.

Motiv bleibt verschwommen

Dieser Schuldspruch passte Stefan gar nicht, war sein Leumund doch bisher unbescholten. Er focht den Strafbefehl an und so fand man sich vor Gericht wieder.

Stefan war sichtlich angespannt. Er beantwortete die Fragen des Gerichtspräsidenten ausschweifend und unpräzise. Er konnte weder schlüssig erklären, warum er die Nachricht – trotz ausdrücklichem Ersuchen seiner Ex-Frau, dies nicht zu tun – ins Geschäft geschickt hatte, noch weshalb er sie just während ihrer Ferienabwesenheit abfasste und schon gar nicht, warum er mit dem Vorwurf der Veruntreuung eine Geschichte hervorkramte, die mit der Scheidung bereits ad acta gelegt war. Er gab zu Protokoll, «es nicht präsent» gehabt zu haben, dass Marias Geschäftsadresse tabu sei. Auch sei ihm nicht bewusst gewesen, dass «veruntreuen» ein juristischer Begriff sei. «Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich sicher einen anderen gewählt», sagte er.

Als Maria den Raum betrat – sie war während Stefans Befragung in den Ausstand getreten – war klar: Auch sie war angespannt. Sie beantwortete die Fragen des Gerichtspräsidenten mit leiser Stimme. Ob diese Mail an ihrem Arbeitsplatz weitere Konsequenzen ausgelöst habe, wollte Märki wissen. Sie habe geweint, sagte sie. Sie hätte gehofft – schon wegen der gemeinsamen 15-jährigen Tochter – dass das Gstürm endlich aufhöre. Ob der Vorwurf der Veruntreuung negative Folgen für sie gehabt habe, hakte der Gerichtspräsident nach. «Meine Vorgesetzten haben mich geschont», antwortete sie. Aber man habe ihre Transaktionen schon überprüft. «Weiter nichts?», so Märki. «Nein.»

Überraschende Kehrtwende

Die Zeit war gekommen, ein Urteil zu fällen. Ein kurzer Unterbruch stand an. Bevor sich die Parteien erhoben, ergriff Märki noch einmal das Wort und redete den Anwesenden ins Gewissen: «Sie haben einen langen Scheidungsstreit hinter sich. Es sind fünf Jahre vergangen und mehrere Verfahren geführt worden.» Er bat Stefan und Maria, sich – nicht zuletzt zum Kindswohl – die Frage zu stellen, ob nicht ein Schlussstrich gezogen und die Lebensenergie besser anderweitig eingesetzt werden sollte. Und siehe da: Als die Parteien nach einer kurzen, getrennt geführten Beratungspause, den Gerichtssaal wieder betraten, erklärten sie sich mit dem Vorschlag des Gerichtspräsidenten einverstanden – zwar nicht, ohne um die Pauschalsumme für die Verfahrenskosten noch ein bisschen zu feilschen, aber immerhin.

«Es ist nicht das erste Mal, dass am Bezirksgericht Kulm ein Vergleich in einem Strafverfahren klappt. Aber es kommt sehr selten vor», sagt Gerichtspräsident Märki nach der Verhandlung, «vielleicht einmal im Jahr, vielleicht sogar seltener. Umso mehr freue es ihn, wenn es «zum Wohle aller Parteien» gelinge.

Aktuelle Nachrichten