Warum die Leute Samen von Wildblumen kaufen, das ist Vasyl Piddubniak bis heute nicht ganz klar. Der 22-jährige Student aus der Ukraine macht auf dem Hof von Familie Häfliger in Reitnau ein Praktikum. Nach über einem Jahr im Wildblumenvermehrungsbetrieb ist er zu einem Schluss gekommen: «Wahrscheinlich wollen die Schweizer mit der Blumenmischung einfach ihr Land verschönern.» Ihn fasziniert die Technik dahinter, besonders die Dreschmaschine, die aus den ganzen Pflanzen die Samen herausholt.

Alles muss zackig gehen

Piddubniak studiert in der Ukraine an einer Agraruniversität. Dass er sein Studium für ein anderthalbjähriges Praktikum in der Schweiz unterbrochen hat, bereut er nicht: «Die Arbeit hier ist eine intensive Lehrzeit, in einem hoch entwickelten Land, wo ich auch noch meine Deutschkenntnisse verbessern kann.» Im Gegensatz zur Uni, wo er oft nur auf das Ende der Stunde warte, lerne er hier jeden Tag etwas Neues.

Sein Tagesablauf in der Heimat sei ganz anders als hier, erzählt er: «In der Ukraine bin ich Student, und hier muss bei der Arbeit alles zack-zack gehen.» Um sieben Uhr gibts Frühstück, um 19 Uhr ist Feierabend. Piddubniak mag aber die Abwechslung bei seiner Arbeit. Sobald er am Morgen die Kälber auf die Weide gebracht und den Stall geputzt hat, fragt er beim Chef nach, was gerade noch anstehe. «Je nach Wetter arbeiten wir auf dem Feld, im Stall oder im Treibhaus. Im Moment helfe ich oft, Gladiolen zu pflücken und zu Sträussen zu binden.»

Mit Familie Häfliger versteht er sich gut und oft unterhalten sie sich während der gemeinsamen Mahlzeiten und auf Autofahrten. Eine Sprachbarriere besteht kaum noch, lernt Vasyl Piddubniak doch schon seit der 5. Klasse Deutsch und hat vor zwei Jahren ein ähnliches Praktikum in Deutschland absolviert. Schweizerdeutsch hingegen mag der 22-Jährige nicht besonders. «Die Kollegen aus Bern verstehe ich überhaupt nicht», ergänzt er und lacht. Mit den Arbeitern aus der Slowakei spricht er manchmal Ukrainisch und bekommt slowakische Antworten. «Doch mit Deutsch sind wir auf der sicheren Seite, dass wir uns wirklich richtig verstehen.»

Lieber etwas mehr Suppe

In der Freizeit versucht Piddubniak, möglichst viel von der Schweiz zu sehen. Am Abend sitzt er gerne mit Kollegen an der Suhre, am Wochenende trifft er sich mit anderen Praktikanten in Luzern, Bern oder Zürich. «Dieser Erfahrungsaustausch ist mir wichtig. Wir haben immer viel zu erzählen und verstehen die Freuden und Probleme der anderen gut.»

Nach 13 Monaten Praktikum zieht Vasyl Piddubniak ein positives Fazit: «Alles ist gut.» Mit Ausnahme des Essens: «Das Trockenessen in der Schweiz ist nicht so nach meinem Geschmack. In meiner Heimat gibt es viel Suppe, die vermisse ich.»

Gefühl der Freiheit fehlt

Piddubniaks Heimatdorf im Zentrum der Ukraine ist zwar nur wenig kleiner als Reitnau, trotzdem kommt es ihm komplett anders vor: «Bei uns wohnt man Gartenzaun an Gartenzaun und weiss deshalb genau, was die Nachbarn machen», erklärt er. Umso erstaunlicher ist für den jungen Ukrainer, dass sich im Dorf alle grüssen: «Sogar der Busfahrer wünscht mir hier einen schönen Tag, und die Verkäuferinnen sind sehr freundlich. Das war für mich ein Kulturschock.»

Das Bergrennen und die 1.-August-Feier werden ihm in Erinnerung bleiben, aber auch die steilen Hügel und die Sicht auf die Alpen. Und die vielen Traktoren auf Reitnaus Strassen: «Sogar zwischen den Feldern gibt es hier gepflegte Wege, alles ist sehr kultiviert und korrekt», schildert Piddubniak seine Eindrücke von Reitnau. Doch diese Ordnung empfindet er auch als einengend: «In der Ukraine gibt es weniger Regeln und ich kenne mich besser aus. Dieses Gefühl der Freiheit fehlt mir hier.»