Extremsportler
Ueli Stecks Tod beschäftigt Hochseilartist Freddy Nock: «Die Welt braucht Spinner wie uns»

Sie waren nicht nur durch ihre Leidenschaft für Extremsport verbunden: Der Tod des Extrembergsteigers Ueli Steck beschäftigt auch den Hochseilartisten Freddy Nock. Stecks Sturz in den Tod flösst dem Hochseilartisten aber keine Angst ein.

Raphael Nadler
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Was wir machen ist extrem», bestätigt Freddy Nock. Obwohl er und der verstorbene Ueli Steck viel gemeinsam hatten, sieht Nock seine Leidenschaft des Seillaufens aber nicht als so extrem an, wie die des Speed-Bergsteigers. «Ich habe immer noch das Seil, an dem ich mich in einer Ausnahmesituation festhalten kann. Das hatte Ueli leider nicht.»

Freddy Nock war geschockt über die Nachricht des Todes von Ueli Steck, von der er über Facebook erfahren hat. Die beiden haben sich mehrfach getroffen und auch ausgetauscht. Nock beschreibt Steck als ruhigen und zurückhaltenden Mensch, der erst dann aus sich rausgekommen sei, wenn es um die Berge und das Klettern gegangen sei. «Über die Angst oder den Tod haben wir nie gesprochen», betont der 52-jährige Hochseilläufer. «Aber über unsere Leidenschaft, unsere grossen Ziele und Träume.»

Freddy Nock bei seinem Dreifachweltrekordversuch am 20. März 2015 auf dem Piz Prievlus im Engadin. Am Ende wurde es ein Zweifachweltrekord.

Freddy Nock bei seinem Dreifachweltrekordversuch am 20. März 2015 auf dem Piz Prievlus im Engadin. Am Ende wurde es ein Zweifachweltrekord.

Keystone

Auch das Training und die Vorbereitung seien immer wieder Thema ihrer Gespräche gewesen. «Die Leute wissen gar nicht, was es alles braucht um solche Leistungen zu erbringen», stellt Freddy Nock im Gespräch mit Aussenstehenden immer wieder fest. Obwohl auch er täglich hart arbeitet, zeigt er sich beeindruckt vom Aufwand, den Ueli Steck jeweils betrieben hatte.

Nicht über heikle Situationen reden

Nock trainiert täglich er an seiner Fitness, der Balance, den Reflexen, der mentalen Stärke und auch der Halte- und Falltechnik. «Um das Risiko zu minimieren, muss man die Gefahren kennen und auf sie vorbereitet sein», weiss Nock. Auch er hat schon heikle Situation erlebt. «Die Anzahl würde ein dickes Buch füllen.» Darüber reden will er aber nicht. Er schaue nach vorne denke nur positiv.

Auf dem Seil geboren

Alfred «Freddy» Nock ist am 10. Dezember 1964 in Gränichen geboren. Er entstammt der Zirkusfamilie Nock. Mit vier Jahren machte er seine ersten Erfahrungen auf dem Seil. Mit elf Jahren begann er mit dem Hochseillauf. Bereits seine Grosseltern waren Seilläufer. In der Folge wurde er bei verschiedenen internationalen Nachwuchsfestivals für Artisten ausgezeichnet. Seit Ende der 1990er Jahre hat sich Freddy Nock mit verschiedenen Weltrekorden einen Namen gemacht. Er ist verheiratet, Vater von fünf Kindern und wohnt in Uerkheim.

Freddy Nock plante im März 2015, im Engadin einen Dreifachweltrekord aufzustellen. Als erster Mensch wollte er auf über 3500 Metern über Meer eine Strecke von 347 Meter blind zurücklegen. Ohne Sicherung. Unter ihm eine Fallhöhe von über 1000 Metern. Über seinen Kopf stülpte er einen schwarzen Spezialhelm aus Karbon. In Uerkheim trainierte er das über Wochen, hatte ein gutes Gefühl, war positiv gestimmt.

Ueli Steck klettert auf der Jungfrau.

Ueli Steck klettert auf der Jungfrau.

Robert Boesch

Der erste Test auf über 3500 Metern verlief negativ. «Ich bekam im Helm zu wenig Luft», sagt Nock. «Hätte ich zuvor Ueli Steck angerufen, wäre mir das nicht passiert.» Nock verzichtete zwar auf den Helm, nicht aber auf seinen bisher höchsten Hochseillauf, schliesslich war alles vorbereitet. Das Wetter stimmte. «Als ich auf dem 3610 Meter hohen Piz Prievlus ankam, spürte ich erstmals, wovon Ueli Steck jeweils sprach, wenn er einen Gipfel erklommen hatte», sagt Freddy Nock.

Die Ideen kamen auf dem Gipfel

Dort oben kamen ihm Ideen für neue Projekte, obwohl er gar nicht danach suchte. «Das Gefühl, es geschafft zu haben, setzte Energie frei, die nach noch Höherem strebt», fasst es Nock zusammen. Was strebt er als Nächstes an? «Es ist noch nichts spruchreif», sagt er, aber es gebe mehrere Projekte, an denen er arbeite.

Wovon träum er? «Ich möchte auf einem 7 km langen Seil vom kleinen Matterhorn auf das grosse Matterhorn laufen, etwas über den Wolken realisieren und den verpassten Blindlauf an einem andern Ort nachholen.» Um das zu realisieren, benötigt er nebst grosser Unterstützung auch Sponsoren, die bereit sind, seine Träume zu finanzieren.

Freddy Nock sagt abschliessend: «Die Welt braucht Spinner wie uns, um mit den Fingern auf uns zu zeigen und von den eigenen Problemen abzulenken.»