Vor 500 Jahren veränderte sich die Welt. Die Reformation stülpte alles um, was bisher rechtens war. Das liederliche Leben der Priester, der Ablasshandel und der Ämterkauf, der die gewaltigen Auslagen des Papstes für den Bau des Petersdoms in Rom finanzierte; das alles brachte das Fass zum Überlaufen. Martin Luther spaltete mit seinen Thesen die Christenheit.

1528 führte die Berner Obrigkeit die Reformation im Unteraargau ein, also auch im Gebiet zwischen Aarau und Brugg und hinauf in die Täler von Wyna und Suhre. Alles Katholische musste verschwinden.

Marienstatuen wurden von ihren Sockeln gerissen, liturgische Gewänder, Kelche und Hostienschalen aus den Sakristeien geworfen und die Kirchenglocken hatten zu schweigen.

Das ging nicht ohne Widerstand vonstatten, insbesondere auf dem Land. Man klammerte sich an das Alte, Vertraute. Ausserdem war der Hang der einfachen Menschen zu Aberglauben gross. Weil strengstens verboten, nutzten die Leute das seit Jahrhunderten Überlieferte einfach im Geheimen weiter. Beschwörungs- und Besegnungsformeln beispielsweise, oder gar Zaubersprüche.

Diese sprachen sie nicht nur aus, sondern schrieben sie auch auf kleine Papierzettelchen, die sie in Bohrlöcher in Haustürschwellen, Holzwände und Dachbalken stopften, ebenso wie Tierhaare und Kräuter. Damit waren Geister gebannt und konnten nicht ins Haus eindringen.

Geknotete Schnur gegen Warzen

Ein Büchlein mit solchen Sprüchen tauchte um 1885 in Gontenschwil auf. Pfarrer Achilles Zschokke (1823 bis 1896), Sohn des berühmten Aarauer Politikers, Philosophen, Theologen und Schriftstellers Heinrich Zschokke, soll das Büchlein aufbewahrt und um 1885 an den Aargauer Historiker Walther Merz übergeben haben.

«Ein kleines, von einer unbeholfenen Hand des vorigen (XVIII.) Jahrhunderts geschriebenes, teilweise defektes Heft», schreibt Merz im Taschenbuch der Historischen Gesellschaft des Kantons Aargau aus dem Jahr 1900.

Und es blieb nicht bei diesem einzelnen Beleg für Zauberformeln aus Gontenschwil: Erst vor wenigen Jahren wurden bei einer Hausräumung mehrere Bücher und Hefte mit Zauberzeichen, Beschwörungsformeln und Rezepten für Salben und Elixiere entdeckt.

Dass die Beschwörungsformeln sehr alt sind, zeigen Formulierungen wie «Ofenmareia» (Ave Maria), die nach der Reformation verpönt waren. Die Anwendungsgebiete für die Beschwörungsformeln und Segen waren vielfältig und scheinen auch recht zufällig zusammengewürfelt.

Sie schützten vor Dieben, vor Wespennestern in den Äckern, vor Verbluten oder Verletzungen, vor stumpfen Sensen, Dornen in den Fingern oder eiternden Brandwunden. Die Zaubersprüche garantierten sogar einen guten Schuss oder liessen Krätze oder Warzen verschwinden.

Während manche Sprüche oder Anweisungen kurz und unverdächtig waren – gegen Warzen beispielsweise musste man lediglich eine Schnur so oft verknoten, wie Warzen vorhanden waren und die Schnur auf die Strasse werfen – so ziehen sich Verwünschungsformeln für Diebe über ganze Buchseiten hinweg, reich gespickt mit dem Nennen von Autoritäten wie der Heiligen Dreifaltigkeit oder gar dem Teufel, um dem Ganzen Nachdruck zu verleihen.

Damit die Beschwörungsformeln auch wirklich nützten, mussten sich die Leute jeden Montag vor die Haustür stellen und folgenden Segen sprechen (auszugsweise und in originaler Orthografie):

«Wolauff, es lauffen Dieben und Diebe ihn das Haus, die wolten dir ställen din liebes Rindli, darauff da sprach die heillige Jungfrauw Mareia: Wan dir Dieb kan zellen alle Schneflocken und alle Rägentrobfen und alle Stärnen, die am Himell stant, der aber das zellen kan, der heiss mit der Dieb stil stahn, bint mir ihn an mit isenen Banden mit Gottes Händen.»

Der Formel das nötige Gewicht verliehen «15 Vater-Unser und 15 Ofenmareia» (Ave Maria), die man nach dem Segen beten musste.

Wer von einem Dieb heimgesucht worden war, konnte diesen durch einen Spruch dem Teufel übergeben und ihn so bannen. Der Fluch wurde verstärkt, indem man nachts um Mitternacht unter Verwünschungen drei Nägel in einen Baum schlug. So glaubte man, werde der Dieb Nacht für Nacht von immer noch schlimmeren Krankheiten befallen.

Drei Zähne aus einem Schädel

Wem Geld abhandengekommen war, konnte sich auf ein Geldsuchrezept verlassen. Dazu musste man einen Kristall kochen, in dem sich die Diebe wie in einem Spiegel sehen lassen. Dafür solle man in einer Pfanne «drey zän uss einer todten schädlen, drey kolen, drey Bernn fioror und dre griff saltz» kochen.

Wer sich für die Jagd einen sicheren Schuss wünschte, musste die Kugel am «alten stillen Fritig nachts» zwischen 11 und 12 Uhr giessen und sie zuoberst in den Lauf stecken. Vor dem Schuss musste folgender Spruch dreimal aufgesagt werden: «Goh gewüss schiessen ich in die Meitte des Nagels so gewüss dass Gott der Herr den Luciffer auss dem Himmell gestossen hat.» Wie viele Formeln schloss auch diese mit dem Anrufen der Dreifaltigkeit.

Wer sich auf solche Zaubersprüche und Beschwörungsformeln verliess, musste äusserst vorsichtig sein. Denn die mit der Reformation eingesetzten Chorgerichte, dörfliche Sittengerichte, gingen hart gegen Zauberei, Schwarzkünste, Versegnungen und abergläubische Zeremonien vor.

Und die Chorrichter hatten ihre Ohren überall. Bei der Beobachtung der Dorfbevölkerung wurden sie von den «Heimlichen» unterstützt; Spitzel aus dem Dorf, deren Aufgabe es war, alle entdeckten Verstösse und Laster anzuzeigen. Denn damals glaubte man, dass ein einziger Sünder in der Lage sei, ein ganzes Dorf ins Verderben zu stürzen.

Überlieferte Beispiele von Fällen von Aberglauben und Zauberei gibt es einige, wenn auch eher von der harmloseren Sorte – die schweren Fälle wurden von der Obrigkeit in Bern gerichtet. So wurde 1542 beispielsweise ein Aarauer bestraft, weil er einen Dieb verflucht hatte, und 1601 standen drei Menziker vor dem Chorgericht, weil sie sich Luzerner Hebammen geholt hatten, «welche vil abgöttische ceremonien und sägen bruchind, so unser religion zu wider».

Kein Wunder, dass auf diesem Nährboden auch die Angst vor Hexen und Zauberern munter wucherte. Und wer sich erst einmal der Kunst des Übernatürlichen verdächtig gemacht hatte, konnte sich kaum mehr rechtfertigen.

Den Grund für dieses hartnäckige Überleben der Beschwörungsformeln sieht Willy Pfister, der das Chorgerichtswesen untersucht hat, im ständigen Streben nach Macht. «Macht über die Armseligkeit, über die Menschen und über die Geister», schreibt Pfister. «Ob man sich einer Zauberformel oder eines sichtbaren Mittels bediente, oder ob man sich gerade mit Leib und Seele dem Bösen ergab, war im Grunde ja das gleiche Trachten.»

Weitere Quellen: «Das Chorgericht des bernischen Aargaus im 17. Jahrhundert»von Willy Pfister, 1939/«Kölliken, Geschichte eines Dorfes» von Markus Widmer-Dean, 1998/«Ortsgeschichte Gontenschwil» von Rolf Bolliger und Markus Widmer-Dean, 2012/«Reinach, 1000 Jahre Geschichte» von Peter Steiner/«Der Kanton Aargau» von Franz Xaver Bronner, 1844