Bauboom
Über 1000 Wohnungen bewilligt: Wird im Wynental zu viel gebaut?

In naher Zukunft sollen im Wynental über 1000 Wohnungen erstellt werden. Von politischer Seite wird das positiv bewertet, man hofft etwa auf junge Familien mit Kindern. Doch kritischen Stimmen befürchten neue Wohnungen, die leer bleiben werden.

Rahel Plüss
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Die Profilstangen im Astwerk der Bäume kündigen in Gontenschwil die Überbauung «Am Bahnhof» mit 43 Wohnungen an.

Die Profilstangen im Astwerk der Bäume kündigen in Gontenschwil die Überbauung «Am Bahnhof» mit 43 Wohnungen an.

Rahel Plüss

In vielen Wynentaler Gemeinden wird gebaut, was das Zeug hält. Werden alle derzeit bewilligten Vorhaben realisiert, ist die Region in Kürze um weit über 1000 Wohnungen reicher. Allein in Reinach sind in den nächsten zwei Jahren Überbauungen mit insgesamt mehr als 500 Wohnungen bewilligt, in Unterkulm sind es knapp 500, in Menziken rund 250 und in Gontenschwil um die 100.

Viele der Projekte kommen auf Areale in Zentrumsnähe zu liegen. So etwa der Factory-Riverpark mit 163 Wohnungen auf dem ehemaligen Voco-Areal in Reinach, die «Parzelle 191» mit 50 Wohnungen in Unterkulm oder die Überbauung «Am Bahnhof» in Gontenschwil mit 43 Wohnungen.

Dass viel und verdichtet gebaut wird, wird von politischer Seite grundsätzlich positiv gewertet. Annette Heuberger, Gemeindeammann Menziken, sagt: «Es zeigt, dass an unsere Gegend geglaubt wird und dass die Investoren erkennen, wie viel – gerade im Bezug auf Naherholung – unsere Region zu bieten hat.»

Damit drückt sie sinngemäss aus, was auch Amtskollegen von der Bautätigkeit in der Region halten. Renate Gautschy, Gemeindeammann in Gontenschwil, sieht die geplanten Projekte im Dorf als «Chance für die Gemeinde, einen grossen Entwicklungsschritt zu machen». In Unterkulm hofft man auf den Zuzug junger Familien mit Kindern, denn der lokalen Schule mangelt es an Schülern.

Es braucht Arbeitsplätze

Vermag die Region gute Steuerzahler von auswärts anzulocken? Lassen sich die über 1000 Wohnungen innert nützlicher Frist vermieten? Manch einer sieht der Entwicklung mit Sorge entgegen. Denn eins ist klar: Auch wenn sich die Bauherrschaften vieler Projekte punkto Höhe der Mietzinse noch bedeckt halten, speziell günstiger Wohnraum wird sicher nicht erstellt.

«Das ist schon allein aufgrund der heutigen Ansprüche an den Standard einer Wohnung und der Auflagen, die zu erfüllen sind, nicht möglich», sagt Herbert Huber. Er ist Geschäftsführer des Gemeindeverbands aargauSüd impuls und selbstständiger Architekt. Huber bezweifelt, dass die neuen Überbauungen viele Neuzuzüger aus den Zentren anziehen werden. Wer sich eine teurere Wohnung leisten könne, suche diese woanders, zum Beispiel im Seetal.

«Wir haben keinen See, keine Berge, keine Schlösser – und auch kein Standortmarketing, das unsere Region in Zürich bekannt macht.» Deshalb ist für Huber klar, «dass man diese Wohnungen nur füllen kann, wenn auch Arbeitsplätze zur Verfügung stehen». Da er die Neuansiedlung grosser, womöglich ausländischer Firmen im Tal für «utopisch» hält, steht für ihn die Erhaltung der ansässigen Firmen im Zentrum.

Anders sieht es Robert Weinert, zuständig für Marktanalysen bei Wüest & Partner, Zürich. Zwar räumt er ein, dass es sich bei den Bauvorhaben, gerade im Beispiel Reinach, um «eine grosse Substanz im Vergleich zur Grösse der Gemeinde» handle und es durchaus längere Zeit dauern könne, bis die Wohnungen vermietet seien. Doch seien die Leerstandszahlen in Reinach generell tief und das Angebot an Wohnungen liege unter dem kantonalen Durchschnitt.

Wie viel der Markt verträgt, werde sich erst längerfristig zeigen. Seiner Einschätzung zufolge sind für die Attraktivität der Wohnungen für Leute von ausserhalb vor allem zwei Dinge massgebend: Die Anbindung an die regionalen Zentren und das Steuerniveau.

Mieten dürften zu hoch sein

Grösste Zweifel, dass sich die Wohnungen vermieten lassen, hat Christian Schweizer. Er ist Inhaber und Geschäftsführer der lokal tätigen Immobilienvermittlerin CHS Immobilien AG mit Sitz in Reinach. Er beobachtet die sich verändernde Marktsituation in Reinach und Menziken seit zwei Jahren mit Skepsis.

Sein nüchternes Fazit: «Leerstände sind vorprogrammiert.» Bei Nettomieten über 1800 Franken für eine 41⁄2-Zimmer-Wohnung sei es schwierig, Mieter aus der Region zu finden. Und ob so viele Neuzuzüger ins Oberwynental kommen, wagt auch er zu bezweifeln.

Was aber sagen die Gemeinden dazu? Aus Gesprächen geht hervor, dass sie sich grossmehrheitlich keine Sorgen über drohende Leerstände machen. Da die Projekte allesamt von privaten Investoren getragen werden, ergeben sich für die Gemeinden bei Nicht-Vermietung keine finanziellen Nachteile.

Nur in Menziken macht man sich Gedanken über die Leerstandsproblematik. Hier befürchtet man eine Verlagerung der Mieterschaft im Dorf von Altbauwohnungen in die neuen Überbauungen. Gemeindeammann Annette Heuberger sagt: «Uns beschäftigt in dem Zusammenhang vor allem die Frage, womit sich dann die leer werdenden Altwohnungen füllen, wenn dort nicht die längst fälligen Sanierungsarbeiten vollzogen werden.»

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