Herr Trommsdorff, Sie waren bei der Geburtsstunde des TaB dabei. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie heute in dieses Haus zurückkehren?

Erhard Trommsdorff: Ich erinnere mich an viele gute Begnungen. Das war mein Lohn. Ich habe Menschen kennen gelernt, die ich im normalen Leben sonst nicht hätte kennen lernen können. Ich hatte vorher keine Beziehung zur Theaterwelt, zur Kleinkunstszene.

Das Theater war nicht Ihre Welt. Trotzdem haben Sie eins gegründet. Warum?

Erhard Trommsdorff: Als es hiess, das Kino Sommer gehe zu und das Gebäude solle als Lagerhalle umgenutzt werden, habe ich mich fürchterlich geärgert. Denn hier wurde richtig gutes Kino gemacht, hierher konnte eine Frau auch alleine ausgehen. Ich fand das einfach so schade, dass ich mir überlegte, wie man das alte Kino Sommer kulturell anders nutzen könnte. Es war schnell klar, ein Kino und ein Theater musste es sein.

Wie haben Sie Ihre Idee umgesetzt?

Erhard Trommsdorff: Es mussten natürlich Leute gefunden werden, die mitmachen. Wir, das heisst, die Gründungsmitglieder Yvonne Eichenberger-Merz, Rolf Baggenstoss, Werner Stuffacher, Rudi Weber, Erich Nussli, Heidi Balmer, Rolf Gloor und andere, haben an der Gewerbeausstellung in Gontenschwil 1983 einen Stand gehabt und für unser Projekt geworben. Wir wollten wissen, wer sich für eine Mitarbeit in einer Theatergruppe, einer Betriebskommission, einer Filmtruppe oder in der Reinigung begeistern kann. Es wollten alle Theater spielen, zum Putzen hatte ich nur eine Anmeldung.

Wie ging es weiter?

Erhard Trommsdorff: Der Zuspruch war gross, was uns dazu bewogen hat, es zu wagen. Dann sind wir auf Betteltour gegangen. Handwerker und Unternehmen aus der Region haben rund eine halbe Million Franken in Form von Geldspenden und Fronarbeit aufgebracht. Dazu kamen noch etwa 400 000 Franken Hypothekarschulden. So konnten wir das Gebäude 1983/84 kaufen und umbauen.

Herr Bisaz, ist heute das Interesse, bei einer solchen Sache ehrenamtlich mitzuarbeiten, immer noch so gross?

Clo Bisaz: Man muss heute wie damals ein gutes Netzwerk haben, die Leute kennen und auf sie zugehen. Es braucht eine Verbundenheit zur Region und zu den Menschen, die hier leben. Auch nur so bekommt man einen Draht zu Handwerkern, zu Geldgebern. Aber es geht heute nicht mehr nur mit ehrenamtlichen Laien.

Erhard Trommsdorff: Ja, heute besteht der Kopf des Theaters am Bahnhof aus Profis, die über viel Fachkenntnis verfügen. Das merkt man natürlich dem Programm an. Wir waren damals alles Laien. Wir reisten ohne Fachkenntnis an die Kleinkunstbörsen der Schweiz und kauften Produktionen ein. Damit fielen wir auch mal auf die Nase, aber meistens haben wir Glück gehabt.

Herr Bisaz, Sie reisen nicht mehr in der ganzen Schweiz herum, um Ihr Programm zusammenzustellen?

Clo Bisaz: Weil ich Schauspieler bin, mich schweizweit in der Szene bewege, kenne ich viele Künstler und bin mit ihnen im Austausch. Da kann ich vieles vom Schreibtisch aus planen. Natürlich hat sich in all den Jahren auch die Kleinkunstszene stark verändert. Die Professionalisierung ist vorangeschritten. Trotzdem, wenn man ein solches Haus leiten will, musst man Pionier sein, damals wie heute. Und man muss gute Leute im Rücken haben. Wir sind ein mittlerer Betrieb mit 130 Theater- und 99 Kinoplätzen, der sich ehrenamtlich nicht mehr führen lässt. Ich bin 40 Prozent angestellt, beschaffe aber das Geld für meinen Lohn selber.

Herr Trommsdorff, wenn Sie heute in eine Vorstellung kommen, treffen Sie ein ähnliches Publikum wie früher an?

Erhard Trommsdorff: Das Publikum hat sich eigentlich nicht verändert. Es ist heute noch so, wie wir damals waren, einfach in der zweiten, dritten Generation. Die Saat ist aufgegangen. Die Struktur ist gleich geblieben.

Clo Bisaz: Die Leute wollen heute einfach ein professionelles Niveau hören oder sehen, bei Musik, bei Theater, bei Literatur. Die Konkurrenz ist gross, deshalb muss die Programmauswahl gut sein. Man muss sich aber auch spezifizieren. Das versuchen wir.

Heute hat das TaB ein umfassendes Kinderprogramm. War das zu Beginn auch schon ein Thema?

Erhard Trommsdorff: Ja, wir hatten auch schon ein Kinderprogramm, aber nicht in dieser Breite. Wir haben unter anderem Schulvorstellungen gezeigt, die auch von der Schule bezahlt wurden. Dann hatten wir immer ein volles Haus.

Clo Bisaz: Eine professionelle Kulturvermittlung wie sie heute im Kanton Aargau existiert, gab es damals natürlich noch nicht. Angebote wie der Theaterfunken ermöglichen 1500 Kindern jährlich eine professionelle Theateraufführung in unserem Theater. Aber auch das neu aufgenommene Kinderkonzert lief super. Ich war total überrascht, an den drei Abenden war unser Haus total voll. Da habe mir gesagt: Ich muss keine Angst mehr haben. Die nächste Generation ist da.

Ich würde gerne noch einmal aufs Kino zu sprechen kommen. Wie unterscheidet sich das Kino von heute vom Kino von damals?

Erhard Trommsdorff: Wir wollten anspruchsvolles Kulturgut vermitteln. Deshalb wurden wir auch zum Teil als Elitär diffamiert. Aber mir war das eigentlich recht. Wir haben damals gemeint, das Kino sei Grundlastträger. Das war aber nicht so. Wir hatten einen Vertrag mit dem Betreiber, dass nur Studiofilme gezeigt werden dürfen. Das haben wir nachher ein bisschen gelockert. Mit dem Kino hatten wir viele Probleme. Es war immer schwierig, Pächter zu finden. Die etablierten Grossstadtkinos haben die guten Filme vorneweg bekommen, das Landkino bekam die Filmrollen erst vier Wochen später. Dann war noch die Sache mit dem Rössli, das uns aus Konkurrenzgründen ganz verbieten wollte, Kino zu machen. Das zog ein Gerichtsfall nach sich.

Clo Bisaz: Das hat sich heute aufgrund der Digitalisierung natürlich absolut verändert. Wir haben den Film grösstenteils am gleichen Tag wie Zürich. Dadurch hat sich diese Situation natürlich entspannt. Als vor vier Jahren die Digitalisierung kam, konnte unser Pächter auch nicht mehr mithalten. Deshalb haben wir einen Trägerverein gegründet. Weil wir ohne Profit arbeiten, erhalten wir jetzt Gelder von Kanton und Bund. In dem Sinne sind wir wieder zurückgekommen zu den Anfängen – Theater und Kino als Einheit. Es sind einfach zwei Trägervereine.

Das TaB feiert seinen 30. Geburtstag und steht so gut da, wie noch nie, oder?

Clo Bisaz: Ja, wir hatten noch nie so viele Gönner wie jetzt. Und wir werden heute auch von den Gemeinden, allen voran Reinach und Menziken, aber auch von Randgemeinden unterstützt. Das ist für uns, für unser Gefühl, für den Rückhalt, enorm wichtig. Ich bin wahnsinnig froh, dass das Haus keine Lagerhalle geworden ist. Dieses Haus hat einen guten Geist. Das spürt man heute, das spürte man über all die Jahre.