Schlossrued
SVP-Gemeinderat im Dorf mit höchstem Ja-Anteil hat den Sieg nicht gefeiert

Kaum Ausländer, grüne Wiesen – Schlossrued ist ein idyllisches Fleckchen. Warum fürchtet sich ausgerechnet dieses Dorf so sehr vor Einwanderern? Eine Reportage.

Aline Wüst
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Gotthold Müller, Schlossrueder SVP-Gemeinderat: «In Schlossrued ist man fürs Bewahren.»

Gotthold Müller, Schlossrueder SVP-Gemeinderat: «In Schlossrued ist man fürs Bewahren.»

Aline Wüst

Aargau zählt am schnellsten

Bei den Abstimmungen vom Wochenende lagen als Erstes die Resultate aus dem Aargau vor. «Wir sind immer unter den ersten drei», sagt Urs Meier, Generalsekretär der Staatskanzlei. «Weil am Wochenende keine kantonalen Vorlagen anstanden, hatten wir noch einen zusätzlichen Vorteil.» Normalerweise sei Glarus die Nummer eins, sagt Meier. Stefan Wyler, Leiter Wahlen und Abstimmungen im Kanton Bern, bestätigt: «Der Kanton Aargau ist immer schnell.» Jeder Kanton habe eine andere Lösung bei der Auszählung und Übermittlung der Resultate. Eine mögliche Erklärung für die regelmässigen Spitzenplätze des Aargaus: Hier gelangen die Gemeinderesultate direkt per E-Mail zur Staatskanzlei. (rpa)

Warum in Schlossrued?

In diesem Dorf, das so ist, wie man sich ein Dorf vorstellt: drei Restaurants, ein Dorflädeli, eine Metzgerei, sogar ein Schuhladen. Und Hügel, Wald, viel Platz. Gut, fairerweise muss man sagen: Geld hat Schlossrued kaum und das Schloss – das Wahrzeichen des Dorfes – zerfällt. Von weitem siehts es aber immer noch imposant aus.

Mickrig ist hingegen der Ausländeranteil: Gerademal 6,1 Prozent, das macht gut 50 Ausländer auf die 805 Einwohner.

«Nein, fremdenfeindlich sind wir nicht. Sicher nicht», sagt Gotthold Müller (63), langjähriger SVP-Gemeinderat von Schlossrued. Und geweibelt für Ja-Stimmen habe auch niemand. Nicht einmal eine Orts-SVP gebe es in Schlossrued.

Doch das spielt in diesem Dorf keine Rolle – abgestimmt wird stets stramm rechts. Warum? Hier oben sei man fürs Bewahren, sagt Müller. So sei es für ihn wichtig, dass er Mundart sprechen könne mit den Menschen. «Mundart ist für mich Heimat», sagt der Bauer, der in der sechsten Generation seinen Hof bewirtschaftet.

Und dann sagt Müller noch: «Für uns stimmt es, wie es ist.» Vielleicht hätten deshalb viele Angst, dass auch Schlossrued in einen Sog kommen könnte, in dem andere Gemeinden sich bereits befänden.

Gotthold Müller hätte übrigens nie und nimmer damit gerechnet, dass die Initiative angenommen wird. Er könne nicht sagen, dass ihn der Ausgang der Abstimmung glücklich mache – da brauche es schon anderes. Die gute Flasche Wein spare er sich auf jeden Fall lieber für etwas anderes auf.

«Angst, dass Idylle gestört wird»

Schlossrued ist still. Ab und zu fährt ein Auto vorbei. Meist hört man die Vögel zwitschern. In den Gärten stehen Schweizer Fahnen – der Wind mag sie nicht recht flattern lassen. An der Dorfstrasse ragen Geburtstännchen in die Höhe – Lea und Julia heissen die neuen Schlossruederinnen.

Ein Ehepaar gibt Auskunft über die Gründe für die hohe Zustimmung. Aber nur, wenn die Namen nicht genannt werden – sonst gebe es im Dorf ein Gerede, sagen sie. Also ohne Namen. «Wir haben schon Angst, dass unsere Idylle gestört wird», sagt der Mann. Nach Aarau an den Bahnhof würde er auf jeden Fall nicht gehen in der Nacht. «Was, wenn es in Schlossrued eines Tages auch so wird?», fragt der Mann.

«Wir sind nicht rassistisch»

Warum die beiden gegen die Zuwanderung sind, das hat aber einen anderen Grund: Ihr Kind sei mit zwei Ausländern in der Klasse. «Die stören den Unterricht und unser Kind leidet darunter.» Aber etwas dagegen tun würde niemand, sagt die Frau. Auch sonst höre man Geschichten von Schweizern, die ausgenommen würden von Ausländern, und die Kriminalität natürlich, die sei auch beunruhigend. Gegen die Deutschen hätten sie nichts, sagen beide. «Wir sind nicht rassistisch.»

«Wir sind einfache Leute hier in Schlossrued», sagt ein 51-Jähriger. Viele hätten wohl wie er Ja gestimmt aus Angst um ihre Arbeitsplätze. «Es gibt Tendenzen, dass Ausländer den Schweizern vorgezogen werden», sagt er. Vielen Schlossruedern habe es ausserdem Angst gemacht, dass sogar ein Regierungsrat sein Haus in Deutschland kaufe.

Ein 15-jähriger Schüler sagt, dass ihn die Ausländer nicht stören würden, solange sie arbeiteten und keinen Seich machten. Es gebe viele nette Ausländer. In seiner Schulklasse habe es auch einen Ausländer – einen netten.

Es ist 13.12 Uhr, der Bus hält vor dem Gemeindehaus – er ist überfüllt. Nicht alle finden einen Sitzplatz. Aha – die Masseneinwanderung! Aber nein, da sitzt kein einziger Ausländer – ausser der Frau am Steuer. Die Fahrgäste, das sind allesamt Schulkinder.