Interview

SVP-Borer: «Wir demontieren uns ein Stück weit selber»

Barbara Borer kritisiert den Stil der SVP.

Barbara Borer kritisiert den Stil der SVP.

Barbara Borer-Mathys, die Präsidentin der SVP Bezirk Kulm, sagt im Interview, welche Reaktionen sie auf ihre Kritik an Stil und Kurs des Kantonalpräsidenten erhalten hat. Und sie warnt vor einem Zerfall: «Es gibt Ortsparteien, die nichts mehr mit der SVP Aargau zu tun haben wollen.»

Frau Borer, was für Reaktionen haben Sie zu Ihrem kritischen Beitrag über den Zustand der SVP erhalten?

Zum grössten Teil positive, denn bei uns im Bezirk kommt der Ton, der von der Kantonalpartei und von der SVP Schweiz angeschlagen wird, nicht immer gut an. Es gibt Ortsparteien, deren Vertreter nicht mehr an Parteiversammlungen teilnehmen, weil sie nichts mehr mit der SVP Aargau zu tun haben wollen. Ich habe heute Anrufe von ehemaligen SVP-Wählern erhalten, die mir gratuliert haben, und ich hatte sogar eine Person am Telefon, die noch nie SVP gewählt hat, jetzt aber unsere Liste einwirft.

Warum haben Sie nicht direkt mit Andreas Glarner das Gespräch gesucht?

Ich habe Andy Glarner in meinem Beitrag nicht direkt persönlich angegriffen, sein Name kommt in meinem Statement nirgends vor. Und ich möchte festhalten, dass ich mit Andy Glarner persönlich kein Problem habe. Dass die AZ meine Kritik auf ihn bezieht, war fast anzunehmen. Aber es ist mir wichtig zu betonen, dass es nicht meine Absicht war, ihn anzugreifen.

Trotzdem kommt aus dem Schreiben klar heraus, dass Sie den Stil von Andreas Glarner nicht gutheissen.

Mir passt sein Stil nicht immer, das sage ich offen und dazu stehe ich auch. Aus meiner Sicht hatte er am Anfang, nachdem er das Präsidium der SVP Aargau übernommen hatte, einige gute Auftritte. Das habe ich ihm damals auch gesagt, denn er kann durchaus staatsmännischer auftreten und hat das Format, um unsere Partei in die Zukunft zu führen. Er ist ein intelligenter Mensch und ein guter Redner – aber er hat auch ein hitziges Temperament und bedient sich einer Sprache, die ich nicht immer gut finde.

Also ist Andreas Glarner ein Teil des Problems in der SVP, die Schwierigkeiten sind aber grösser?

Andreas Glarner hat auch mit dem «Arschlan»-Vorfall aus meiner Sicht ein schlechtes Beispiel geliefert, aber ich stelle grundsätzlich fest, dass der Anstand in unserer Partei verloren geht. Da gab es die SVP Zürich, die ein Bild des Holocaust-Mahnmals in Berlin verwendete, um auf die zubetonierte Schweiz hinzuweisen, wir haben den Fall von Christoph Blocher, der Milliardär ist und in der Coronakrise nachträglich seine Bundesratsrente verlangt – das alles hilft uns bei der Wählerschaft nach meinem Dafürhalten überhaupt nicht.

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Als er im Januar neuer SVP-Präsident wurde, hat Andreas Glarner einen Hirtenbrief verschickt und angekündigt, alle Orts- und Bezirksparteien zu besuchen. War er seither bei Ihnen im Bezirk Kulm?

Nein, er war noch nicht bei uns, aber das hat nichts damit zu tun, dass wir ihn nicht hätten bei uns haben wollen. Ich finde den Hirtenbrief und die Absicht von Andy Glarner gut, alle Sektionen zu besuchen. Aber bei uns wurden wegen Corona alle Anlässe abgesagt, darum hat sich kein Besuch des Präsidenten ergeben. An der Generalversammlung der Bezirkspartei haben wir Regierungsrat Jean-Pierre Gallati eingeladen, weil wir Informationen aus erster Hand zur Coronasituation wollten, das war damals das brennende Thema. Wir werden Andreas Glarner aber sicher einladen.

Gibt es auch Kritik und negative Rückmeldungen zu Ihrer öffentlichen Kritik an der SVP-Führung?

Ja, das gibt es, und damit habe ich auch gerechnet. Es war mir im Voraus schon klar, dass nicht alle mit meiner Position einverstanden sind. Natürlich gibt es auch parteiintern Leute, die es schlecht finden, dass ich mich zehn Tage vor den Wahlen dazu öffentlich äussere. Da bin ich aber klar anderer Meinung: Wahlen verliert man nicht 10 Tage vor einem Wahltermin durch ein Greenhorn. Wenn wir Wähleranteile verlieren, die Menschen in den Städten nicht erreichen und die Jungen uns nicht verstehen, dann liegt das nicht an der Kritik eines politischen Neulings wie mir aus einem kleinen Bezirk.

Wo sehen Sie denn die Gründe, dass die SVP zuletzt Wähler verloren hat?

Wir demontieren uns ein Stück weit selber mit dem zu aggressiven und oft kompromisslosen Stil. Nehmen wir die Diskussion um das EU-Rahmenabkommen. Da bin ich voll auf SVP-Linie. Aber gerade bei dieser Frage zeigt sich das Problem. Nun schliessen sich Unternehmen zusammen gegen diese Abkommen. Sie verfolgen die gleichen Ziele wie wir – aber sie wollen nicht mit der SVP ins gleiche Boot. Für meine Person muss ich festhalten, dass es mir nicht um Wählerstimmen für mich selbst geht. Mir liegt das Wohl der Partei am Herzen und mein Beitrag soll verdrossene und parteimüde SVP-freundliche Wähler mobilisieren und zurückholen.

Sie fordern in Ihrem Beitrag auch eine breitere Themenpalette für die SVP.

Ja, unbedingt, das ist wichtig. Es reicht nicht, immer nur gegen Ausländer und die EU zu wettern. Diese Themen sind für uns zwar wichtig, aber für die heutige Generation ist zum Beispiel das Thema Nachhaltigkeit, der sorgfältige Umgang mit Ressourcen, eine Selbstverständlichkeit. Diesen Trend haben wir teilweise verpasst. Dabei können wir auch hier Lösungen bieten. Regional und saisonal einkaufen, auf Eigenverantwortung setzen und die Bürger aufklären – das sind absolut SVP-Werte. Dasselbe gilt für die Altersvorsorge, auch bei diesem Thema müssen wir unsere Lösungsvorschläge besser verkaufen, da das Thema im Sorgenbarometer ganz oben steht.

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