Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wirkt die südlich gelegene Bretagne geradezu magnetisch auf Künstler und Literaten. Bis heute von Ruhm gekürt ist das Dorf Pont-Aven und dessen Umgebung: Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich hier rund um den französischen Maler Paul Gauguin eine Künstlergruppe formiert, die nachträglich als «Schule von Pont-Aven» bezeichnet wurde. Wenn auch nur wenige Künstler, die hier tätig waren – etwa Paul Gauguin, Émile Bernard oder Paul Sérusier – zu internationalem Erfolg gelangten, so hat die Künstlerkolonie bleibende Spuren hinterlassen.

In den Fussstapfen der hiesigen Maler wandelte auch der aus Paris stammende Maler André Jolly. 1908 errichtete dieser in Nevéz sein Haus und Atelier, das nun 2014 von Laurence Sintic gekauft, renoviert und mit einem Ausstellungsraum versehen wurde. Auf Initiative und in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Kunstsammler Peter Hauri zeigt das Maison André Jolly nun zum zweiten Mal in Folge eine Ausstellung mit Gemälden des zurückgezogen in Reinach wohnenden Künstlers Hans Rudolf Roth (76). Zu sehen ist die Schau noch bis zum 10. Oktober 2019.

Roths Bilder passen in die Bretagne

Wenngleich Rojo – wie Roth auch genannt wird – weder biografisch noch künstlerisch mit der Bretagne in Beziehung steht, passen seine Bilder ausgezeichnet hierher. Gleichsam wie die Gemälde der bretonischen Maler sind auch Rojos Ölbilder geprägt von Kontrasten, Licht und Schatten, satten Farben und lichter Transparenz, weiten Seelenlandschaften und begrenzten Räumen.

Doch anders als bei der lokalen Künstlerschaft bezwecken seine Kompositionen nicht die impressionistische oder realistische Wiedergabe des alltäglichen Lebens, sondern erscheinen vielmehr als dessen atmosphärische Überzeichnung und surreale Verfremdung. Besonders das ausgestellte Spätwerk zeichnet sich durch traumartige Szenerien und absurde Kombinationen aus realen Objekten und Subjekten aus: so wird etwa eine Haarspange zum sehenden Auge oder ein gemaltes Bild zum geheimnisvollen Ausblick in eine entrückte Welt, während ein aufgehängter Mantel menschliche Hände entblösst und erotische Frauenkörper auf rätselhafte Weise mit ihrer Umgebung verschmelzen.

Ausstellung im Maison André Jolly nicht verpassen

Hätte André Breton (1896– 1966) – Initiant und führender Kopf des um 1920 in Paris entstandenen Surrealismus – Hans Rudolf Roths Werke sehen können, hätte er diese wohl dem veristischen Stil zugeordnet. Denn umso rätsel- und fabelhafter Rojos Kompositionen auch erscheinen mögen, desto realer und alltäglicher sind letztlich die transportierten Bildstimmungen. Sei es in den entleerten Strassen, den vereinzelten Rückenfiguren oder den unheimlichen Schattenzeichnungen seiner frühen Arbeiten oder aber den lichten, symbolgeladenen Traumwelten seiner letzten Schaffensphase (2000 bis 2013).

Wer in nächster Zeit die Bretagne ihrer Kultur und Landschaft wegen aufsucht, sollte die Ausstellung von Hans Rudolf Roth im Maison André Jolly nicht verpassen.