Strohdachhaus
Stroh aus England und Schilf aus Ungarn für über 200-jähriges Kölliker Haus

Die Sanierung des Kölliker Salzmehus ist auch eine internationale Logistikleistung. So stammt das für das Dach verwendete Schilf aus Ungarn. Auch das Stroh selbst hat einen besonderen Herkunftsort: Es wird aus England geliefert.

Michael Küng
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Gut 40 Jahre her ist die letzte Sanierung des historischen Gebäudes.
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Andreas Bergamini zeigt die durchgerosteten Drähte, die das Stroh am Platz halten.
Andreas Bergamini zeigt die durchgerosteten Drähte, die das Stroh am Platz halten.
Etwa an schattigen Stellen wie hier.
Für das Dach ist das verheerend, denn das Moos zerstört das darunterliegende Stroh und Schilf.
Die frisch sanierte gegenüberliegende Dachseite macht den Unterschied offensichtlich.
Die neue 30 Zentimer dicke Schilfschicht wird das Haus wieder einige Jahrzehnte schützen.
Das meiste ist widerstandsfähiges Schilf, nur zuunterst ist eine im Hausinnern sichtbare dünne Strohschicht verlegt.
Die einzelnen Strohbündel werden lose zwischen einem Draht und den darunterliegenden Balken verschraubt, aufgeschnitten und gleichmässig verteilt.
Anschliessend werden sie bündig nach oben geklopft.
Anschliessend werden sie bündig nach oben geklopft.
Schliesslich wird das Stroh festgezurrt und noch ein letztes Mal...
in die perfekte Stellung gebracht.
Die untersten Strohbündel sind etwas kürzer...
... als die oberen und gegen oben besonders flauschig.
Das alte, mittlerweile nicht mehr dichte Dach wird gegen den Regen grossflächig abgedeckt.
Links neu, rechts alt: Der Unterschied wird auch von innen deutlich.
Bereits wieder aufgerichtet ist der erste von mehreren Wassersprenklern gegen Feuer. «In der ganzen Schweiz kenne ich das nur von zwei der drei Strohdachhäusern in Kölliken», so Bergamini.
Ein kleiner Dachabschnitt hat dem Denkmalschutz zuliebe den aufwendigen Abschluss bekommen, der früher angewendet worden ist.
Teilweise noch original sind die Latten, auf denen Stroh und Schilf befestigt sind.
«Die wurden sogar noch von Hand zugeschnitten», weist Bergamini auf die kleinen Unregelmässigkeiten in den Latten hin.

Gut 40 Jahre her ist die letzte Sanierung des historischen Gebäudes.

Michael Küng

Heute erreicht die letzte sieben Tonnen schwere Schilflieferung das Salzmehus in Kölliken. Es wird dann eine 1200 Kilometer lange Reise aus dem Osten von Ungarn hinter sich haben. In einem eigens für den kultivierten Schilfanbau ausgelegten Moor am Rande der kleinen Stadt Balmazújváros.

«Es ist teurer als anderswo», sagt Andreas Bergamini. Seit Jahrzehnten ist er der Spezialist für Strohdächer, in der Deutschschweiz gar der letzte überhaupt. «Ungarn ist weitherum bekannt für seinen hervorragenden Schilfanbau.» Es wird einmal im Jahr geschnitten und in vorsichtig gelegten Bündeln in den Werkhof gebracht.

Dort wird es behutsam aufgefächert, von Hand gewaschen, sortiert und nach Grösse geordnet, zu pingelig geraden Bündeln gepackt. Geknickte Schilfhalme dürfen nicht mit. «Die aufwendige Verarbeitung macht das Stroh aus Ungarn nicht nur sehr schön, sondern auch langlebiger», erklärt Bergamini. Die geraden Bündel garantieren die problemlose Verarbeitung auf dem Salzmehus von Kölliken.

Das Salzmehus von innen
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Das Salzmehus von innen
Das Salzmehus von innen
Das Salzmehus von innen
Das Salzmehus von innen
Das Salzmehus von innen Seinen Namen hat das Salzmehus nicht von ungefähr: Früher wurde hier Salz verkauft.
Das Salzmehus von innen
Das Salzmehus von innen

Das Salzmehus von innen

Michael Küng

Neues Stroh kommt aus England, das alte nach Suhr

Auf dem Dach werden die unzähligen Bündel Stück für Stück lose zwischen einem Draht und einem darunterliegenden Balken befestigt. Anschliessend werden die Bündel geöffnet und gleichmässig auf dem Dach verteilt, bevor sie unter dem Draht richtig festgezurrt werden. Ungleichmässigkeiten in den Bündeln würden sich bei diesem Arbeitsschritt verstärken und könnten schlimmstenfalls sogar zu undichten Stellen im Dach führen.

«Auch deshalb ist es wichtig, dass wir für den Erhalt der Strohdachhäuser auf gutes Schilf zurückgreifen können», erklärt Spezialist Bergamini. Im Nachhinein Fehler wie undichte Stellen zu reparieren sei mühsam und teuer. Schilf verwendet er aus ähnlichen Gründen: Es ist deutlich stabiler als Stroh. Stroh kommt im Salzmehus nur zuunterst zum Zuge. «Damit das Haus von innen so aussieht wie einst.» Auch das Stroh hat einen besonderen Herkunftsort. «Das bestellen wir in England, denn dort wird es länger als hier.»

Und was passiert mit dem alten Stroh und Schilf? Es ist verbraucht, modrig, über Jahrzehnte von Wetter und Jahreszeiten gezeichnet. «Das transportieren wir in sieben Mulden nach Suhr, wo es bei Hängärtner kompostiert wird», erklärt Andreas Bergamini. Bereits wieder montiert werden die Sprinkler auf dem Dach, die sicherstellen, dass auch das neue Schilf keinem Feuer zum Opfer fällt. «Diese Massnahme kenne ich schweizweit nur von zwei der drei Strohdachhäusern in Kölliken», verrät Bergamini.

Aargauer Strohdachhäuser Das schmucke Strohdachhaus von Leimbach steht am Rand eines Weilers, hoch oben auf dem Seeberg.
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Aargauer Strohdachhäuser Während das grösste Strohdachhaus von Kölliken mitten im Dorf zu stehen gekommen ist – wobei das einmal anders war. Beim Bau 1802 war das Haus noch von weiten Wiesen umgeben.
Aargauer Strohdachhäuser Dieses Strohdachhaus befindet sich in Muhen. Weitere gibt es zumindest in Oberentfelden, Hendschiken und Kölliken. Letzteres hat gleich drei Strohdachhäuser.

Aargauer Strohdachhäuser Das schmucke Strohdachhaus von Leimbach steht am Rand eines Weilers, hoch oben auf dem Seeberg.

Michael Küng