1. Weshalb ist das Projekt «Hegmatte» gerade jetzt wieder aktuell?

Weil der Regierungsrat gestern einen wichtigen Schritt eingeleitet hat: die Vernehmlassung zur Anpassung des Richtplans. Titel: «Zentrumsentwicklung Schöftland, Festsetzung neuer Werkstattstandort AAR bus+bahn». Es geht dabei um die Frage, wo in Schöftland die WSB (resp. Aargau Verkehr AG) die Werkstatt künftig steht. Dabei geht es unter anderem auch um die Umwandlung von 10 Hektaren Furchtfolgeflächen in Siedlungsgebiet.

Konkret um zwei Vorhaben:

Erstens die Schaffung der raumplanerischen Voraussetzungen für ein neues WSB-Depot/Werkstatt (offiziell «Neuer Werkstattstandort ‹Aargau Verkehr›»). Dies auf dem Gebiet Hegmatte (zwischen Suhrentalstrasse und Suhre, wo früher etwa das Fussballfeld Hügeli lag). Dabei sind 3,5 Hektaren für die Bahn eingeplant. In was für Grössenordnungen man sich bewegt, zeigt die Tatsache, dass die WSB in Schöftland 90 bis 95 Millionen Franken investieren will (inklusive Bahnhof, «Schweiz am Wochenende» vom 9. 12 2017). Im Depot und in der Werkstatt dürften künftig um die 30 Personen arbeiten.

Zweitens sollen die Standorte Hegmatte und Mühleareal als Wohnschwerpunkt im Richtplan festgesetzt werden. Dafür braucht es langfristig über 2040 hinaus 6,5 Hektaren Fruchtfolgeflächen.

Die Vernehmlassung dauert drei Monate (bis Ende September). Auf der Basis der Eingaben wird der Regierungsrat eine Botschaft an den Grossen Rat ausarbeiten. Das Kantonsparlament wird die Richtplanänderung definitiv genehmigen. Dies wird voraussichtlich 2019 der Fall sein.

2. Kann «Aargau Verkehr» (bekannt als WSB) auch ohne Teilrevision der Bau- und Nutzungsordnung (BNO) von Schöftland bauen?

Ja. Für die Genehmigung von Plänen für Eisenbahnbauten und -anlagen ist einzig der Bund zuständig (es braucht keinen Gemeindeversammlungsbeschluss). Im Rahmen des sogenannten eisenbahnrechtlichen Plangenehmigungsverfahrens reicht «Aargau Verkehr» den Plan für den Bau von Geleise, Depot und Werkstatt beim Bundesamt für Verkehr (BAV) zur Genehmigung ein. Zeitlich geschieht dies nach der Richtplanänderung (diese belegt die räumliche Abstimmung). Die Genehmigung des Plans durch das BAV entspricht einer Baubewilligung.

3. Wo steht die Gesamtrevision der BNO von Schöftland?

Die BNO-Unterlagen lagen im Februar auf. Dabei gingen 23 Einwendungen ein. Noch steht nicht fest, wann die Einigungsverhandlungen abgeschlossen sind. Die BNO soll aber noch dieses Jahr der Gemeindeversammlung vorgelegt werden. Das Mühleareal ist aber nicht Teil der aktuellen Gesamtrevision. Der Gemeinderat hat die Absicht, innerhalb von fünf Jahren, nachdem die BNO in Rechtskraft erwachsen ist, eine Masterplanung für die Gebiete Mühleareal und Hegmatte durchzuführen; Voraussetzung dafür bildet die Festsetzung des Wohnschwerpunkts im kantonalen Richtplan . Auf ihrer Basis sollen künftig Teilrevisionen der BNO durchgeführt werden. Es ist wahrscheinlich, dass es als Erstes eine Teilrevision Mühleareal geben wird. Der Gemeinderat möchte dort (Stand heute) eine gemischte Wohn-/Gewerbenutzung.

4. Was ist die bahnbetriebliche Ausgangslage?

Beim Endbahnhof Schöftland mitten im Ortszentrum befinden sich ein sanierungsbedürftiges, buchhalterisch abgeschriebenes Depot (südlich des Bahnhofs) und eine zeitgemässe, buchhalterisch erst 2045 abgeschriebene Werkstatt (Unterdorfstrasse). Ab Dezember 2019 setzt die WSB neu 60 Meter lange Züge ein. Dank neuem Rollmaterial soll die Transportkapazität bis 2030 um 50 Prozent erhöht werden. Wegen der 60-Meter langen Kompositionen (in einer ersten Etappe gibt es fünf) braucht es bis spätestens 2025 darauf ausgerichtete, neue Werkstatt- und Depotanlagen, wie Marco Lombardi, Projektleiter Infrastruktur der kantonalen Abteilung Verkehr, erklärt.

In einem ersten Schritt soll eine Halle gebaut werden, die tagsüber für den Unterhalt und nachts als Abstellungsmöglichkeit genutzt werden kann. Sie muss möglichst nahe bei der Werkstatt sein – also in Schöftland. Gemäss Marco Lombardi hat sich – gestützt auf eine umfassende Standortevaluation entlang des gesamten Bahnnetzes im Wynen- und im Suhrental – gezeigt, dass der Standort Hegmatte sowohl aus bahnbetrieblicher als auch aus Sicht Raum und Umwelt ideal ist.

In einer ersten Etappe gäbe es die Halle, dann würde ihr frühestens ab 2045 eine neue Werkstatt angegliedert und es hätte dann aber auch noch Platz für eine spätere Expansion. «Einzig der Standort Hegmatte bietet diesen Spielraum für künftige Generationen», erklärt Michael Rothen, Sektionsleiter der kantonalen Abteilung Raumentwicklung. «Es müssen nun weitsichtige Entscheide für heute und auch für übermorgen getroffen werden, diese lassen sich nicht vertagen. Aus fachlicher Sicht ist der künftigen Generation dabei der grösstmögliche Handlungsspielraum zu ermöglichen.»

5. Was ist den Raumplanern wichtig?

Schöftland ist gemäss Raumkonzept Aargau ein «ländliches Zentrum». Das Dorf hat ein Ortsbild von nationaler Bedeutung (u.a. Kirche und Schloss). Dieses Ortsbild würde laut den Raumplanern verunstaltet und eine zweckmässige Umnutzung des Mühlearelas verunmöglicht werden, wenn die neuen Werkstattgebäude an Ort, im Gebiet des Bahnhofs entstünden.

Zudem wollen sie das «ländliche Zentrum» nicht zuletzt auch zugunsten der Region weiter entwickeln. «Mit der jetzt angelaufenen Planung bereiten wir vorab das Feld vor für eine hochwertige Innenentwicklung (Stadtreparatur)», sagt Rothen. Er betont, dass im Richtplanbeschluss festgeschrieben werden soll, dass in den Gebieten Mühelareal und Hegmatte (exklusive Bahnanlagen) ein Wohnschwerpunkt entstehen soll. Mit einer Mischnutzung (maximal 30 Prozent gewerbliche Nutzung).

6. Warum sind die Raum- und Bahnplaner von der Lösung Hegmatte so überzeugt?

In einem ergebnisoffenen Verfahren haben die Experten 23 Standorte im Wynen- und im Suhrental geprüft. «Wir haben keinen besseren Standort als Schöftland gefunden», betont Rothen. Aus raumplanerischer und bahnbetrieblicher Sicht sei die Hegmatte ideal. Als Rückfallebene («ungute Kompromisslösung») käme allenfalls der Standort des bestehenden Depots infrage, verbunden mit allen negativen Konsequenzen für das Ortsbild und die Zentrumsentwicklung und vor allem ohne künftige Ausbaumöglichkeiten. Für die Variante Hegmatte spricht sich zudem auch eine externe Nachhaltigkeitsbeurteilung des Naturama aus.

7. Wie muss man sich die Überbauung der Hegmatte vorstellen?

Vom Endbahnhof Schöftland soll ein Stumpengleis (siehe Grafik) über die Suhre auf die Hegmatte gebaut werden. An dessen Ende entstünde als Erstes die neue Depot- und Werkstattanlage. Aus Bahnsicht käme später die Werkstatt (nach 2045) dazu und allenfalls noch viel später eine Erweiterung der Werkstatt- und Depotanlagen.

Die Wiese (6,5 Hektaren) zwischen dem neuen Depot, der Werkstatt und der Suhre bleibt noch viele Jahre lang Kulturland. Sie kann erst bei nachgewiesenem Bedarf und nach einer BNO-Revision überbaut werden (Innenentwicklung vor Aussenentwicklung). Denkbar ist, dass dereinst die Gebäude für das Bauamt, den Werkhof und die Feuerwehr in den Geleisebogen beim der Depot- und Werkstattanlage verlegt werden. So entstünde südlich des Bahnhofs weiterer Platz für eine nach innen gerichtete Zentrumsentwicklung.

8. Was ist der Hauptkritikpunkt der Gegner des Projekts Hegmatte?

Die Gegner kritisieren den Verlust von 10 Hektaren Fruchtfolgefläche. Um den Grossrat Severin Lüscher (Grüne) und Bernhard Hürzeler (ehemaliger SP-Grossrat) ist das Komitee «Nein zur Überbauung der Hegmatte» entstanden. Im Juni hat das Komitee dem Schöftler Gemeinderat eine Petition von 865 Unterschriften gegen das «Hegmatte»-Projekt eingereicht.

9. Warum baut man Depot und Werkstatt (es werden Abstell- und Werkstattanlagen für 60-Meter-Züge sein) nicht auf Teilen des Mühleareals?

Die Gegner der «Hegmatte»-Variante schlagen vor, die heutigen Depot- und Werkstattanlagen ins Mühleareal hinein zu erweitern. Sie sähen das Mühleareal am liebsten als reine Arbeitszone. Die kantonalen Experten schliessen das nicht grundsätzlich aus, weisen aber auf die Nachteile der baulichen Verdoppelung des bestehenden Depots (durch kompletten Neubau) und der Zementierung des Werkstattstandorts an der Unterdorfstrasse hin.

Etwa stark eingeschränkte Möglichkeiten der Innen- und Zentrumsentwicklung des «ländliches Zentrums» (keine Verlagerung von Depot, Werkstatt, Bauamt, Werkhof und Feuerwehr). Etwa das Fehlen von Expansionsmöglichkeiten über die Kapazitätsbereitstellung bis 2030 hinaus . Etwa die räumlich wirksame und sofortige Notwendigkeit eines Doppelspurausbaus zwischen dem Bahnhof und der Haltestelle Nordweg (wegen des Rangierens).

10. Wie kann man sich als Einwohner einbringen?

Am einfachsten jetzt im Rahmen der Vernehmlassung zur Anpassung des Richtplans. Bis Ende September kann jedermann Stellung nehmen. Im anschliessenden eisenbahnrechtlichen Plangenehmigungsverfahren ist es dann wieder möglich, Einwendungen zu machen (Auflage während 30 Tagen). Diese haben vor allem dann Chancen, wenn eine gewisse Betroffenheit (beispielsweise Nachbarschaft) besteht. Bei späteren Revisionen der BNO wird es dann wieder Mitwirkungs- und Auflageverfahren geben. Zudem müssen diese Revisionen von der Gemeindeversammlung abgesegnet werden.