Standortförderung
Steuergeschenk für neue Arbeitsplätze: Weshalb sich Menziken und Reinach freuen dürfen

Der Bund betreibt Standortförderung in Menziken und Reinach. Wer profitiert – und wer nicht?

Nadja Rohner
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Die Alu Menziken ist der grösste Arbeitgeber in der Region. Der Bund will weitere Industriebetriebe ins Wynental locken. Chris Iseli

Die Alu Menziken ist der grösste Arbeitgeber in der Region. Der Bund will weitere Industriebetriebe ins Wynental locken. Chris Iseli

Chris Iseli

«Das werden wir rausposaunen», sagt Martin Heiz. Der Ammann von Reinach hat Grund zur Freude. Sein Dorf kommt – wie auch die Nachbargemeinde Menziken – ab 1. Juli in den Genuss einer besonderen Standortförderung: Firmen, die in den beiden Gemeinden neue Arbeitsplätze schaffen, können von individuellen Bundessteuer-Erleichterungen profitieren.

Die Steuererleichterungen werden im Rahmen der Regionalpolitik des Bundes gewährt. Sie sind ein Mittel, um neue Firmen in ein Gebiet zu locken – und um alteingesessene Betriebe zur Schaffung neuer Arbeitsplätze zu bewegen.

Erst vor wenigen Tagen hat der Bundesrat eine revidierte Verordnung verabschiedet, in der festgelegt wird, welche Schweizer Gemeinden in den Genuss dieser Standortförderung kommen. Im Aargau sind das nur Menziken und Reinach. Bad Zurzach war vorgesehen, gehört nun aber noch nicht dazu.

CEO der Alu Menziken: «Kostenproblem, kein Steuerproblem»

Dem grössten industriellen Arbeitgeber in Menziken und Reinach, der Alu Menziken AG, nützt die Bundessteuererleichterung nur bedingt. «Sie ist zwar sehr willkommen – aber letztlich nur ein Tropfen auf den heissen Stein», sagt Ingolf Planer, Verwaltungsratspräsident und CEO. Wie ein Grossteil der Betriebe im Tal kämpfe die Alu Menziken, um überhaupt Gewinne schreiben zu können, und die mache man nur «in sehr überschaubarem Mass». Die Alu Menziken ist stark vom Export abhängig und im globalen Wettbewerb wegen des Wechselkurses benachteiligt. «Wir haben ein Kostenproblem, kein Steuerproblem», so Planer. «Die Gemeinde Reinach hat ihre Abwassergebühren um das Dreifache erhöht. Das spüren wir viel stärker als die Bundessteuererleichterung – und das ist etwas, was einen Standort besser oder schlechter macht.» (NRO)

Warum diese Gemeinden?

«Diese beiden regionalen Zentren wurden aufgrund ihrer Strukturschwäche ausgewählt», sagt Martin Godel, Stv. Leiter der Direktion für Standortförderung und Leiter KMU-Politik beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco).

Der Bund hat beschlossen, ganz gezielt bestehende regionale Zentren als «Wachstumsmotoren» zu fördern.

Dazu wurden sämtliche regionalen Zentren der Schweiz nach ihrer Strukturschwäche bewertet. Regionen ohne Zentrumsfunktion, darunter zahlreiche Gemeinden in Berggebieten, schieden aus.

Ihnen fehle oft die Infrastruktur, um neue Firmen anzusiedeln, erklärt Godel. Denn Standortförderung ohne die notwendige Infrastruktur, wie Wohn-, Verkehrs- und Schulangebote, funktioniere selten.

Am Ende blieben Gemeinden wie Menziken und Reinach. Strukturschwach – Menziken noch mehr als Reinach –, aber zumindest punkto Infrastruktur gut aufgestellt. Insgesamt dürfen künftig 93 regionale Zentren in 19 Kantonen den Unternehmen Bundessteuererleichterungen anbieten. Sie sind Wohnort von gut 10 Prozent der Schweizer Bevölkerung.

Nicht für Dienstleistungsbetriebe

Was heisst das konkret für die Betriebe in Menziken und Reinach? Schon heute können sie beim Kanton Steuererleichterungen für Unternehmenssteuern auf Kantons- und Gemeindeebene beantragen. Für die direkte Bundessteuer – Steuersatz: 8,5 Prozent – war das aber bisher nicht möglich. Dabei wird diese nach der Unternehmenssteuerreform III wohl zum grössten Steuerbrocken für die Unternehmen.

Ab 1. Juli 2016 können nun Betriebe, die neue Arbeitsplätze oder Lehrstellen in Menziken oder Reinach schaffen und bereits kantonale Steuererleichterungen erhalten, auch solche auf Bundesebene beantragen. Gleiches gilt laut Verordnung, wenn im Unternehmen «bestehende Arbeitsplätze neu so ausgerichtet werden, dass sie langfristig erhalten bleiben». Der Nachteil: Reine Dienstleistungsunternehmen erhalten keine Bundessteuererleichterungen. Profitieren können nur industrielle Unternehmen oder produktionsnahe Dienstleistungsbetriebe. Letztere sind Teile von Industrie-Unternehmen, die aber nicht selber etwas produzieren – also zum Beispiel die Abteilung «Forschung und Entwicklung» eines Metallverarbeitungsbetriebs.

Die Bundessteuer-Erleichterung beträgt jährlich maximal 95 000 Franken pro neu zu schaffendem und 47 500 Franken pro zu erhaltendem Arbeitsplatz. Die Beträge werden in der Realität jedoch meist tiefer sein. Zudem hängt es vom Gewinn eines Unternehmens ab, ob die Steuererleichterungen überhaupt zum Zug kommen.

Insgesamt nimmt der Bund jährlich etwa 1 Milliarde Franken an Steuerausfällen in Kauf, damit in strukturschwachen Gebieten Arbeitsplätze geschaffen werden.

Gemeinde hat sich gemeldet

Dass die beiden Wynentaler Gemeinden überhaupt in die Kränze kamen, ist auch dem Gemeinderat zu verdanken. «Vor gut eineinhalb Jahren gab es eine Vernehmlassung dazu, wir haben uns sofort proaktiv gemeldet», sagt Ammann Martin Heiz. Die Neuigkeiten will der Gemeinderat Reinach demnächst auf der Website verkünden. «Es ist ganz sicher ein gutes Werbemittel», so Heiz. «Wir haben noch freies Industrieland, auf dem man bauen kann.» Allerdings, gibt er zu bedenken, seien die Bedingungen für die Steuererleichterungen streng.

Laut «Aargau Services», der kantonalen Standortförderung, «ist davon auszugehen, dass die Steuererleichterung an die Schaffung von mindestens 20 Arbeitsplätzen gebunden ist». Die kantonalen Vorschriften für Steuererleichterungen sähen zudem vor, dass es «keine direkte Konkurrenzierung eines bestehenden Betriebes geben darf und mindestens eine Million Schweizer Franken investiert wird».

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