Frühling 2015. Albanien. Ein Mann, verheiratet, Familienvater, wohnhaft im Wynental, Aufenthaltsbewilligung B, geht auf einen jüngeren Landsmann zu. Wahrscheinlich kennen sie sich von früher, möglicherweise sind sie sogar entfernt verwandt. Er spricht ihn an, fragt, ob er für ihn und seine Frau in der Schweiz Drogen verkaufen wolle. Der junge Mann arbeitet Teilzeit, verdient 230 Euro pro Monat. Das reicht in Albanien nicht zum Leben. In der Schweiz in kurzer Zeit viel Geld verdienen – das tönt verlockend. Er lässt sich überreden. Ende Mai reist er in die Schweiz ein, fährt mit dem Zug ins Wynental und wird vom Familienvater ins Drogengeschäft eingearbeitet.

Juli 2015. Im Wynen- und Suhrental häufen sich Einbrüche. Die Polizei intensiviert ihre Fahndungstätigkeit in der Gegend. Dabei fällt ihnen ein gelber Citroën auf. Er fährt das Tal hoch und runter. Sie klären den Halter ab. Eine zwielichtige Gestalt. Sie entscheiden, dem verdächtigen Auto zu folgen. Schnell merken sie, dass der Lenker die Wohnungen von Drogensüchtigen beziehungsweise einschlägig bekannte Deal-Orte anfährt.

«In der Regel würden die Polizisten den Dealer bald einmal anhalten und vielleicht ein paar Gramm Heroin finden», sagt der zuständige Staatsanwalt Simon Burger. Der Dealer würde dann sagen, er sei süchtig und habe den Stoff gerade eingekauft. Es gäbe eine Busse, der Fall wäre erledigt. Vielleicht würde man noch sein Natel untersuchen, herausfinden, mit wem er in Kontakt stand. Dann ein paar Süchtige auf den Polizeiposten vorladen, sie fragen, ob sie Drogen bei diesem Mann gekauft haben. Aber an die Leute im Hintergrund käme man nicht heran. «Die Süchtigen kennen meistens nur den Auslieferer», sagt Staatsanwalt Burger. «Er ist zuunterst in der Hierarchie und am einfachsten austauschbar. Für die Strafverfolgungsbehörden ist er eigentlich nicht interessant.»

Doch dieser Fall nimmt eine andere Wendung. Anstatt den Dealer anzuhalten, versuchen die Ermittler mehr über das Netzwerk im Hintergrund herauszufinden.

Mit Sprach-Codes kommuniziert

Die Staatsanwaltschaft beantragt beim Zwangsmassnahmengericht den Einsatz technischer Überwachungsgeräte, um an die Natelnummer des Dealers zu kommen. Durch die folgende Überwachung der Nummer finden sie heraus, dass er regen Kontakt zu Süchtigen pflegt. Diese bestellen bei ihm per SMS in codierter Sprache Drogen. Sie schreiben etwa: «2 Big Bahnhof», was so viel bedeutet wie: «Zweimal fünf Gramm Heroin, Treffpunkt Bahnhof.»

Aber auch mit seinen Vorgesetzten – dem Mann, der ihn in Albanien angeheuert hatte und dessen Ehefrau, eine Albanerin mit Aufenthaltsbewilligung C – steht der Dealer in Kontakt. Die beiden geben ihm zum Beispiel Anweisungen, wie er das Heroin strecken solle. Er wiederum informiert sie über die Verkaufszahlen. Seine Tageseinnahmen muss er abliefern und erhält einen vom Umsatz abhängigen Lohn. Im Schnitt 100 Franken pro Tag.

Der Vierte im Bunde ist ein weiterer Albaner. Er hat mit dem Heroingeschäft nicht direkt zu tun, kennt die drei anderen Beschuldigten aber. Er handelt mit Kokain, das er in seiner Wohnung lagert und profitiert vom Netzwerk der Heroinhändler. Die Süchtigen können über die gleiche Nummer ihre Bestellung aufgeben und werden vom gleichen Dealer mit Kokain beliefert.

Keine Spur zu Hintermännern

Die Papierberge auf den Pulten der Ermittler wachsen schnell. Am Schluss füllen 6109 Seiten Prozessakten mehrere Ordner. Es sind langwierige Ermittlungen. Die Beschuldigten wechseln ihre Telefone und Nummern alle paar Tage. Insgesamt hören die Ermittler 29 Telefone ab und erstellen daraus 21'000 Telefonprotokolle. In 99 Prozent der Fälle analysieren sie SMS-Verkehr. Weil die Beschuldigten untereinander auf Albanisch kommunizieren, sind die Ermittler auch auf die Hilfe von Dolmetschern angewiesen. Am Anfang wissen sie zudem nicht, wem welche Nummer gehört. Das müssen sie in akribischer Arbeit über Stimmen, Antennenstandorte, verwendete Kosenamen und den Schreibstil zuordnen.

Von wem das Ehepaar die Drogen bezieht, finden die Ermittler bis am Schluss nicht heraus. In der Anklageschrift heisst es dazu nur, dass sich alle drei mehrmals mit einem «unbekannten Drogenlieferanten in Unterkulm getroffen und von diesem eine unbekannte Menge von Drogen bezogen haben». Den Stoff versteckten sie in einem Waldstück in Triengen LU. Der Dealer holte dort periodisch die benötigte Menge, die er dann bis zur Auslieferung im Auto lagerte.
Es habe zwar Hinweise auf die Hintermänner gegeben, sagt Burger. «Aber wir mussten aus ermittlungstaktischen Gründen zuwarten.» Die Ermittlungen seien so schon sehr ressourcenintensiv gewesen. «Drei Polizisten waren während etwa neun Monaten am Fall dran. Irgendwann musste man deshalb auf das fokussieren, was man hatte.»

Koordinierte Verhaftung

23. Oktober 2015. Zugriff. Die Polizei nimmt die vier Beschuldigten in einer koordinierten Aktion fest. Den Dealer, während er in Gontenschwil auf Tour ist. Das Ehepaar und den Kokainhändler an deren Wohnorten. Im Lager im Wald finden sie etwa 500 Gramm Heroin. Nach der Festnahme sei der Markt in der Region kurz zusammengebrochen, sagt Simon Burger. «Das zeigt, dass die Beschuldigten grosse Mengen an Drogen verkauft hatten.» Insgesamt waren es 9,7 Kilogramm Heroin und 255 Gramm Kokain. Damit machten sie in einem halben Jahr etwa 325'000 Franken Umsatz.

Während den Befragungen beteuern zuerst alle ihre Unschuld oder verweigern die Aussage, wenn ihnen belastendes Material gezeigt wird. Die Ehefrau bestreitet bis heute jeglichen Drogenhandel. Der Ehemann versucht, die ganze Schuld auf den Dealer zu schieben. Dieser wird auch von allen 20 befragten Süchtigen erkannt und belastet. Irgendwann bricht er sein Schweigen, erzählt, der Ehemann sei sein Chef gewesen, habe ihn in Albanien angeheuert und in der Schweiz eingearbeitet. Die Frau belastet er nur zögerlich. Sie tue ihm leid, wegen der drei kleinen Kinder.

«Solche Befragungen sind äusserst schwierig», sagt Simon Burger. Auch wenn es nicht wie im Film einen Paten gebe, so würden trotzdem gewisse Mechanismen greifen. «Es sind häufig familiäre Clans, die hier agieren. Man kennt sich», sagt Staatsanwalt Burger. So könne in der Heimat Druck ausgeübt werden. Auch in diesem Fall habe man Post der Ehefrau aus dem Gefängnis an Familienmitglieder in Albanien abgefangen, mit dem Inhalt, dass der Dealer sie belaste, sie sollen ihn deshalb zum Schweigen bringen.

Mehrjährige Haftstrafen für alle

Vergangene Woche sassen die vier Beschuldigten vor den Richtern am Bezirksgericht Kulm. In Fussfesseln werden sie in den Saal geführt. Während der Befragung sind sie nicht besonders auskunftsfreudig. Sobald es heikel wird, können sie sich nicht mehr erinnern. Einzig der Dealer zeigt sich geständig. Das Gericht verurteilt alle vier wegen Verstössen gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Das Ehepaar muss 7,5 Jahre hinter Gitter, der Dealer 4,5 Jahre und der Kokainhändler 3 Jahre. Dem Dealer wird sein Geständnis strafmildernd angerechnet. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Es kann ans Obergericht weitergezogen werden.

Simon Burger ist zufrieden. «Ein solches Urteil ist eine Genugtuung für mich als Staatsanwalt», sagt er. Auch wenn die vier auf dem Markt unterdessen vergessen seien und in der Region wohl längst neue Dealer die Süchtigen mit Stoff versorgen.