Burg

So flüchtete die Wynentalerin Roni Baerg von den Mennoniten in die Schweiz

«Ich liebe mein Leben.» Roni Baerg will ermutigen, sich selber treu zu bleiben.

«Ich liebe mein Leben.» Roni Baerg will ermutigen, sich selber treu zu bleiben.

Roni Baerg hat ihre traumatischen Erlebnisse in einer Glaubensgemeinschaft in einem Buch verarbeitet. Sie lebte lange Jahre in Armut und unter Zwang einer Mennonitengemeinde in Paraguay.

Ein ganz normales Leben, mit Wohnung, Hund, gebuchten Ferien und alltäglichen Sorgen. Das ist das, was Roni Baerg (43) jetzt führt – und was sie glücklich macht. Viele Jahre hatte sie genau dies entbehrt, in Armut und unter Zwang einer Mennonitengemeinde in Paraguay gelebt. Bis ihr mit 25 Jahren die Flucht in die Schweiz gelang. Doch damit wars nicht vorbei. Die traumatischen Erlebnisse sollten sie noch Jahre hindern, zu sich selber und zu diesem lang ersehnten normalen Leben zu finden.

«Jetzt habe ich die Roni gefunden, die ich wirklich bin», sagt sie und blickt zum Fenster ihrer Wohnung in Burg hinaus auf die regennasse Wiese. Auf dem Tisch brennt eine Kerze. «Es war eine lange Reise.»

Roni Baerg ist im Westen Paraguays aufgewachsen. Armut und harte Arbeit prägten den Alltag der Familie. Man sprach Plattdeutsch, wie die Vorväter. Die mennonitische Gemeinde, eine freikirchliche Gruppierung, der die Familie angehörte, schaute genau hin und sanktionierte jegliches fehlerhafte Verhalten. Frauen standen keine Rechte zu.

Als Roni Baerg von ihrem Ehemann, den sie mit 19 Jahren heiratete, missbraucht wird und sich wehrt, schliesst sie die Gemeinschaft aus. Die meisten Familienmitglieder wandten sich von ihr ab. Sie verlor allen Besitz. Ihr blieb nur die Flucht, die dank der Unterstützung eines Schweizer Ehepaars schliesslich gelang.

Ihre traumatische Vergangenheit hat Roni Baerg in einem Buch aufgearbeitet. Dafür hat sie sich 2013 mit ihrem über Jahre zusammengetragenen Recherchematerial ins Tessin zurückgezogen, in die Natur, fernab jeglicher Technik. Nach zwei Jahren wars geschafft. «Ich war leer vom vielen Verarbeiten und Schreiben», sagt sie, «aber auch total parat für das Leben.» Zusammen mit ihrem heutigen Mann liess sie sich vor gut einem Jahr in Burg nieder und packte an, was sie sich vorgenommen hatte: «Eine Aufgabe für das Herz» zu finden und ihre kunsttherapeutische Ausbildung anzuwenden. «Meine Erfahrung hat mir die Augen für andere Menschen geöffnet.»

Sie begann, sich ehrenamtlich für Flüchtlinge zu engagieren. Heute unterrichtet sie minderjährige und erwachsene Asylsuchende in Aarau und Burg. Sie malt und redet mit ihnen, hilft, das Erlebte zu verarbeiten. «Manchmal braucht es auch einfach eine Umarmung, jemanden der mitweint oder mitlacht», sagt Roni Baerg, die heute oft und gerne lacht. «Diese Arbeit gibt meinem Leben so viel Sinn.»

In ihrem Buch nimmt die Beziehung zu ihrem Vater viel Raum ein. «Er war ein grosses Vorbild für mich, trotz seiner Fehlerhaftigkeit», sagt sie heute. Er war es, der das System hinterfragt und in ihr den Keim des Widerstands gesät hatte. Ihm selber war es nicht gelungen, sich zu befreien. Er zerbrach an den Normen der mennonitischen Gemeinde, rutschte in die Alkoholsucht ab. «Aber er hat mich gelehrt, mir selber treu zu bleiben.» Und genau das möchte sie den Menschen mit ihrem Buch weitergeben: «Es lohnt sich, zu kämpfen – so lange bis man von Herzen sagen kann ‹ich liebe mein Leben›.»

Buchvernissage: Mittwoch, 26. Oktober, 20 Uhr, Kulturraum Burg

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