Schmiedrued
Sie übt ein seltenes Handwerk aus

Die Schmiedruederin Tabea Mauch hat eben erst die Abschlussprüfung bestanden. Doch die 18-jährige Aargauerin gehört zu einer seltenen Spezies: Sie ist frischgebackene Reit- und Fahrsportsattlerin und die einzige Frau ihres Jahrgangs in der Schweiz.

Kathrin Aerni
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Tabea Mauch benötigt das «Nährösslein», um eine handgefertigte Kantennaht zu nähen.

Tabea Mauch benötigt das «Nährösslein», um eine handgefertigte Kantennaht zu nähen.

Kathrin Aerni

«Ich habe meine Werkstatt noch nicht fertig eingerichtet», sagt Tabea Mauch entschuldigend. Doch die wichtigsten Werkzeuge, die man zum Sattlern benötigt, sind vorhanden, wenn auch nicht in Reih und Glied: Rund- und Schneidahle, Lederschere, Nadeln, Faden, Sattlerhammer, Locheisen, Halbmond, Lineal und natürlich Leder und Leim. «Mein Götti hat mir zu Weihnachten ein «Nährösslein» nach Mass geschreinert.» Dies ist eine Vorrichtung, in welche man das Leder einspannen kann. «So kann ich eine Kantennaht mit Ahle, Nadel und Faden besser von Hand nähen», sagt Tabea begeistert.

Sie hat ihre Werkstatt bei ihren Grosseltern eingerichtet, die im Nachbarhaus wohnen. Dort stehen auch die beiden nostalgischen Adler-Nähmaschinen, die sie stolz präsentiert. Allerdings, ergänzt sie, sei es anfänglich gar nicht so einfach gewesen, jemanden zu finden, der die Schuhmacher-Nähmaschine noch einfädeln konnte. Diese Maschine ist viel älter als jene, auf denen sie ihre Lehre gemacht hat.

Keine Pferdenärrin

Rückblende: Warum will ein 15-jähriges Mädchen überhaupt Sattlerin werde? Gesamtschweizerisch machten diese Lehre nur noch neun Jugendliche in ihrem Jahrgang, Tabea Mauch war die einzige Frau. «Ich war nicht wirklich eine Pferdenärrin wie andere Mädchen im Teenageralter», erzählt Tabea Mauch. Und das, obwohl ihr Grossvater zwei solcher Huftiere besitzt. Es sei nicht geplant gewesen, dass sie diesen Beruf ergreife. Als kreativer Mensch wollte sie ursprünglich Floristin werden.

Doch dann kam alles anders. Ein Kollege zeigte ihr, wo er seine Schwingerhosen flicken lässt – bei einem Sattler. «Ich sah mich in der Werkstätte des Sattlers um. Er erklärte mir seinen Beruf und seine Werkzeuge. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: «Ich will mit Leder arbeiten.» Dieses Material begeisterte sie von Anfang an. Denn echtes Leder sei ein Stück Natur, das lebt. Es sei widerstandsfähig und anschmiegsam. «Leder ist ein bisschen wie ich», sagt Tabea Mauch schmunzelnd: «Auch ich bin natürlich und widerstandsfähig.» Schliesslich habe sie ins Zürcher Oberland ziehen müssen nach Fehraltorf, um ihren Berufswunsch zu realisieren. Im Aargau gibt es keine Sattler-Lehrstellen mehr. Überhaupt sei sie der letzte Jahrgang, den man noch als Reit- und Fahrsportsattlerin bezeichnen darf. Künftig heisst es «Fachfrau für Textiles und Leder». Die Schule befindet sich in Zofingen. Ihr Handwerk lernte sie von der Pike auf bei der Breitler Reit- und Fahrsportsattlerei GmbH, vom Sattelkissen einnähen über Longiergurte bis hin zum Zaumzeug für Pferde.

Sättel nach Mass sind teuer

Die Schmiedruederin kennt den grossen Unterschied zwischen billiger Import-Ware aus asiatischen Ländern und handgefertigten Schweizer Sätteln. «Billigsättel sind nicht so strapazierfähig wie unsere und passen dann halt nicht lange optimal auf den Pferderücken. Wir aber fertigen nur qualitativ hochwertige Sättel nach Mass an.» Letztere kosten allerdings über 4000 Franken und sind damit bis zu achtmal teurer als die Massenware aus Asien.

Ihr Vater beschreibt die frischgebackene Reitsportsattlerin so: Tabea sei eigenwillig, manchmal fast stur, aber praktisch veranlagt und könne auch auf dem heimischen Bauernhof zupacken. «Ich sehe sie von meinen drei Kindern am ehesten in der Landwirtschaft, aber ich würde sie zu nichts drängen.»

Und wie sieht Tabea Mauch ihre Zukunft? Vorerst wird sie Mitte August im Luzernischen Hohenrain noch eine zweijährige landwirtschaftliche Lehre anhängen. Dann stehen ihr die Türen offen, wobei sie sich durchaus bewusst ist, dass beide Berufe nicht besonders rosige Zukunfts-Aussichten bieten. Doch eines ist für sie und ihre Familie gewiss: Tabea wird ideenreich genug sein, um mit ihrem seltenen Beruf und ihrem handwerklichen Talent immer eine gefragte Nischentätigkeit zu fin-den.

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