Reinach

«Sehr einsam»: Notfälle sind im Optiker-Geschäft plötzlich keine Notfälle mehr

Optiker Stephan Spirgi bedient die Kundschaft in seinem Geschäft in Reinach jetzt hinter einer Plexiglasscheibe.

Optiker Stephan Spirgi bedient die Kundschaft in seinem Geschäft in Reinach jetzt hinter einer Plexiglasscheibe.

Die Obrist Augenoptik AG in Reinach hat in über 90 Jahren schon viele globale Tiefs erlebt – aber so hart wie jetzt war es noch nie.

Als Max Obrist an der Hauptstrasse in Reinach sein Optiker-Geschäft eröffnete, drehte der Wind. Es war das Jahr 1929, der Beginn der Weltwirtschaftskrise. Jäh wurde der Aufschwung der Goldenen Zwanziger gestoppt, die Arbeitslosenzahlen stiegen. Doch das konnte dem Optiker aus Reinach nichts anhaben, so wenig wie all die anderen Tiefs der Geschichte.

Heute ist die Obrist Augenoptik AG mit ihren 91 Jahren eines der ältesten Optiker­geschäfte im ganzen Kanton. Aber trotz all den Jahren – etwas Vergleichbares wie die aktuelle Situation hat das Wynentaler Unternehmen nie erlebt. Sechs Wochen Notfallmodus. Sechs Wochen, in denen nur Kunden mit Notfällen wie gebrochenen Brillenbügeln bedient werden durften. Sechs lange Wochen für Stephan Spirgi, der das Unternehmen seit zehn Jahren führt und seit 2016 besitzt.

«Sehr einsam und sehr herausfordernd», so fasst Spirgi spontan die letzten Wochen zusammen, als ihn die AZ kontaktiert. Einsam, weil die Notfälle, die bei Normalbetrieb an der Tagesordnung sind, plötzlich nicht mehr stattgefunden haben. Und herausfordernd, weil Themen, um die man sich bis dato noch nie hatte kümmern müssen, plötzlich im Mittelpunkt stehen. Kurzarbeit zum Beispiel, mit all ihren Auflagen und Folgen.

Kunden zeigen grosse Dankbarkeit

Seit dem 16. März ist Spirgi allein im Geschäft, bedient Kunden hinter Plexiglasscheibe und je nach erforderlicher Nähe mit Mundschutz. Seine Mitarbeiterin und die zwei Lehrlinge bleiben daheim. Trotzdem ist das Geschäft täglich geöffnet, von 10 bis 14 Uhr. Das war die letzten Wochen so und wird auch bis zum 11. Mai so bleiben, obwohl Optiker seit letzter Woche – wie Blumenläden und Tattoostudios – wieder regulär geöffnet haben dürfen. Noch sieht Spirgi aber nicht, dass das Bedürfnis nach Normalbetrieb vorhanden wäre.

«Die letzten Wochen waren eine sehr einschneidende Erfahrung», sagt Stephan Spirgi, schiebt aber gleich hinterher: «Wir haben eine sehr treue Kundschaft, die uns trägt.» Die Dankbarkeit, die er erlebt habe, wenn er den Kunden beispielsweise Repariertes in den Briefkasten gelegt hat, habe ihn sehr gefreut. «Dieses Gefühl des Miteinanders, das ist das Gute in dieser Krise», sagt Spirgi. Ein Gefühl, das er in den vergangenen Wochen auch unter den Verbandskollegen und den anderen Gewerbetreibenden im Dorf erlebt hat. Man hilft einander mit Rat und Tat. «Kollegialität ist für uns nichts Neues, aber jetzt hat man gespürt, wie eng wir tatsächlich zusammenstehen.»

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