Kulm

Sechs Monate Haft für Ausraster – doch der Staatsanwalt will mehr

Als ein Lokomotivführer an einer WSB-Haltestelle (hier Hirschthal) eine junge Frau darauf aufmerksam machte, dass sie im Bahnhof nicht rauchen darf, wurde er vom Angeklagten bedroht.

Als ein Lokomotivführer an einer WSB-Haltestelle (hier Hirschthal) eine junge Frau darauf aufmerksam machte, dass sie im Bahnhof nicht rauchen darf, wurde er vom Angeklagten bedroht.

Das Bezirksgericht hat einen 28-Jährigen zu sechs Monaten Haft verurteilt, weil er in einer Wynental- und Suhrentalbahn sowie im Gefängnis ausrastete und Personen bedrohte. Der Mann hat psychische Probleme und eine schwierige Kindheit hinter sich.

Über Daniel (Name geändert) gibt es zwei Geschichten. Um ihn zu verstehen, sollte man beide kennen.

Es geht zum einen um einen jungen Mann, der immer wieder ausrastet und darum gestern zum zweiten Mal vor den Richtern in Kulm steht.

Ausgerastet ist er im vergangenen Mai, als ein Lokomotivführer der Wynental- und Suhrentalbahn (WSB) eine junge Frau darauf aufmerksam machte, dass sie im Bahnhof nicht rauchen darf. Daniel mischte sich ein, sagte: «Hey du Arschloch, lass diese Stute in Ruhe.» Dazu erhob Daniel die Fäuste und sagte dem Lokführer, er solle verschwinden.

Im August passierte es wieder: Daniel hatte das falsche Billett dabei, geriet in eine Kontrolle und weigerte sich das Formular auszufüllen. Er schlug Faust und Kopf gegen einen Schaltkasten, ballte die Fäuste und drohte, dem WSB-Kontrolleur, ihn zu schlagen, Später holte die Polizei Daniel zu Hause ab.

Im Gefängnis rastete er wieder aus: Wieder drohte er mit Schlägen, wieder schlug er Faust und Kopf gegen die Wand. Diesmal beschimpfte er die Gefängnisaufseher.

Ein unmöglicher Mensch, könnte man sagen.

Da ist aber noch die andere Geschichte. Sie macht betroffen: Seinen Vater kennt Daniel nicht, seine drogensüchtige Mutter gab ihn ein paar Tage nach der Geburt bei seinen Grosseltern ab. Er wird sie erst 20 Jahre später kennen lernen - kurz vor ihrem Tod.

Mit drei Jahren kam Daniel dann zum Götti. Mit 11 Jahren erstmals ins Heim, von dort ins nächste Heim. Seine Ausraster hatte er schon damals. «Ich war ein Aussenseiter, alle hackten auf mir rum», sagt er. Mit 14 Jahren war er zum ersten Mal in der psychiatrischen Klinik Königsfelden, weil er sich umbringen wollte. Wieder Heim, dann bei den Grosseltern, in Königsfelden, wieder im Heim - so geht es immer wieder.

In der Schule war Daniel deshalb kaum. Obwohl er klug ist, sich sehr gut ausdrückt. Er sagt: «Es tut mir leid. Ich kann nichts dafür, dass ich, seit ich ein kleiner Junge bin, an dieser Störung leide.» Eine Bekannte, die der Verhandlung beiwohnt, sagt: «Daniel ist kein Bösewicht. Er sucht eigentlich nur einen Menschen, der ihm sagt, dass auch er liebenswert ist.»

«Du hast doch genug Probleme»

Gerichtspräsident Christian Märki fragt, ob sich Daniel vorstellen könne, wie es sich für den Lokomotivführer angefühlt habe, so angeschrien zu werden. Daniel sagt, die Leute seien mit ihm 20 Jahre lang so umgegangen, wie der Lokomotivführer mit dem Mädchen umgegangen sei. Dieser habe die hübsche Dame angeschrieben, sie habe Angst gehabt.

Und der Kontrolleur habe ihn vor den anderen Fahrgästen blossgestellt. «Hast du nicht schon genug Probleme mit der Polizei», soll er gesagt haben. Und im Gefängnis sei er so ausgerastet, weil er nach Königsfelden wollte, und seine Medikamente brauchte.

Der Staatsanwalt glaubt Daniel nicht. «Immer sind die anderen schuld an seinem Verhalten.» Sobald etwas nicht so laufe, wie er wolle, raste Daniel aus. «Zum Glück ist bisher nie etwas Schlimmes passiert.» Der Staatsanwalt forderte eine 18-monatige Freiheitsstrafe, die aufgeschoben werden sollte zugunsten einer stationären Massnahme.

Das Gericht entschied anders. Daniel bekommt eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten. Sie wird aufgeschoben, zugunsten einer ambulanten Massnahme. Das Urteil stützt sich auf ein psychiatrisches Gutachten. Daniel wird zudem in zwei Punkten freigesprochen: Weil das Zurechtweisen des Mädchens durch den WSB-Lokführer nicht im eigentlichen Dienst des Lokführers stattfand, entfällt der Tatbestand Gewalt und Drohung gegenüber Beamten.

Und der Ausraster im Gefängnis war laut Gericht keine versuchte einfache Körperverletzung. Gerichtspräsident Märki führt aus, dass eine stationäre Massnahme angesichts der Delikte unverhältnismässig wäre. Laut dem Gericht sollte Daniel heute freikommen. Der Staatsanwalt hat aber Berufung angemeldet. Er will beim Obergericht eine Verlängerung der Haft beantragen. Der Grund: «Das Urteil ist keine Lösung. Wir sind wieder gleich weit wie nach der letzten Verhandlung.»

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