Kirchleerau/Moosleerau
Schwerverkehr stört im Dorf: Sie wollen mehr Lebensqualität mit weniger Lastwagen

Die Gemeindeammänner glauben, dass der Schwerverkehr, der über die Kantonsstrasse rollt, zugenommen hat und wollen mit einer Arbeitsgruppe dagegen vorgehen. Doch die Statistiken zeigen, dass dieser überhaupt nicht zugenommen hat.

Christine Fürst
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Einmündung Ruesserain, Moosleerau

Einmündung Ruesserain, Moosleerau

EMANUEL PER FREUDIGER

Ein Lastwagen nach dem anderen donnert vorbei, dazwischen Personenwagen. Die meisten tonnenschweren Fahrzeuge tragen Aargauer Kennzeichen, nicht selten sind aber auch Luzerner oder gar Tessiner zu sehen.

Die Kantonsstrasse 108 führt von Sursee nach Aarau. Auf der Strecke liegen Moosleerau und Kirchleerau. Der Verkehr rollt auf der K108 mitten durch die Dörfer. Vor Schöftland wird er dann ausserhalb der Dörfer zum Autobahnanschluss und nach Aarau geleitet.

Ein Augenschein vor Ort an einem Freitagnachmittag zeigt: Der Verkehrslärm an der Strasse ist ohrenbetäubend, ein Gespräch zu führen beinahe unmöglich. «Ab fünf Uhr in der Früh geht es los mit dem Verkehr», sagt Erich Hunziker, Ammann von Kirchleerau.

Seit der Einführung der leistungsabhängigen Schwerverkehrsabgabe (LSVA) im Jahr 2001 habe der Verkehr auf der K108 massiv zugenommen. «Will ein Lastwagenfahrer von Sursee nach Kölliken, benutzt er die Kantonsstrasse und nicht die Autobahn. Damit spart er rund 16 Kilometer», sagt Hunziker.

Lebensqualität beeinträchtigt

Die Zahlen des Kantons zeigen jedoch das Gegenteil: Der Schwerverkehrsanteil ist rückläufig. Die permanent eingerichtete Zählstelle 1044 ausgangs Moosleerau Richtung Triengen, die 24 Stunden am Tag in Betrieb ist, zeigt eine Abnahme des Schwerverkehrs. Betrug der Anteil am durchschnittlichen täglichen Verkehr im Jahr 2001 10,8 Prozent, waren es 2010 noch 9,7 Prozent. Auch absolut haben die Zahlen abgenommen.

2001 fuhren 5500 Fahrzeuge durchschnittlich pro Tag über diesen Strassenabschnitt, davon 594 Lastwagen. 2010 waren es insgesamt 6042 Fahrzeuge, davon 586 Lastwagen. Eine weitere Zählstelle in Kirchleerau zeigt ebenfalls eine Abnahme des Schwerverkehrs. Die Zahlen zeigen aber auch: Der Gesamtverkehr hat zugenommen.

«Das sind Durchschnittswerte», sagt Silvia Morgenthaler, Ammann Moosleerau. Sie findet dennoch, dass der Schwerverkehr am Morgen und am Abend deutlich zugenommen hat. «Wir haben so oder so zu viel Schwerverkehr im Dorf und viele Schulwege führen nun mal entlang und über die Kantonsstrasse», sagt Hunziker. Die beiden verlassen sich also auf ihr Bauchgefühl. Bei der kantonalen Abteilung Verkehr würden die Daten erst auf Anfrage einer Gemeinde detailliert ausgewertet. Das ist bei diesen Zählstellen noch nicht gemacht worden, obwohl die Daten verfügbar wären.

Weil der Verkehr die Lebensqualität in den Dörfern trotzdem beeinträchtige, erarbeitet eine neue Arbeitsgruppe Lösungsvorschläge, die sie dem Kanton unterbreiten wird – laut Morgenthaler auch unkonventionelle. Der Gruppe «Verkehrssituation Kantonsstrasse» gehören Moosleeraus Gemeinderat Andreas Keller, Kirchleeraus Gemeinderätin Beatrice Meili und Moosleeraus Gemeindeschreiber Werner Jäggi an. Damit nehmen sie ein Thema auf, das Kirchleerber alt Ammann Walburga Müller am Herzen lag. Vor einem Jahr forderte sie in der Aargauer Zeitung eine Umfahrungsstrasse, auch eine unterirdische Lösung schloss sie nicht aus.

«Es war der grösste Fehler, dass beim Bau der Suhrentalstrasse nicht daran gedacht wurde, die beiden Dörfer ebenfalls zu umfahren», sagt Morgenthaler. «Wir müssen nun einen anderen Ansatz finden, wie wir den Verkehr um die beiden Dörfer herum leiten können», ergänzt Hunziker. Bis jetzt habe man auf die Hilfe des Regionalverbandes Suhrental gesetzt, doch passiert sei nichts. Die letzte Richtplanrevision sehe keinen Platz für eine Umfahrungsstrasse vor.

«Wir haben das Anliegen der beiden Gemeinden geprüft und im Regionalen Entwicklungskonzept (REK) aufgenommen», sagt Rolf Buchser, Präsident des Regionalverbandes Suhrental. Im REK ist die Befreiung der Dorfkerne von Moosleerau und Kirchleerau vom Durchgangsverkehr ein regionales Ziel und dieses sei mittelfristig zu realisieren. Wie das gemacht werden soll, ist laut Buchser offen. Denn eine Verlängerung der Schnellstrasse würde massive Konflikte mit den Zielen des Landschaftsschutzes verursachen, heisst es im REK.

Das Endmoränengebiet zwischen Staffelbach und Kirchleerau ist eine Landschaft von nationaler Bedeutung. Landschaftsverträgliche Lösungen (Tunnel) seien nicht ausgeschlossen, aber sehr aufwendig und kaum finanzierbar. «Ein solches Anliegen hätte viel früher – bereits bei der Planung und Realisierung der Schnellstrasse berücksichtigt werden müssen», sagt Buchser, «heute ist der Zug abgefahren.» In den Luzerner Gemeinden würde viel in den Strassenausbau, Lärmschutz und in die Strassenraumgestaltung investiert, um so die Dorfkerne attraktiver zu machen und den Verkehr sicherer und flüssiger durch die Dörfer zu leiten.

Strasse ist auch Schulweg

Einig sind sich die beiden Ammänner, dass es Massnahmen brauche, die das Fahren auf der K108 für den Schwerverkehr erschweren. «Weil es eine Kantonsstrasse ist, sind wir darauf angewiesen, dass der Kanton uns dabei unterstützt», sagt Morgenthaler.

Hinzu kommt, dass viele Kinder die Strasse oft auf ihrem Schulweg queren müssen, es gibt mehrere neuralgische Stellen (s. Karte unten). Denn die beiden Dörfer teilen sich die Primarschule und sie haben je ein Schulhaus. Hunziker sagt: «Unfälle hatten wir bis jetzt sehr wenige auf dieser Strasse.» Und er ergänzt: «Es muss nicht zuerst etwas Schlimmes passieren, damit man merkt, wie viel befahren diese Strasse ist.»

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