Die Schulsozialarbeit im Mittleren Wynental befindet sich in einer dreieinhalbjährigen Testphase, die noch bis Ende Jahr läuft. An den Herbst-Gemeindeversammlungen haben die Stimmbürger der drei involvierten Gemeinden Oberkulm, Unterkulm und Teufenthal separat über die definitive Einführung und eine Pensenerweiterung von 80 auf 140 Prozent zu befinden.

Frau Hächler, nach dem Rücktritt der ersten Mitarbeiterin bereits nach 18 Monaten wurde eine neue Fachkraft eingesetzt und die Versuchsphase um ein halbes Jahr verlängert. Kurz nach den Sommerferien hat nun auch der neue Schulsozialarbeiter die Schulen wieder verlassen. Warum?

Der Schulsozialarbeiter, der sich die letzten zwei Jahre an unseren Schulen eingesetzt hat, hat gesundheitliche Probleme und war daher den Belastungen nicht mehr gewachsen. Die beiden vorzeitigen Abgänge zeigen, dass unsere Erwartungen an eine professionelle Schulsozialarbeit mit total fast 900 Schülern mit einem
80-Prozent-Pensum nicht erfüllt werden können. Deshalb ist eine Stellenerweiterung dringend nötig.

Was ist das besonders Belastende an der Schulsozialarbeit an den Schulen im Mittleren Wynental?

Neben der grundsätzlich schon umfangreichen Verantwortung der Schulsozialarbeit ist es sicher eine zusätzliche Herausforderung, für vier Schulen in drei verschiedenen Gemeinden zuständig zu sein. Diese Situation bringt einen mehrmaligen Wechsel des Arbeitsortes mit sich.

Warum wird der Arbeitsort gewechselt? Könnte hier nicht optimiert und somit gespart werden?

Unsere Schulsozialarbeit ist zuständig für die Primarschulen der drei Gemeinden Oberkulm, Unterkulm und Teufenthal sowie für die Oberstufenschüler der Kreisschule Mittleres Wynental. Für uns ist wichtig, dass die Mitarbeitenden der Schulsozialarbeit in jeder Gemeinde einen Standort haben, damit die Kinder und Jugendlichen zu festgelegten Zeiten eine Ansprechperson vor Ort haben. Ausserdem wird die Schulsozialarbeit bei Elterngesprächen, Elternabenden und Sitzungen mit Lehrpersonen und Schulleitungen miteinbezogen, was einen häufigen Wechsel innerhalb der Gemeinden zur Folge hat.

Welche Konsequenzen hätte eine Ablehnung der beantragten Stellenerweiterung?

Wenn die Stellenerweiterung abgelehnt würde, die Schulsozialarbeit jedoch mit 80 Stellenprozenten eingeführt würde, müssten die Aufgaben stark gekürzt werden. Die Schulsozialarbeit könnte so in unseren Gemeinden lediglich noch ein Grundangebot leisten. Prävention und Früherkennung könnten nicht berücksichtigt werden. Somit wäre längerfristig auch keine Entspannung der allgemeinen Situation an den Schulen zu erwarten.

Was ist das für eine angespannte allgemeine Situation an den Schulen?

Das Zusammenleben von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Familiäre Probleme, eine multikulturelle Gemeinschaft, moderne Medien, Mobbing oder höhere Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen prägen die heutige Gesellschaft.

Was kann die Schulsozialarbeit da konkret tun?

Nebst Kriseninterventionen, die sich auf konkrete Probleme beziehen, sind Früherkennung und Prävention die wichtigsten Aufgaben der Schulsozialarbeit. Sie wirken sich positiv auf die Zukunft aus. Präsente Schulsozialarbeiter können in Schulhäusern und auf Pausenplätzen Spannungen erkennen und auffangen. Dadurch schaffen sie Gelegenheiten zum Finden von gewaltlosen und problemorientierten Lösungen.

Was würde passieren, wenn die Schulsozialarbeit nicht definitiv eingeführt würde?

Dann müssten die Schulen einen Grossteil der anfallenden Probleme aus den sozialen Bereichen bearbeiten, was jedoch ohne Pensenerweiterung der Schulleitungen nicht möglich ist. Ebenso würden der Schulpsychologische Dienst und andere Fachstellen stärker beansprucht, was mit hohen Kosten verbunden ist.

Wie viele Fälle bearbeitet die Schulsozialarbeit pro Jahr?

Es fällt schwer, bei ernsthaften Problemen von Kindern, Jugendlichen und Eltern von «Fällen» zu sprechen, da oft viel Leid und Leiden dahintersteckt. Familiäre Krisen, Mobbing, auffälliges Verhalten, Aggression und persönliche Probleme haben im Jahr 2014 über 320 Begebenheiten mittlerer und schwerer Tragweite verursacht, die von der Schulsozialarbeit bearbeitet wurden.

Die Schulsozialarbeit ist für Primarschüler und Jugendliche gedacht. Aus dem Jahresbericht 2014 geht hervor, dass ein Grossteil der bearbeiteten Angelegenheiten Probleme von Jugendlichen der Oberstufe betrafen. Warum?

Jugendliche haben entwicklungsbedingt häufiger persönliche Probleme als jüngere Schüler. Jugendliche teilen sich oft lieber einem Aussenstehenden mit, als der eigenen Familie. Die Schulsozialarbeit kann helfen, Lösungen für kleinere und ernsthaftere Probleme zu finden. Leider gibt es aber auch immer wieder dramatische Entwicklungen, die grossen Einsatz und viel Engagement von Fachpersonen erfordern.

Wäre es denkbar, das Angebot der Schulsozialarbeit nur auf die Oberstufe zu beschränken?

Die Arbeit an den Primarschulen und den Oberstufen unterscheidet sich grundsätzlich. Während in den Oberstufen hauptsächlich auf konkrete Anliegen von Schülerinnen und Schülern eingegangen wird, steht der Fokus in den Primarklassen ganz klar bei Prävention und Früherkennung.

In Ihrer Argumentation für die Gemeindeversammlungen sagen Sie, die Schulsozialarbeit brauche eine Doppelbesetzung – nicht nur aus Belastungsgründen. Weshalb denn noch?

In den letzten zwei Jahren mit einem männlichen Mitarbeiter kamen deutlich mehr Jungen als Mädchen mit ihren Anliegen auf die Schulsozialarbeit zu. Das zeigt, dass eine Besetzung mit einer männlichen und einer weiblichen Fachperson wichtig ist, um die Bedürfnisse von Schülerinnen und Schülern abzudecken.