Wynental

Schulleiter zur tiefen Gymi-Quote: «Bezirksschule ist keine Maturandenfabrik»

Nicht jeder Schulabgänger will an die Kanti – auch wenn er könnte.

Nicht jeder Schulabgänger will an die Kanti – auch wenn er könnte.

Der Bezirk Kulm hat eine tiefe Maturitätsquote – trotzdem wollen Schulleiter nicht direkt Einfluss ausüben. Sich zu entscheiden, sei Sache der Jugendlichen. Die Gründe für das unterdurchschnittliche Abschneiden des Tals sind vielfältig.

«Die Chancen auf die Matur sind vom Wohnort abhängig», so titelte die az am vergangenen Freitag. Die abgebildete Grafik machte deutlich: Der Bezirk Kulm hat mit 11,9 Prozent eine der tiefsten Maturitätsquoten im Kanton. Die Maturitätsquote besagt, wie viele Jugendliche eines Jahrgangs eine Matur ablegen.

Der Durchschnitt liegt bei 15 Prozent, der bestabschneidende Bezirk, Lenzburg, bringt es auf 19,7 Prozent. Als Hauptgrund für die Unterschiede wird die Zusammensetzung der Bevölkerung ins Feld geführt. Bildungsnahe Familien mit Kindern lebten heute eher in Städten und Agglomerationen. Weiter spielten die Distanz zum nächsten Gymnasium eine Rolle.

Sind die Schüler im Wynental also dümmer?

«Städtisch gleich klüger, ländlich gleich dümmer, das lasse ich niemals so gelten», sagt Bruno Schaller, Schulleiter der Oberstufe und der 3. bis 6. Klassen in Menziken.

«Wir haben Schüler aus 34 Nationen, das ist einmalig.» Da würden nicht nur unterschiedliche Kulturen, sondern auch verschiedene Bildungsauffassungen aufeinandertreffen. «Wir haben Kinder aus Akademikerfamilien in der Sekundarschule, umgekehrt haben zwei Flüchtlingskinder aus Eritrea innert zwei Jahren die Bez-Reife geschafft.»

Abhängig von den Lehrbetrieben

Die Maturitätsquote hat aber nicht nur mit dem Bildungshintergrund zu tun, sonder auch mit dem Lehrstellenangebot. Christian Aeberli, Leiter der Abteilung Volksschule beim Kanton Aargau, sagt: «Es absolvieren mehr Jugendliche eine Berufslehre, wenn in der Region attraktive Lehrbetriebe vorhanden sind, während die Nähe zu einer Mittelschule dazu führt, dass sich mehr Jugendliche für dieses Angebot entscheiden.» Sind also die Schulabgänger, die in der Nähe einer Kanti leben, einfach bequemer? Oder ist ihr Angebot an Alternativen kleiner?

Eine Frage, die nicht so einfach zu beantworten ist. Bruno Schaller stellt an der Bez Menziken eine Zunahme an Schülern fest, die eine Mittelschulzulassung schaffen, aber dennoch eine Berufslehre vorziehen.

Diese Beobachtung bestätigt auch Alois Zwyssig, Kreisschulleiter Mittleres Wynental: «Während früher viele Schüler, die den entsprechenden Notendurchschnitt erreicht hatten, auch tatsächlich in eine Mittelschule eingetreten sind, überlegen sich heute viele Jugendliche – vor allem Jungs – ob sie nicht den Weg über den Beruf und die Berufsmatura wählen sollen.»

Für Zwyssig spielen neben dem guten Lehrstellenangebot auch Faktoren wie die persönliche Nähe zum Lehrbetrieb oder die frühere finanzielle Unabhängigkeit eine Rolle. «Möglicherweise ist in den ländlichen Gebieten auch einfach der Druck kleiner, einen gymnasialen Weg einschlagen zu müssen.»

An der Bezirksschule Reinach haben sich gemäss Angaben von Christian Gantenbein, Leiter der Kreisschule Homberg, bei den vergangenen beiden Jahrgängen jeweils knapp die Hälfte der Schulabgänger für eine Lehre entschieden. Sie sind es denn auch, die in den Unternehmen gefragt sind. «Die Wirtschaft braucht mehr denn je gut ausgebildete Jugendliche», sagt Gantenbein.

So sind im Wynental auf Schul- und Unternehmensseite Bestrebungen im Gange, den Kontakt zwischen Lehrstellenanbietern und Schulabgängern zu fördern. An der Kreisschule Mittleres Wynental ist beispielsweise eine Schnupperwoche in der dritten Bez Pflicht. Auch mit dem vom Gemeindeverband aargauSüd impuls lancierten Projekt «Schule trifft Wirtschaft» soll der Austausch zwischen Lehrmeistern und Schülern gestärkt werden.

Für Schaller ist «eine Bezirksschule keine Maturandenfabrik». Ganz falsch wäre es aus Sicht von Alois Zwyssig, als Schule Einfluss auf die Maturitätsquote nehmen zu wollen oder gar darauf hinzuarbeiten: «Es ist Sache der Jugendlichen, sich zu entscheiden.»

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