Bevor der Lastwagen mit dem leeren Container an diesem Dienstagmorgen in Schöftland einfährt, stehen Florenz Schaffner und Stefan Plaar vor der Lagerhalle auf dem Dreistein-Areal und rauchen eine Zigarette.

Nachher werden sie zwei Stunden darauf verzichten müssen: So viel Zeit genehmigt die Speditionsfirma dem Dutzend Freiwilligen, um den Container von Hand mit Kisten, Säcken und einigen Einzelstücken wie Reisebetten oder Kinderwagen zu beladen.

Hand in Hand: Helfer beladen die Container mit den Hilfsgütern für die Flüchtlinge.

«Zerscht do vore alls wäg. Die Säck mit Schlofsäck cha mer guet am Schluss no obedruf tue», weist Plaar seine Helferinnen und Helfer an. Der 44-jährige Zofinger ist Logistikchef von Volunteers for Humanity, der Hilfsorganisation der «Aargauerin des Jahres 2016», Marit Neukomm.

70 Tonnen Hilfsmaterial hat der Verein in den vergangenen sechs Wochen gesammelt. «Das ist Wahnsinn!», sagt Plaar und schaut beeindruckt auf die meterhoch gestapelten Schachteln und Plastiksäcke.

«Achtung, er chunnt no chli!»

Kurz vor 9 Uhr fährt der Lastwagen vor. Basler Nummernschild, ein grosser roter Container, Aufschrift «Hamburg Süd». Plaar gibt dem Chauffeur Zeichen, wie weit er zurücksetzen kann. «No chli! Achtung, er chunnt no chli!» Er winkt ab, der Lkw bleibt stehen.

Kaum ist die Tür geöffnet, packen die Helfer an: Kiste um Kiste, Sack um Sack werden mit Muskelkraft auf die Ladefläche gehievt. Dort steht der Chef und sagt, was er braucht. «Wettsch no Säck?» – «No zwe!» – «Die Palette au?» – «Nei, die goht ersch mit em vierte!»

Eigentlich ist Stefan Plaar Versicherungsberater, leitet die Schöftler Zurich-Agentur. Zu seinem Nebenamt als Flüchtlingshelfer kam er zufällig: Er wusste von einer temporär leerstehenden Halle im Dorf, stellte den Kontakt zwischen Immobilienunternehmer Beat Michael Wälty und dem Hilfswerk her.

Jetzt darf der Verein die Halle kostenlos nutzen, bis sie ab Mitte März wieder vermietet ist – inklusive Gabelstapler und Heizkosten. «Mir war es deshalb wichtig, dass alles gut läuft hier», sagt Plaar, so habe er nach und nach mehr übernommen. Jetzt ist er verantwortlich für acht Container à 10 Tonnen (viermal Kleider, dreimal Medizin, einmal Damenbinden).

Freiwillige sortieren in Schöftland rund 30 Tonnen Kleider, Schuhe, Schlafsäcke und Hygieneartikel für Kriegsflüchtlinge.

Er sagt, nicht besorgt, sondern erfreut: «Dass alles so gross werden würde, war ja nicht absehbar.» Er sei zum Glück ziemlich flexibel in seinem Job, könne sich die Zeit selber einteilen. Und die Solidarität, die sich entwickelt habe – an Sortierabenden kamen bis zu 60 Helfer – sei «wirklich aussergewöhnlich.»

Videos als Erfolgsmeldung

Auch Asylsuchende kommen und packen mit an. Für sie sei der Einsatz dreifach sinnvoll, entsprechend hoch motiviert kämen sie: «Sie sind sinnvoll beschäftigt, kommen in Kontakt mit Schweizern und können gleichzeitig ihren Landsleuten in Syrien helfen.» Gut die Hälfte des Containers ist inzwischen gefüllt. Ein Helfer fragt: «Welli chömed als nächschts? Die hinde?» – «Nei, nochher fahre mer vöre und nänd dä Huufe rächts!»

Die Container werden mit dem Lastwagen von Schöftland nach Basel gebracht und dort auf ein Transportschiff verladen. Auf dem Rhein geht es via Rotterdam weiter durch die Strasse von Gibraltar und das Mittelmeer in die südtürkische Hafenstadt Mersin, nah der syrischen Grenze. Eine britische Partnerorganisation nimmt dort die Container in Empfang, bringt das Material in Flüchtlingscamps.

Selber ins Krisengebiet zur reisen, wäre für die unerfahrenen Schweizer viel zu gefährlich. In jedem Container liegt eine ihrer Blachen. Bei der Ankunft wird sie entfaltet, die Briten schicken Fotos und Videos als Erfolgsmeldung. Die Verschiffung kostet pro Container 3000 Franken, finanziert durch Spenden. Für die kalkulierten vier, fünf Transporte hätte das Geld gereicht, doch weil daraus acht wurden, freut sich der Verein über jeden zusätzlichen Batzen.

Es ist Viertel vor Elf. Jubel tönt aus der Halle: Der Container ist bis unter die Decke gefüllt, die Tür zu. Stefan Plaar tritt vor die Tür, zündet eine Zigarette an. Um eins wird der nächste Container gebracht.