Schöftland
Rolf Buchser über den Angriff seiner Gemeinderatskollegin: «Das empfinde ich als unanständig»

Schöftlands Gemeindeammann über den Ansturm auf ihn, Gemeindefusionen und Korrekturbedarf beim Alterszentrum.

Urs Helbling
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«Ich habe noch immer Freude»: Gemeindeammann Rolf Buchser übre sein Amt.

«Ich habe noch immer Freude»: Gemeindeammann Rolf Buchser übre sein Amt.

Alex Spichale

Er ist der Gemeindeammann, der am stärksten angegriffen wird: «Soll er aufhören!», hatte der Grüne Grossrat Severin Lüscher geschrieben. Rolf Buchser (57) gibt im Interview zu, dass ihn die Kampagne trifft, und er sie als ungerechtfertigt empfindet. Buchser ist verheirateter Familienvater (vier Kinder). Der Bauingenieur ist erfolgreicher Unternehmer. Er gehört seit 2008 für die FDP dem Gemeinderat an und ist seit Januar 2014 Gemeindeammann von Schöftland.

Statt 2,5 Mio. Fr. Schulden hat die Gemeinde jetzt 4,2 Mio. Fr. Vermögen. Und der Steuerfuss konnte von 110 auf 97 Prozent gesenkt werden. Seit 2008, seit Sie dem Gemeinderat angehören, hat sich Schöftland hervorragend entwickelt. Sind Sie darauf etwas stolz?

Rolf Buchser: Ja, das bin ich. Aber es ist bei weitem nicht alleine mein Verdienst. Verwaltung, Gemeinderat, Stimmbürger – sie alle haben dazu beigetragen, dass wir heute eine gute Finanzsituation haben. Denn diese ist nicht gottgegeben. Sie basiert auf der Trennung vom Notwendigen und Wunschbedarf. Das hat auch mit Einschränkungen und Verzicht zu tun.

Hatten Sie einfach Glück?

Diese Entwicklung ist nicht Zufall, sondern ein Produkt von Arbeit. So haben wir zum Beispiel als eine der ersten Gemeinden Vermögen angelegt, als dies dank der neuen Finanzordnung möglich wurde. Davon profitierten wir etwa im letzten Jahr, als die Rechnung negativ gewesen wäre. Wir sind dank der Zinsen von mehreren hunderttausend Franken mit einem blauen Auge davongekommen.

Seit 2008 ist die Bevölkerung auch über 20 Prozent gewachsen.

Wachstum ist heute häufig negativ behaftet. Man darf aber die positiven Aspekte nicht übersehen. So hatten wir in Schöftland auch einnahmeseitig ein überproportionales Wachstum. Also ein qualitatives Wachstum, nicht nur einfach mehr Einwohner.

Gefällt Ihnen, was der Bauboom im Dorf für Spuren hinterlassen hat?

Bei privaten Überbauungen haben wir als Gemeinderat nur im Rahmen der Baubestimmungen Einflussmöglichkeiten. Wenn ein Investor einen «Schrott» bauen will, können wir das nicht immer verhindern. Wir haben in der Tat in Schöftland einige Überbauungen, die nicht gut sind. Sie haben denn auch ständig Wechsel, stehen teilweise sogar leer.

Was ist aktuell die grösste Herausforderung für Schöftland?

Das sind die Finanzen. Wir haben ein stetiges Ausgabenwachstum sowie ein steigendes Wachstum bei den gebundenen Ausgaben. Kosten werden vom Bund und Kanton auf die Gemeinden verschoben. Ich denke etwa an die steigenden Kosten im Bildungs-, Pflege- und Sozialbereich. Wir sind aktuell am Ausarbeiten des Budgets 2022. Es war noch nie derart aus dem Lot wie jetzt. Die Trennung von Notwendigem und Wunschbedarf ist jetzt wirklich für alle schmerzhaft.

Erwägt der Gemeinderat eine Steuererhöhung?

Nein. Denn wir sind über zehn Steuerprozente nicht mehr im Lot. Und es wäre sehr fraglich. ob wir eine solche Erhöhung beim Souverän überhaupt durchbringen würden.

Das Klima in der Politik hat sich verändert: 2013 wurden Sie ohne Gegenkandidat zum Gemeindeammann gewählt. 2017 trat der Gemeinderat geschlossen wieder an, was vom Souverän sehr gut goutiert wurde. Jetzt stehen die Zeichen auf Sturm. Was ist passiert?

Wir haben in Schöftland politische Strömungen, die bisher entweder inaktiv oder gar nicht vorhanden waren. Mit dem Thema «Hegmatte», der damit zusammenhängenden Streitkultur, haben sich diese Strömungen gegenseitig mobilisiert. Ob die Zeichen in Schöftland wirklich auf Sturm stehen, werden die Wahlen zeigen. Schöftland hatte bisher eine relativ grosse Kontinuität. Wir hatten als Gemeinderat einen guten Rückhalt in der Bevölkerung. Ich glaube, dass das, was aktuell abläuft, von den Stimmbürgern nicht goutiert wird. Die Wahlen werden es zeigen.

Gemeinderätin Anja Gestmann (SP) tritt gegen Buchser an.

Gemeinderätin Anja Gestmann (SP) tritt gegen Buchser an.

zvg

Hat es Sie überrascht, dass Ihre Gemeinderatskollegin Anja Gestmann (SP) gegen Sie als Gemeindeammann antritt?

Nein. Grundsätzlich haben jede Frau und jeder Mann das Recht, für das Amt des Gemeindeammanns zu kandidieren. Ich persönlich glaube, dass es gewisse ungeschriebene Regeln gibt in der Kommunalpolitik: Etwa, dass man als bisheriger Mandatsträger einen Ratskollegen nicht angreift. Das hat mit Anstand und Wertschätzung zu tun.

Gestmann sagt: «Es gibt einen Ruf nach Veränderung im Dorf.» Sie führen den Wahlkampf mit dem Motto «Kontinuität: Weiterdenken – weiterkommen». Da prallen Welten aufeinander. Ist das Dorf derart zerrissen?

Ich glaube nicht, dass das Dorf derart zerrissen ist. Das Thema «Hegmatte» wird von den Überbauungsgegnern mit grossem Eifer und einer extremen Kampagne immer wieder aufgekocht. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung konnte sich bisher ja gar nicht dazu äussern. Sie interessiert sich auch nicht nur für ein Thema.

Was heisst für Sie «weiterkommen»: Was sind Ihre Ziele?

Es ist offensichtlich: Der Gemeinderat Schöftland ist als Behörde nicht mehr so homogen. Ein Ziel muss darin bestehen, dass sich die neue Crew in der neuen Amtsperiode als Behörde findet. Man wird sich wieder ans Kollegialitätsprinzip erinnern müssen. Das funktionierte im aktuellen Gemeinderat jahrelang sehr gut, tut es jetzt aber plötzlich nicht mehr so. Da braucht es neue Köpfe. In dieser Konstellation können wir nicht mehr weiterarbeiten. Es wird Veränderungen geben.

Was sehen Sie als weitere Herausforderung?

Den Übergang von der Schulpflege zur Schulbehörde Gemeinderat. Das ist eine Herkulesaufgabe. Es ist ein Irrtum zu glauben, nach der Abschaffung der Schulpflege sei dann alles besser. Der Gemeinderat wird massive Mehrarbeit haben.

Und?

Ein grosses Problem ist der Bereich der Alterspflege. Die Misstöne, die wir in der Vergangenheit rund um das Altersheim, heute Suhrental Alterszentrum, hatten, halten an. Da müssen wir endlich die Reihen schliessen. Wir müssen den effektiven Pflegebedarf seriös abklären und Partikularinteressen hintenanstellen.

Konkret?

Es reicht nicht, wenn man beispielsweise, wie Ende letzten Jahres geschehen, einfach die Demenzstation schliesst und die Dementen ins Altersheim verschiebt. Es ist menschenunwürdig – man hat die dementen Leute nicht unter Kontrolle. Sie laufen verwirrt und planlos im Dorf herum, entwenden unterwegs ihnen vertraute Dinge, zum Beispiel Velos auf dem Schulhausplatz – und dann soll es die Polizei richten.

Wie soll es weitergehen?

Da haben wir grosse Aufgaben, die offenbar die regionale Alterszentrum AG nicht selber lösen kann. Da braucht es eine enge Begleitung durch die Trägergemeinden. Der unbestrittene Ausbaubedarf muss auf dem effektiven Pflegebedarf basieren und etappiert auf den in den vergangenen Jahren erworbenen Baulandparzellen realisiert werden.

Ein Ausbau des Regionales Alterszentrum in Schöftland ist unwahrscheinlich.

Ein Ausbau des Regionales Alterszentrum in Schöftland ist unwahrscheinlich.

Peter Siegrist / WYS

Das heisst, die Gemeinde wird nicht Hand bieten für einen Ausbau neben dem bestehenden Altersheim.

Die Gemeinde hat bereits zwei Mal dieses Anliegen ganz klar abgelehnt. Daran wird sich der Gemeinderat auch in Zukunft halten müssen. Das ist ein öffentlicher Platz, den wir ganz bewusst freihalten wollen. Den Mehrwert dieses Platzes im Dorfzentrum opfern wir nicht für ein Bauprojekt des Alterszentrums.

Könnten Sie sich vorstellen, das Regionalzentrum Schöftland durch eine Fusion mit einer oder mehreren umliegenden Gemeinden zu stärken?

Grundsätzlich schon. Der Regionalverband ist daran eine entsprechende Studie auszuarbeiten. Sie soll im Verlaufe des nächsten Jahres publiziert werden. Ich glaube aber im Moment nicht, dass es zu Fusionen kommt. Obwohl die Gemeindebehörden zum Teil personell sehr schwach sind, ist immer noch der Stolz da, eigenständig zu bleiben. Solange es dieses Denken gibt, bekommt der Fusionsgedanke zu wenig Fahrtwind. Vielleicht ist das auch gut so.

Würde Schöftland überhaupt von einer Fusion profitieren?

Rein wirtschaftlich betrachtet gäbe es nur eine sinnvolle Fusion: Schöftland und Hirschthal. Das sind die beiden einzigen Gemeinden mit gesunden Finanzen. Alles andere würde vom wirtschaftlichen Standpunkt aus keinen Sinn machen.

Und die anderen Aspekte?

Im Aargau gibt es 12 Regionen. Der Regionalverband Suhrental ist mit seinen zehn Gemeinden mit Abstand die kleinste. Er ist auf der Zeitachse wohl ein Übernahmekandidat. Um dem zu begegnen wäre eine Grossfusion von zehn Gemeinden eine Vision. Sie hätten zusammen etwa 14500 Einwohner und wären politisch etwas gewichtiger. Man könnte dann etwa auch über einen Einwohnerrat nachdenken. Aber die Gemeinden sind zum Teil derart mausarm und hängen am Tropf des Kantons, dass man die Fusion – unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit – von A bis Z durchziehen müsste. Man müsste ein Maximum an Heiratsgeld herausholen und den Verwaltungsapparat massiv zusammenstreichen.

Das kommt?

Von der Realisierung dieser Vision sind wir weit entfernt. Das sieht man jetzt bei der vergleichsweise kleinen Zusammenführung der drei Forstregionen, wo man schon über Details streitet.

Wenn Schöftland so bliebe, wie es jetzt ist: Sehen Sie eine obere Grenze für das Bevölkerungswachstum?

Wir haben zwar kaum mehr Einfamilienhaus-Land, aber schon noch Flächen, auf denen verdichtet gebaut werden könnte. Etwa auf dem Mühleareal oder entlang der Luzernerstrasse. Das gibt dann sofort wieder je 50 bis 60 neue Wohnungen. Die öffentliche Hand muss Einfluss nehmen, damit es in Schöftland weiterhin ein qualitatives Wachstum gibt und nicht einfach nur «billige» Mehrfamilienhäuser. Mit den neuen Baubestimmungen gibt es dafür Steuerungsmöglichkeiten für Arealüberbauungen sowie Gestaltungspläne

Würden Sie es als Bereicherung empfinden, wenn einer der grossen Discounter Aldi und Lidl nach Schöftland käme?

Nicht unbedingt. Wir haben Coop, Migros und Spar. Das genügt eigentlich – und die beiden Grossen denken ja auch immer wieder über Expansionen nach. Es war übrigens nie ein Thema, in der «Hegmatte» einen Grossverteiler oder Discounter zu platzieren.

Streitpunkt: Das Gebiet Hegmatte in Schöftland, wo das neue WSB- (AVA) Depot entstehen soll. Einen Entscheid betreffend Überbauung wird die Gmeind frühestens 2022 fällen.

Streitpunkt: Das Gebiet Hegmatte in Schöftland, wo das neue WSB- (AVA) Depot entstehen soll. Einen Entscheid betreffend Überbauung wird die Gmeind frühestens 2022 fällen.

Flurina Dünki / Aargauer Zeitung

Haben Sie überhaupt noch Freude am Job des Gemeindeammanns?

Ich empfinde die Leserbriefe, die auf mich als Person zielen, und die ganze Kampagne, die dahintersteckt, als unanständig, nicht gerechtfertigt und fachlich als nicht richtig. Wir sind eine Kollegialitätsbehörde, die immer alle Entscheide miteinander gefällt hat – und grösstenteils auch einstimmig. Wer jetzt in Wahlzeiten etwas anderes behauptet, der lügt.

Warum tun Sie sich das alles noch an?

Ich könnte tatsächlich sagen, das muss ich jetzt nicht mehr haben – «blast mir doch in die Schuhe!». Aber ich habe immer noch Freude an dieser Aufgabe. Gemeindepolitik ist reizvoll. Man kann da etwas bewirken. Wenn ich gesund bleibe, möchte ich gerne noch eine gewisse Zeit Gemeindeammann bleiben. Doch wenn der Stimmbürger Nein sagt, dann bin ich weg.

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