Im Radio singt eine Amerikanerin von den Wirren der Liebe. Den Reitnauer Kühen ist das egal. Fast bewegungslos stehen sie im Melkraum. In Reih und Glied, je drei hintereinander, rechts und links. In der Mitte steht Bauer Peter Hochuli in seinen grossen Gummistiefeln und bedient die Melkmaschine. Die Milch fliesst, und während sich der grosse Tank im Nebenraum füllt, schrumpfen die Euter. Ist der Milchtank voll, fährt Peter Hochuli mit seinem Traktor in die Käserei. Das gleicht tat schon sein Vater und vor ihm dessen Vater und davor dessen Vater.

Ende Jahr ist Schluss damit. Die Reitnauer Milchannahmestelle wird geschlossen.

Der Milch-Lastwagen stoppt nicht

Das Mittel, das in den Kompressoren zur Kühlung der Milch verwendet wird, ist ab 2015 verboten. Eine Umrüstung der Anlage würde rund 60000 Franken kosten. Die 13 Bauern, welche die Milchgenossenschaft noch zählt, haben über die Investition diskutiert und mit sich gerungen. Aber eigentlich war von Anfang an klar: Das lohnt sich nicht. Auch weil man mit der Milch heute kaum mehr etwas verdient. Darum gibt es ab nächstem Jahr keine Milchannahmestelle mehr. Und das löste ein kleines Beben aus unter den Reitnauer und Attelwiler Milchproduzenten.

Denn während bisher auch die kleinen Milchbauern jeweils morgens und abends ihre Milch zur Annahmestelle bringen konnten, haben sie ab nächstem Jahr ein Problem. Zwar holt der Emmi-Lastwagen künftig die Milch direkt bei den Bauern ab – aber eben nur bei den Grossproduzenten. Wer weniger als 150000 Liter Milch pro Jahr produziert, an dessen Hof fährt der Lastwagen einfach vorbei.

Einer, bei dem der Lastwagen nicht stoppen würde, ist Hans Ulrich Blatter. Er ist Präsident der Reitnauer Milchgenossenschaft und in seinem Stall stehen zwölf Kühe. Milch produziert er keine mehr. Als er erfuhr, dass die Annahmestelle zugeht, hat er sich entschieden, mit der Milchwirtschaft aufzuhören.

Eine Lösung wäre gewesen, die Milch zu einem grösseren Milchproduzenten auf den Hof zu bringen. Es gibt mindestens einen Bauer in Reitnau, der das ab nächstem Jahr so machen wird. Für Blatter war das keine Option. Dass auf seinem Hof nun keine Milch mehr produziert wird, tut Blatter zwar weh, eine Welt bricht aber nicht zusammen für ihn. Man merkt, dass ihm die «Früher war alles besser»-Romantik fernliegt. Denn die Schliessung der Milchannahmestelle war bei Blatter zwar der Auslöser, mit der Milchwirtschaft aufzuhören.

Aber bei weitem nicht der einzige Grund. Wie viele andere Bauern in Reitnau, ist auch Blatter nicht mehr Vollzeitbauer, sondern Landwirt im Nebenberuf. Der Grund dafür ist ein finanzieller und eine Konsequenz davon ist, dass er nicht mehr so viel Zeit hat, seine Kühe zu beobachten. Damit die Kühe genug Milch geben, müssen sie aber regelmässig kalbern, und darauf müsse man ein Auge haben, erklärt Blatter. «Wer nicht genug Zeit hat für seine Kühe, der verliert schnell mehr Geld mit ihnen, als er im Nebenerwerb verdient.»

Die Kühe gehören zum Bauern

Auf die Milch kann Blatter verzichten, die Kühe möchte er nicht missen. «Die gehören einfach dazu», sagt er. Darum hat Blatter eine Lösung gesucht, wie er das Grünfutter, das er produziert, wegbringt und auch ohne Melken seinen Stall voller Kühe haben kann. Er hat die Lösung gefunden. Blatter übernimmt die trächtigen Kühe von Bauer Peter Hochuli. Und zwar etwa zwei Monate, bevor sie das Kalb bekommen. Dann geben sie nämlich keine Milch mehr. Das hilft auch seinem Kollegen Hochuli, weil der dann immer nur Kühe im Stall hat, die Milch produzieren – rund 40 Tiere sind das.

Während die einen mit dem Melken aufhören müssen, setzt Peter Hochuli weiter auf die Milchwirtschaft, obwohl die Annahmestelle zugeht. Weil er die Kühe, die keine Milch geben, zu Blatter bringen und so ohne den Stall auszubauen mehr Milch produzieren kann. Wenn die Milch dann ab nächstem Jahr direkt auf seinem Hof abgeholt wird, ist das für ihn eine Erleichterung. Trotzdem findet es Hochuli schade, dass einige seiner Kollegen mit der Milchwirtschaft aufhören müssen.

Der Treffpunkt wird fehlen

Es ist Abend. Die Bauern sind nun am Melken. Kurz nach sechs Uhr halten die ersten Traktoren vor der Käserei. Alle sind mit Milch beladen. Einer der zufährt, ist Martin Baumann aus Attelwil. Ende Jahr hört er auf mit der Milch. «Es ist schade», sagt er. Doch Baumann hat eine Hühnerzucht. Darauf wird er sich in Zukunft konzentrieren. Auch Rita Hochuli bringt die Milch von ihrem Hof. Und auch sie hört auf mit dem Melken. Nicht nur weil die Annahmestelle dichtmacht, auch weil sie den Stall wegen Tierschutzbestimmungen im nächsten Jahr umbauen müsste. Darum wird sie auf Rindermast umstellen. «Sobald man investieren muss, lohnt sich die Milch nicht mehr», sagt Bauer Ernst Lehmann, bevor er mit seinem Traktor davonfährt.

Worin sich alle Milchbauern einig sind: Die Milchannahmestelle wird ihnen fehlen. Denn während sie ihre Milch in den Tank pumpten, blieb immer auch Zeit für ein paar Worte. Damit ist nun Schluss.