Reinach
Saure Zungen und Cola light gegen den Alkoholgluscht

Die Suchtberatungsstelle ags ist umgezogen. Eine Klientin erzählt, wie sie in die Sucht abrutschte und wieder hinaus fand.

Rahel Plüss
Merken
Drucken
Teilen
Scham, Schuldgefühle, Trauer – solche Dinge bespricht die Klientin, die seit über drei Jahren keinen Alkohol mehr trinkt, in der Suchtberatung. Symbolbild/Thinkstock

Scham, Schuldgefühle, Trauer – solche Dinge bespricht die Klientin, die seit über drei Jahren keinen Alkohol mehr trinkt, in der Suchtberatung. Symbolbild/Thinkstock

Getty Images/iStockphoto

Genau drei Jahre und fünf Monate ist es her. «Drei Jahre und fünf Monate.» Die Frau mittleren Alters in Jeans und Sneakers wiederholt die Zahlen und nippt an ihrem Wasserglas, als wolle sie Zeit gewinnen. Zeit, um gedanklich zurückzukehren zu jenem Tag, als sie – kaum zu glauben, wenn man sie heute sieht – 30 Kilogramm schwerer und ernsthaft krank war. «Ich habe meine Geschichte in eine Schachtel gepackt und weggestellt, weit weg», sagt sie und fasst mit leeren Händen in die Luft, als könne sie die Schachtel greifen. «Ich öffne sie immer seltener, nur in bestimmten Momenten.»

Jetzt ist so ein Moment. Jetzt, da sich die Journalistin für ihre Geschichte interessiert. Der äussere Anlass ist ein simpler: Die Suchtberatungsstelle in Reinach ist umgezogen, ins Valiant-Gebäude an der Hauptstrasse 65, just neben das Reporterbüro. Die Journalistin möchte wissen, wer die Menschen sind, die hier ein und aus gehen und was die Suchtberatung für sie tun kann. Deshalb hat die Frau am kleinen Tisch im Redaktionsbüro Platz genommen.

«Mein Mann war es. Er hat mich zum Arzt geschleppt», sagt die Frau und trinkt einen weiteren Schluck Wasser. Sie will anonym bleiben. Zu sehr leidet sie noch darunter dass sie «da reingerutscht» ist, dass ihr das habe passieren können. Sie schäme sich noch immer dafür, sei traurig. Solche Sachen bespreche sie mit der Fachfrau in der Suchtberatung. Auch, was sie tun könne, wenn «es» wieder komme. Was «es» ist, kann die Frau nicht einfach in Worte fassen. Dazu müsse man die Geschichte kennen.

Diagnose: Leberzirrhose

Für den Arzt sei damals sofort klar gewesen: «Sie haben ein Alkoholproblem.» Die Frau mimt den Arzt mit tiefer Stimme. Dann runzelt sie die Stirn und sagt in etwas höherer Tonlage: «Ich?» Was heute den Anflug eines Rollenspiels hat, war damals bitterer Ernst. «Ich hatte innerlich gewusst, dass das, was der Arzt sagte, stimmt», fährt die Frau fort, «aber ich habe trotzdem ‹nein› gesagt.» Doch das war nur im ersten Moment. Dann ging alles schnell. Leberzirrhose, so die Diagnose. Bereits am Nachmittag lag die Frau im Spital. «Ihre Leber verträgt keinen Schluck Alkohol mehr», so die Worte des Arztes, die sich im Bewusstsein der Frau einbrannten.

«Ich war eine Pegeltrinkerin», erklärt sie sachlich. Zwei Flaschen Rotwein habe sie pro Tag getrunken, immer ein bisschen, nie zu viel. «Ich wollte es einfach nicht wahrhaben», sagt sie. «Ich hatte ja keine Probleme, hatte funktioniert, die beiden Kinder, den Haushalt, den Teilzeitjob, alles bestens im Griff.» Zehn Jahre lang. Ungefähr. Es sei schwierig zu sagen, wann es begonnen habe. Denn sie habe ja nie das Gefühl gehabt, Probleme zu haben. «Für mich waren Leute mit Alkoholproblemen immer Schnapsnasen, das war ich ja nicht. Ich trank ja Wein.»

Die ärztliche Schockdiagnose veränderte das Leben der Frau. Sie trank fortan keinen Schluck Alkohol mehr. Doch das ist nur die eine Hälfte der Geschichte – auch die Entzugserscheinungen, das Schwitzen oder dass die Leber vier Monate brauchte, um sich einigermassen zu erholen. Die andere Hälfte bestand aus Trauer, Scham, Schuldgefühlen, tausend Fragen und Ängsten. «Dabei konnte mir mein Umfeld nicht helfen», so die Frau. Deshalb habe sie die Suchtberatung aufgesucht. Nicht von Anfang an. Wieder sei es ihr Mann gewesen, der ihr den entscheidenden Tipp gegeben habe. Daraufhin habe sie die Sitzungen in Reinach zuerst jede, dann jede zweite Woche besucht, heute gehe sie noch alle sechs bis acht Wochen hin.

Keine Lust auf Wein mehr

«Die Beratungen gaben und geben mir noch heute Sicherheit, auf dem richtigen Weg zu sein», sagt die Frau ernst. «Ich erhielt die Bestätigung, dass ich mit meinem Suchtproblem nicht die einzige bin und nicht allein gelassen werde.» Und sie habe Hilfestellungen im Umgang mit der Sucht und ihren Emotionen erhalten. Saure Zungen oder Cola light beispielsweise nützten gegen den «Alkoholgluscht». Aber das sei nicht das eigentliche Problem. Auf Wein habe sie sowieso keine Lust mehr. Nie. Im Gegenteil: Der Anblick eines Rotweinrings auf dem Tisch reiche schon aus, um Ekelgefühle hervorzurufen. Aber das gute Gefühl, das Selbstvertrauen, das ihr der Alkohol gegeben habe, fehlten ihr manchmal.

Und wenn sie in Gesellschaft sei und getrunken werde und sie merke, wie sich der Alkohol bei den anderen bemerkbar mache, fühle sie sich rasch unwohl. «Dann kann ich den Humor und die Gespräche der anderen irgendwie nicht mehr nachvollziehen.» Dann müsse sie einfach raus, raus aus der Situation. Deshalb würden sie und ihr Mann immer getrennt zu Anlässen fahren. Einfach, damit sie das Auto da habe – für den Fall, dass «es» wieder komme. Aber gebraucht, habe sie es schon lange nicht mehr.