Es riecht nach Weihrauch und Sandelholz in Désirée Held Märkis Beratungsraum. Am Boden liegt ein rundes Tuch, dessen vier Farben die Jahreszeiten symbolisieren. Auf dem Kreis liegen Zutaten der Natur: Maiskörner, Federn, Steine, Holz.

Es ist ein keltisches Medizinrad, das im Zimmer an der Menziker Gütschstrasse ausgebreitet liegt. Das Rad diente Held, um mit einer Kundin ein Ritual zu begehen. «Es symbolisiert die rituelle Mitte», erklärt sie.

Und würden die Themen widerspiegeln, die in der sehr persönlichen Zeremonie eine Rolle spielten: «Vier Himmelsrichtungen, vier Elemente, menschliche Lebensjahre und die Übergänge in einen anderen Lebensabschnitt», sagt Held.

Die 46-jährige Menzikerin ist Ritualfachfrau. Sie empfängt Kunden, die sich für ein Ereignis ein Ritual wünschen. Um die Schwangerschaft zu feiern, um das tot geborene Kind zu verabschieden, den bevorstehenden Frühling willkommen zu heissen oder den Übergang in einen ganz individuellen neuen Lebensabschnitt zu umrahmen.

In der Beratung kristallisieren sich die Wünsche der Kunden heraus und so der Ablauf festgelegt. Held selber führt das Ritual dann mit allen Geladenen durch. Dies kann im Beratungsraum, in einer Kapelle oder der Natur sein – wo auch immer die Kunden dies wünschen.

Dafür hat die gelernte Sozialarbeiterin eine eineinhalbjährige Ausbildung an der Fachschule für Rituale im zürcherischen Rüti absolviert. Wichtigster Anstoss dafür waren vier Vertreter der wohl ritualtreusten Mitglieder unserer Gesellschaft: Helds Kinder, die heute zwischen 8 und 16 Jahre alt sind.

Kinder wollen Rituale

«Kinder», so Held, «verlangen Rituale, wollen, dass wiederkehrende Ereignisse immer gleich ablaufen.» Sie habe auch gemerkt, dass Kinder sich anhand von Ritualen viel erklären können, dass sie Tiefschläge besser verarbeiten könnten. Etwa die ersten Begegnungen mit dem Tod, als damals das Meerschweinchen starb.

«Rituale können Halt geben, Sinn stiften», ist Helds Erkenntnis, die sie auch aus den Begegnungen mit ihren Kunden zieht. In der Beratung sitzen der Ritualfachfrau auch öfters Leute gegenüber, die ein Ereignis neu feiern wollen, für das bereits ein klassischer Ablauf existiert.

Taufe, Hochzeit, Abdankung: Die Leute wünschten sich hierfür etwa die Ablösung des kirchlichen Hintergrunds, die Feier solle aber gleichwohl den würdevollen Charakter haben wie bisher. In unseren Breitengraden würde man heute weniger Ereignisse mit einem Ritual begehen als früher, sagt Held. Unsere Vorfahren waren da bedeutend fleissiger. Vor allem Jahreszeitenwechsel verbanden die alten Kelten mit Feiern.

Sie dienten als innere Einstellung auf den energiegeladenen Sommer oder den dunkeln Winter. Laut Held seien viele Rituale in Vergessenheit geraten. Hätten unsere Ahnen etwa die Wintersonnenwende aus Erleichterung über die wieder länger werdenden Tage festlich umrahmt, sähen wir in Zeiten des elektrischen Lichts keinen Anlass mehr dafür.

Klassische Übergangsrituale würden die drei Phasen von Lebensübergängen beinhalten und in die Tiefe gehen. Ablösung vom alten Zustand – Überschreiten der Schwelle – Integration in den neuen Zustand. Auch Naturrituale würden jeweils wegen einer Veränderung gefeiert. So gehe eine neue Jahreszeit immer auch mit Veränderungen im menschlichen Verhalten einher.

Tendenz zu mehr Ritualen

Gemäss der Fachfrau ist momentan eine Tendenz weg von unserer Gesellschaft aus Ritual-Muffeln festzustellen. «Fragen wie ‹wohin gehöre ich› oder ‹was will ich› kommen wieder vermehrt.»

Held selber hatte vor kurzem einen Lebensübergang zu bewältigen. Als ihr Vater unerwartet verstarb, hiess es auch für sie, loszulassen, sich von der Familienkonstellation, die nun nicht mehr so war, abzulösen. Dazu habe sie für sich mehrere Rituale durchgeführt.

Gut möglich, dass sie am Geburtstag des Vaters jeweils eines abhalten werde. Wie dieses aussehe, bestimmten dann aber die Gefühle am konkreten Tag und sollte deshalb auch erst dann festgelegt werden.

Auch wenn sie Kunden berät, gilt diese Regel. «Kommt jemand nach einem Todesfall zu mir, so erarbeite ich das Ritual auf der Basis der aktuellen Verfassung und Bedürfnisse der Kunden.» Weiter vorausgeschaut wird dann noch nicht. Auch, um eine Abhängigkeitsbeziehung zu vermeiden.

Mit Vorurteilen konfrontiert

Neben individuell für Kunden zusammengestellte Rituale veranstaltet Held regelmässig Jahreskreisfeste. Als nächstes wird sie Ende April «Fest Beltane» feiern, das den Übergang in den Sommer symbolisiert.

«Dann soll das innere Feuer zum Ausdruck gebracht werden», sagt Held. Meditation und Klanginstrumente werden Elemente der Zeremonie sein. Drinnen wird dies stattfinden. Nicht nur, weil das Wetter einem Aussenanlass einen Strich durch die Rechnung machen könnte, sondern auch, weil die Teilnehmer sich vor den Urteilen Vorbeilaufender schützen möchten.

Mit Vorurteilen wird die Ritualfachfrau schon mal konfrontiert. «Zuerst haben mich diese gestört. Dann habe ich gemerkt, dass dies nicht zu mir gehört. Das ‹stören› hat mit dem Gegenüber zu tun.»