Zetzwil

Restauration dauerte fünf Jahre – jetzt ist des Kaisers Wagen wieder im Schuss

Franz Morgenegg aus Zetzwil hat die Restauration eines Renaults aus dem Jahre 1910 geleitet, der einst Wilhelm II. gehörte. Fünf Jahre lang dauerte die komplette Renovation des Oldtimers.

Einsteigen, den Zündschlüssel einstecken, umdrehen und losfahren, das geht hier nicht. Das Prozedere zum Starten des frisch renovierten Renault 1911 «Kaiserwagen» braucht Zeit. Der Zetzwiler Fahrzeug-Restaurator Franz Morgenegg zeigt, wie es geht. «Der Benzinhahn, um die Leitung zwischen Tank und Vergaser zu öffnen, ist unter dem Fahrzeug», sagt Morgenegg und liegt unter das Chassis. Dann öffnet er die Motorhaube und gibt den Blick frei auf den grossen Vierzylinder-Motor. Typisch für Renault ist, dass der grosszügig dimensionierte Wasserkühler mit 50 Liter Inhalt hinter dem Motor platziert ist, mit Lüftungsschlitzen auf beiden Seiten.

Morgenegg drückt mehrmals auf einen Knopf auf der Benzinleitung und pumpt Treibstoff in den Vergaser. Dann öffnet er über jedem Zylinder einen kleinen Hahn und füllt aus einem Fläschchen ein paar Tropfen Benzin ein. Das Handgas und der Choke werden in die Startstellung gezogen. «Jetzt darf gedreht werden, aber nicht an einem Schalter, sondern an der Kurbel, vorne in der Mitte der Stossstange.» Knappe drei Umdrehungen, und der Motor brummt. Kein Stottern, kein Rauch, sondern ein ruhiger, gleichmässiger Lauf.

Franz Morgenegg (76) hat die Restauration des Kaiserwagens geleitet, zusammen mit Fachhandwerkern geplant und durchgeführt. Kurz vor der Übergabe an den Besitzer fährt Morgenegg nochmals aus. Der «Oldtimer-Chauffeur» setzt seine schwarze Melone auf, steigt auf den Fahrersitz, legt den ersten Gang ein und fährt los. Über den Hausplatz auf die Hauptstrasse, durchs Dorf nach Gontenschwil.

Der Zetzwiler Franz Morgenegg erklärt, was es mit der Restauration des Kaiserwagens auf sich hat

Der Zetzwiler Franz Morgenegg erklärt, was es mit der Restauration des Kaiserwagens auf sich hat

Fünf lange Jahre dauerte die komplette Renovation dieses Oldtimers mit Jahrgang 1911. In den 1980er-Jahren hatte Hans Hunkeler diesen Renault «Kaiserwagen» in Deutschland entdeckt und in die Schweiz geführt. Der Zustand des Renaults sei katastrophal gewesen, erzählt Morgenegg. Der Renault sei vor über 100 Jahren von Frankreich nach Deutschland an den Hof von Kaiser Wilhelm II. überführt worden. Später verliert sich die Spur. Als Hunkeler das Fahrzeug erstand, war es bereits stark beschädigt und längst nicht mehr fahrtüchtig. «Von einem Hochwasser her waren die Holzräder allesamt angefault», sagt Morgenegg. Das Chassis voller Rost, und wie es sich später zeigte, war auch der Motor voller Wasser gewesen. «Einige Schrauben und Stangen waren völlig eingerostet und mussten sorgfältig herausgebohrt werden.»

Hans Hunkeler war bekannt mit Franz Morgenegg, und so kam die Anfrage, den Kaiserwagen zu restaurieren, nach Zetzwil. Morgenegg, dessen Sammlung historischer HürlimannTraktoren weitherum bekannt ist, verfügte über das nötige Fachwissen und die wichtigen Kontakte zu Fachhandwerkern und zu Renault-Ingenieuren in Paris, um diesen Auftrag zu übernehmen. Er konnte auch abschätzen, welcher Zeitaufwand und welche Kosten sich da etwa summieren würden.

Während fünf Jahren wurde an diesem Fahrzeug gearbeitet. Morgenegg selber hat sich des Chassis und des Motors angenommen, nachdem der Renault zuerst komplett in seine Einzelteile zerlegt worden war. Ruedi Hofmann aus Gontenschwil hat über 250 Metallteile, Spezialschrauben zum Beispiel neu gefertigt. Die neue Karosserie aus Eschenholz hat Wagnermeister Simon Oehrli aus Lauenen BE gebaut. Oehrli ist in der Region bekannt, weil er bis vor vier Jahren seinen Betrieb in Gontenschwil geführt hatte. Die vier neuen Räder aus Akazienholz entstanden ebenfalls bei Oehrli. Für die Spenglerarbeiten war Martin Steiner aus Schlossrued besorgt. Die Innenausstattung, die kunstvollen Polsterarbeiten mit Stoff und Leder führte Patrick Schneider von der Autosattlerei Tanner in Reinach aus. «Ein wahrer Künstler», sagt Morgenegg. Und die Übergänge zwischen Karosserie, Polster und Chassis wurden mit kunstvollen Holz-Verblendungen, gefertigt von Damian Koller aus Moosleerau, ausgeführt.

Die Armaturen, die Karbidlampen vorne und hinten sind alle aus Messing. Das sieht edel aus, ist aber auch sehr aufwendig in der Pflege. «Der Besitzer dieses Autos ist ständig am Putzen und Polieren», schmunzelt Morgenegg. Er hat den Vierzylinder-Motor wieder mit Originalteilen zusammengebaut, Getriebe und Bremsen erneuert und alles aufeinander eingespielt. Der Kaiserwagen hat drei Vorwärtsgänge und einen Rückwärtsgang. Schon das Schalten ohne zu kratzen ist eine Kunst, synchronisiert ist das Getriebe natürlich nicht. Das geht nur mit genauem Hinhören, denn auch ein Drehzahlmesser oder ein Tacho fehlen im einfachen Cockpit.

Auf der Hauptstrasse zwischen Oberkulm und Zetzwil erreicht der Kaiserwagen locker eine Geschwindigkeit von 50 Stundenkilometern. Schnell genug für Chauffeur und Beifahrer, die ja beide vorne auf dem offenen «Kutscherbock» sitzen. Nur die in Messing gefasste Frontscheibe hält den Fahrwind ein bisschen ab. Für die Herrschaften im weich gepolsterten Fond war es natürlich anders. Sie konnten die Fahrt windgeschützt geniessen und sich durch die grossen Scheiben an der vorbeiziehenden Landschaft erfreuen.

Franz Morgenegg renoviert seit rund 35 Jahren regelmässig alte Traktoren und Autos. Auch ein alter Berna-Lastwagen steht wieder fahrbereit in seiner Halle. «Ein bisschen wehmütig stimmt es mich schon», sagt er nach der Ausfahrt, «wenn jetzt die Besitzer ‹meinen Kaiserwagen› abholen und in Nottwil in einen Schauraum stellen.» Hans Hunkeler erlebte den Abschluss der Renovation leider nicht mehr, er ist im Mai 2014 verstorben. Jetzt übernehmen seine Erben das Fahrzeug. Ein kostspieliges Erbstück, betrug doch der finanzielle Aufwand für die Restauration gute 200 000 Franken.

Ganz muss Morgenegg nicht auf den Renault verzichten. Er wird mit ihm dieses Jahr am Oldtimer-Grand-Prix Safenwil seine Runden drehen. Darauf freut er sich.

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