Reinach
Reinach wünscht sich einen Streetworker

Streetworker sind die Ansprechpartner für Jugendliche auf den Strassen. Auch sie brauchen Mut, um nachts auf die Jungen zuzugehen, staunen aber oft über die Offenheit der Jugendlichen

Peter Siegrist
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Streetworker Jan Hartmann.

Streetworker Jan Hartmann.

Das Netzwerk Integration Oberwynental hat an einem Abend mit Referat und Podiumsdiskussion die «Jugendlichen auf der Strasse» und die «Aufsuchende Jugendarbeit» thematisiert. Moderiert wurde die gut besuchte Veranstaltung von Gemeindeammann Martin Heiz.

Noch bevor der erfahrene «Streetworker» Jan Oliver Hartmann aus Biel über seine Arbeit referierte, fühlte Heiz dem Publikum den Puls. «Würden Sie Ihr Grosskind am Abend allein zum Bahnhof schicken? – «Ist es Ihnen selber wohl, um Mitternacht in Reinach aus dem Zug zu steigen? – Jugendliche in einer Gruppe am Bahnhof sprechen eine Sprache, die Sie nicht verstehen, wie fühlen Sie sich?» Aus der Publikumsreaktion wurde klar, viele Erwachsene fühlen sich unbehaglich, wenn sie abends geschlossenen Gruppen aus Jugendlichen begegnen.

Mut und Skepsis in der Arbeit

Referent Jan Oliver Hartmann, 48, ist Leiter des Bereichs Streetwork des Contact Netzes in Biel. Er verfügt über eine reiche Erfahrung im Umgang mit Drogenabhängigen und Jugendlichen. Hartmann äusserte, er stelle seine Ausführungen unter die Stichworte Mut, Skepsis, Staunen und Humor. «Auch ich brauche Mut, bei uns nachts auf eine Gruppe zuzugehen, seien es Jugendliche aus Afrika oder dem Balkan.» Sein wichtigstes Werkzeug sei das echte Interesse für die Jungen. «Ich will in Kontakt treten, ich frage hartnäckig nach.»

Im Gespräch höre er Bedürfnisse heraus. Seine enge Vernetzung mit öffentlichen und privaten Institutionen, auch mit Beratungsstellen, ermögliche es ihm, Lösungen, Projekte oder Hilfe anzubieten. «Ich arbeite mit Beziehungen, über 90 Prozent dieser Jugendlichen haben noch nie mit einem Erwachsenen ein Gespräch über sich geführt.»

Mit einer gesunden Skepsis denkt Hartmann über seine Arbeit nach, vergleicht und stellt fest: «Jede Gassenarbeit in jeder Gemeinde hat ein eigenes Profil, es gibt keine Rezepte.»

Staunen über die Offenheit

Hartmann sagt, er staune viel über die Offenheit der Jungen, wenn sie ihm erzählten, was sie erlebten. «Vielen fehlen die echten Gesprächspartner, ihre Eltern sind es häufig nicht.»

Letztlich fahre er immer gut, wenn er mit einer Prise Humor auf die Jungen zugehe. Man müsse sich eines vor Augen halten, die Jugendlichen orientierten sich nach aussen, viele von ihnen seien draussen und suchten ein Gegenüber. «Der Bahnhof ist dann ihr Wohnzimmer.» Hartmann hat in Vorgesprächen mit den Organisatoren das Oberwynental kennen gelernt und die heutige Situation und die bestehenden Angebote analysiert. Dabei sähe er für die Region eine Möglichkeit, hier eine aufsuchende Jugendarbeit zu installieren.

Eltern einbinden, da ist man einig

Die Podiumsteilnehmer befürworteten alle eine Strassenarbeit in Reinach. Jugendvertreterin Aline Rutz meinte, das sei dringend, es brauche viel mehr Kommunikation mit den Jugendlichen. Für Schulsozialarbeiter Dominik Egloff besteht heute in diesem Bereich eine Lücke, «die zu schliessen ist», denn er sei von seinem Auftrag her nur für den Schulbereich zuständig. Auch für Adrian Sulzer von der Regionalpolizei wäre ein Streetworker eine echte Unterstützung. «Wir haben zwar Kontakt mit den Jungen, aber Zeit für tiefe Gespräche haben wir nicht.»

Grossrat Ruedi Weber sagte, er würde zusätzlich Streetworker auf die Eltern ansetzen: «Sie sollen mit ihren jugendlichen Kindern reden und sie das Zusammenleben lehren.» Darauf erwiderte Hartmann: «Dann kämen wir bei der ‹Aufsuchenden Elternschule› an.» Aus dem Publikum kam Unterstützung – und die Frage: «Nur, wie erreichen wir die Eltern?

Wichtig sei, so Hartmann, dass Verantwortliche aus den anderen Kulturen sich einsetzten, «ohne diesen Zugang geht es nicht.» Alle waren sich einig, Streetworker in Reinach wäre eine mögliche Lösung, die zu versuchen sich lohnte. Das haben auch die anwesenden Behördenmitglieder verschiedener Gemeinden gehört.