Die Geschichte rund um das Kleinwasserkraftwerk Obere Mühle in Schöftland ist um ein weiteres Kapitel reicher – vielleicht ist es das letzte. Der Regierungsrat hat entschieden, die Beschwerden von WWF Aargau/Schweiz und Aqua Viva abzuweisen. Der Beschluss liegt der Aargauer Zeitung vor. Damit könnte ab 1. Juli die 40 Jahre dauernde Konzession zu laufen beginnen und das neue Kraftwerk könnte gebaut werden. Könnte, denn innert 30 Tagen kann gegen den Entscheid beim Verwaltungsgericht noch Beschwerde geführt werden.


Der Regierungsrat findet nicht, dass das geplante Kleinwasserkraftwerk im Widerspruch zur Revitalisierungsplanung des Kantons steht. Um den Entscheid verstehen zu können, blättern wir zurück zum 1. Kapitel: Im Herbst 2013 beschliesst die Gemeindeversammlung einen Baukredit von rund 1,4 Millionen Franken für ein neues Kleinwasserkraftwerk in der Suhre. Es soll das frühere Kraftwerk bei der Oberen Mühle ersetzen, das seit dem Hochwasser 2008 nicht mehr betrieben wird. Rund 107 Haushalte könnten damit Strom vom Wasserkraftwerk nutzen. «Unser Beitrag an die Energiewende», sagte damals Gemeinderat Thomas Buchschacher.

2. Kapitel: Mehrere Einwendungen sind gegen das Konzessions- und Baugesuch eingegangen, das die Einwohnergemeinde Schöftland bei der Abteilung Landschaft und Gewässer des Departements Bau, Verkehr und Umwelt eingereicht hatte. Dahinter stehen die Umweltverbände WWF und Aqua Viva, der Aargauer Heimatschutz und eine Privatperson, die jedoch die Einsprache zurückzog. Die Umweltverbände stören sich daran, dass das Kraftwerk in einem Abschnitt der Suhre geplant ist, den der Kanton auch revitalisieren möchte.

3. Kapitel: Im September 2015 erteilte der Kanton der Gemeinde Schöftland die Konzession und genehmigte damit das ganze Projekt. Die beiden Einsprachen werden abgewiesen. Laut Baudepartement schränkt das Projekt die Revitalisierung der Suhre ober- und unterhalb des Kraftwerks nicht ein. Der Weg für den Bau des Kleinwasserkraftwerks scheint geebnet.

4. Kapitel: Die 30-tägige Beschwerdefrist verläuft nicht ungenutzt. Der Aargauer Heimatschutz zieht sich zurück, die beiden Umweltverbände WWF Aargau/Schweiz und Aqua Viva ziehen ihre Einsprache jedoch weiter und reichen Beschwerde beim Regierungsrat ein. Sie fordern, die Verfügung des Baudepartements aufzuheben und die Konzession zu verweigern. Gemeindeammann Rolf Buchser hingegen kritisiert diese Beschwerde und vermutete, dass die Umweltverbände damit auf die kantonale Energiepolitik Einfluss nehmen wollen. «Denn der Kanton hat entschieden, dass Kleinwasserkraftwerke im Allgemeinen und im Speziellen an der Suhre sinnvoll sind für die Energienutzung», sagte er damals.


Das fünfte und vorerst letzte Kapitel wurde nun letzte Woche geschrieben. Der Regierungsrat beschliesst, die Beschwerde von Aqua Viva und WWF Schweiz/Aargau abzuweisen. Revitalisierung und Gewässernutzung sollen in einem komplementären Verhältnis stehen, begründet er. Von einem Widerspruch zur aargauischen Revitalisierungsplanung könne keine Rede sein. Zudem sei festzuhalten, dass die neue Anlage die Fischwanderung überhaupt erst ermögliche. Das vorhandene Wehr bilde ein für Fische kaum überwindbares Hindernis, das «nun sehr schnell beseitigt werden soll». Mit dem neuen Kleinwasserkraftwerk sei eine ausgewogene Lösung gefunden worden, welche die Synergien zwischen Gewässernutzung und Gewässerschutz nutzen würde.


«Der Regierungsrat hat die Gemeinde mit seinem Entscheid bestätigt», sagt Gemeindeammann Rolf Buchser. Der Entscheid sei damit im Sinne der Gemeinde. Sollte die Beschwerdefrist ungenutzt bleiben, werde die Detailplanung gemacht, sodass bereits im Winter mit dem Bau begonnen werden könne.


Umweltverbände sind enttäuscht

Der WWF und die Gewässerschutzorganisation Aqua Viva sind enttäuscht vom Entscheid. «Aus unserer Sicht hätte die Suhre bei der Oberen Mühle ohne Kraftwerk deutlich wertvoller und natürlicher gestaltet werden können», sagt Benjamin Leimgruber von Aqua Viva. «So hätte eine Natur- und Landschaftsaufwertung umgesetzt werden können, anstatt das Gewässer für eine lange Zeit weiter mit einem Querbauwerk zu versehen und das für eine geringe Stromproduktion.»

Laut WWF sei die Begründung aus fachlicher Sicht nicht nachvollziehbar: «Eine Revitalisierung muss die natürlichen Funktionen eines Gewässers wiederherstellen. Ein Kraftwerk ist jedoch immer eine ökologische Störung, es stellt eine Barriere dar und verändert den Lebensraum», sagt Philip Gehri, WWF- Mediensprecher.


Die Verbände prüfen nun den Regierungsratsbeschluss. Noch ist offen, ob WWF Aargau/Schweiz und Aqua Viva eine Beschwerde beim Aargauer Verwaltungsgericht einreichen werden.