Prozess

Räuberbande vor Gericht: Das schnelle Geld war ihr grosses Ziel

Tankstellen- und Bankräuber vor Gericht

Tankstellen- und Bankräuber vor Gericht

Gleich vier Mal in zwei Monaten schlägt eine Räuberbande im Jahr 2011 in Murgenthal zu. Die Staatsanwaltschaft fordert heute bis zu acht Jahre Haft.

In knapp 2 Monaten erbeutete eine Räuberbande in der Region rund 150000 Franken. Nun mussten sich die drei Männer für die Überfälle auf eine Tankstelle und drei Banken verantworten. Eine Person ist noch immer auf der Flucht.

Vor dem Bezirksgericht Brugg mussten sich gestern drei Männer verantworten, die zwischen dem 17. August und dem 18. Oktober 2011 in Murgenthal, Niederbipp und Egerkingen vier Überfälle verübt und dabei total rund 150000 Franken erbeutet hatten. Ein vierter Beteiligter ist immer noch auf der Flucht.

Begonnen hat alles Ende 2010 in einer Alteisenverwertungsfirma im Kanton Solothurn. Der Serbe Ali* (heute 30 Jahre alt), der dort arbeitete, lernte den Schweizer Rik* (heute 29) und dessen türkischen Freund Turi* (heute 26) kennen. Sie verstanden sich auf Anhieb gut und halfen einander gegenseitig aus, mit Arbeit, Geld, Drogen oder Wohnraum. Nachdem sich Ali Anfang 2011 von seiner Frau getrennt und seine Stelle verloren hatte, fand er Unterschlupf bei Rik und Turi, die in einer mehrstöckigen gemeinsamen Wohnung im Grossraum Langenthal lebten. Ali und Turi verband die Drogensucht und der ständige Geldmangel.

Ali kam zur Überzeugung, dass es in der Schweiz einfacher sei, mit Überfällen an viel Geld zu kommen, als dafür zu arbeiten. Für Turi klang das verlockend, denn auch er war in dieser Zeit ohne Arbeit.

Spontaner Entscheid in Murgenthal

Am Abend des 17. August 2011 steuerten Ali und Rik nach einem Barbesuch in Langenthal mit dem Auto die Coop-Tankstelle Murgenthal an, um noch schnell Zigaretten zu kaufen. Spontan entschied sich Ali aber, nichts zu kaufen, sondern den Tankstellenshop zu überfallen. «Überfall, Geld! Geb Gäld», schrie er die Verkäuferin an und zielte mit einer Pistole auf sie. Die Verkäuferin übergab Ali das Geld aus der Kasse. Es waren 1180 Franken. Als Ali ins Auto zurückkam, teilte er Turi, der dort gewartet hatte, freudig mit, dass er soeben seinen ersten Überfall erfolgreich verübt habe.

Tankstellenshop Murgenthal: Hier starteten die Räuber am 17. August 2011 ihre Überfallserie.

Tankstellenshop Murgenthal: Hier starteten die Räuber am 17. August 2011 ihre Überfallserie.

Fluchtauto direkt verschrottet

Weil sich Ali auch künftig nicht wirklich um ein geregeltes Einkommen bemühte, plante er weitere Überfälle. Als Verstärkung holte er nun seinen Trauzeugen Vic* aus Serbien in die Schweiz. Am 5. September – 19 Tage nach dem ersten Überfall – betrat Ali maskiert und bewaffnet um 9.43 Uhr die UBS-Filiale in Niederbipp. Vic wartete in einem blauen VW Golf vor der Bank. Ali drängte sich an drei wartenden Kunden vorbei und bedrängte eine der drei anwesenden Bankangestellten mit seiner Pistole. «Schnell, schnell Geld, alles», schrie er die Angestellte mehrfach unter Androhung von Waffengewalt an. Diese füllte ihm den mitgebrachten Plastiksack mit Schweizer Franken (31000), Euros (57000), Dollar (10000) und Britischen Pfund (1130), in einem Gesamtwert von 109655 Franken. Vic und Ali flüchteten mit dem VW Golf und der Beute in die Region Zofingen. Dort empfingen sie Rik und Turi in einer Autoverwertungsfirma.

UBS Niederbipp: In dieser Bank erbeutete der Täter am 5. September 2011 fast 110 000 Franken.

UBS Niederbipp: In dieser Bank erbeutete der Täter am 5. September 2011 fast 110 000 Franken.

Sie versteckten das Fluchtfahrzeug und verschrotteten es anschliessend. Am Abend feierte das Quartett den Überfall im Ausgang mit reichlich Alkohol, Drogen und käuflichen Frauen. Am Tag darauf brachte Rik Ali und Vic nach Basel, von wo aus sie sich die beiden nach Serbien absetzten und kurzfristig untertauchten.

Am 25. September kehrte Ali zurück in die Schweiz, wo er sich mit dem Geld aus Niederbipp einen Audi A8 Quattro kaufte und einlöste. Weil Turi in der Zwischenzeit seinen neuen Job verlor, stieg er auf das Angebot von Ali ein, ihn bei weiteren Überfällen direkt vor Ort zu begleiten.

Am Morgen des 4. Oktober 2011 fuhren Vic, Ali und Turi mit einem extra besorgten roten VW Golf nach Egerkingen zur Raiffeisenbank. Sie betraten auch diese maskiert und bewaffnet.

Raiffeisenbank Egerkingen: Hier raubten zwei Täter am 4. Oktober 2011 rund 10 000 Franken.

Raiffeisenbank Egerkingen: Hier raubten zwei Täter am 4. Oktober 2011 rund 10 000 Franken.

Ali zielte auf die Bankangestellte, während Turi das Geld in einen Plastiksack einpackte. Sie erbeuteten Fremdwährung in der Höhe von 9900 Franken. Das Trio flüchtete wieder in den Grossraum Zofingen, wo im selben Unternehmen wie beim letzten Mal das Fluchtauto versteckt wurde und der Audi A8 Quattro zur Weiterfahrt bereit stand. Mit diesem fuhren Vic, Ali und Turi in einen zuvor gemieteten Schweinestall in der Region Langenthal.

Dort teilten sie die Beute. Noch am selben Abend bestiegen Ali und Turi einen Car nach Serbien. Dort verprassten sie das Geld mit Alkohol und Drogen. Turi bezahlte davon aber auch eine Zahnbehandlung.

Am 11. Oktober kamen die beiden mit dem Flugzeug nach Zürich zurück, wo sie von Rik abgeholt wurden.

Auch zweites Fluchtauto entsorgt

Rik hielt in der Zwischenzeit den roten VW Golf immer noch versteckt und stellte diesen kurz vor dem nächsten Überfall auf den Parkplatz beim Gugelmann-Areal in Roggwil. Am Morgen des 18. Oktobers fuhr das Quartett mit dem Audi A8 Quattro nach Roggwil, wo sich die Wege trennten.

Während Ali, Vic und Turi den Überfall verübten, unternahm Rik alles für einen reibungslosen Fahrzeugwechsel. Um 9.41 Uhr stürmten Ali und Turi maskiert und bewaffnet die Raiffeisenbank in Murgenthal. Mit dem Finger am Abzug bedrohten sie die drei Bankangestellten aus nächster Nähe. Turi ging hinter den Schalter und leerte eine Geldschublade. Weil die Bankbeamtin aber aus Versehen einen falschen Code eingab, konnte die zweite Schublade nicht mehr geöffnet werden und die Täter mussten die Flucht ergreifen. Sie erbeuteten Fremdwährungen in der Höhe von 28400 Franken.

Raiffeisenbank Murgenthal: Am 18. Oktober 2011 raubten hier zwei Männer 28500 Franken.

Raiffeisenbank Murgenthal: Am 18. Oktober 2011 raubten hier zwei Männer 28500 Franken.

Das Trio zog sich wieder in die Region Zofingen zurück, wo der Fahrzeugwechsel stattfand. Rik entfernte die ausländischen Nummernschilder am roten VW Golf und sorgte dafür, dass das primäre Fluchtfahrzeug unauffällig in der Autoverwertungsfirma verschwand.

Vik und Turi wollten mit dem Audi A8 Quattro wieder zum Schweinestall fahren, um dort die Beute zu verstecken. Als sie auf dem Weg dorthin beim «Rösslikreisel» in Rothrist aber die Polizei sahen, durchbrachen sie deren Strassensperre und flüchteten in den Solothurner Jura. Nun war ihnen klar, dass die Polizei die private Autonummer von Ali kannte.

Am Tag nach dem Überfall ermöglichte Rik Ali und Vic erneut die Flucht ins Ausland, indem er sie an die Grenze fuhr. Turi kaufte Rik einen Audi A8 Quattro als Dank für alles, was er bisher für ihn getan hatte.

Ali wurde später in Montenegro festgenommen und an die Schweiz ausgeliefert. Hier sass er von November 2012 bis Mai 2013 in Untersuchungshaft und ist seit dem 14. Mai 2013 im vorzeitigen Strafvollzug. Im Gefängnis arbeitet er in der Metallverarbeitung. Vic, der hauptsächlich als Fahrer amtete, ist immer noch auf der Flucht. Von den 150000 Franken Beute ist nichts mehr vorhanden , alles ist verprasst.

Ali wurde gestern den Richtern in Fussfesseln und Handschellen vorgeführt. Turi und Rik erschienen «herausgeputzt», mit gebügeltem weissen Hemd, schwarzer Hose und schwarzem Weston. Alle drei sprachen sehr leise und zeigten wenig bis gar keine Reue.

Der Staatsanwalt forderte 8 Jahre Haft für Ali, 5 Jahre für Turi und 2,5 Jahre für Rik. Das Urteil wurde gestern erst nach Redaktionsschluss bekannt gegeben.

* Namen von der Redaktion geändert

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