Kirchleerau
Prager Soziologe untersucht, wie die Demokratie in Kleingemeinde funktioniert

Josef Bernard untersucht die demokratischen Verhältnisse und Abläufe in Kirchleerau und in zwei weiteren Aargauer Gemeinden. Was ihm schon vor Abschluss der Studie auffällt: Ungenügende Kommunikation stört die Bürger besonders.

Bastian Heiniger
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Soziologe Josef Bernard: «Im Vergleich zu Tschechien ist die Kommunikation hierzulande viel fortschrittlicher.»

Soziologe Josef Bernard: «Im Vergleich zu Tschechien ist die Kommunikation hierzulande viel fortschrittlicher.»

Peter Siegrist/zvg

Seit Anfang Jahr erforscht Josef Bernard, ein Soziologe aus Prag, die demokratischen Vorgänge in Kirchleerau und zwei weiteren Aargauer Gemeinden. Besonders interessiert er sich für die politischen Unterschiede zwischen Tschechien und der Schweiz. Obwohl die Studie erst Ende Juli abgeschlossen sein wird, steht bereits heute fest: In den drei untersuchten Aargauer Gemeinden ist es gut bestellt um die Demokratie - besonders lobt er die Kommunikation zwischen Behörden und Einwohnern.

Da hätten kleine Gemeinden Vorteile, sagt Bernard, und fügt an: «Wenn die Gemeinderäte etwas durchsetzen wollen, müssen sie informieren. Sonst stossen sie an den Gemeindeversammlungen auf Ablehnung.» Bernards Erkenntnis: Direkte Demokratie fördert gerade in kleinen Dörfern den Informationsfluss.

Der Soziologe untersuchte in seiner Heimat, wie sich kleine Gemeinden überhaupt entwickeln können. Diese Frage ist durchaus von Bedeutung, weil es in Tschechien um die 3000 Kommunen mit weniger als 400 Einwohnern gibt.

In vielen europäischen Ländern sind laut Bernard solch kleine Gemeinden nahezu verschwunden. Nicht so in der Schweiz. Deshalb forscht er seit Januar am Zentrum für Demokratie in Aarau. Und deshalb hat er den Kanton Aargau gewählt. Nur ein Kanton - so entsteht kein Durcheinander wegen der föderalistischen Unterschiede.

Er stiess auch auf Ablehnung

Nach welchen Kriterien wählte Bernard die Gemeinden aus? Für die Untersuchung seien nur solche mit maximal 2000 Einwohnern infrage gekommen, sagt er. Möglichst unterschiedliche Gemeinden. Er wollte finanziell starke und schwache, urbane und ländliche, eine die problemlos Leute für ihre Ämter findet und eine die es diesbezüglich schwieriger hat. Bei einigen Anfragen stiess er jedoch auf Ablehnung. Dies obwohl er allen Teilnehmern Anonymität zugesichert habe, wie das bei soziologischen Studien üblich sei, erklärt Bernard.

Die Behörde in Kirchleerau war indes sofort bereit, ihn zu unterstützen. Sie veröffentlichte denn auch ihre Teilnahme am Forschungsprojekt. Und sie vermittelten ihm Kontakte zu wichtigen Personen, die er anschliessend befragte. Neben Kirchleerau beteiligen sich eine weitere Gemeinde aus dem Suhrental und eine aus dem Fricktal.

In allen drei sprach er mit Mitgliedern des Gemeinderates, mit Partei- und Vereinsvorständen, mit Unternehmern und aktiven Bürgern. Insgesamt fand er heraus, dass ungenügende Kommunikation die Bürger am meisten stört. Aber: «Im Vergleich zu Tschechien wird hier besser kommuniziert», sagt Bernard.

Als besonders sinnvoll erachtet er die Broschüren, welche jeweils sachlich über die kommenden Gemeindeversammlungen informieren. Auch die Funktion des Gemeindeschreibers hat Bernard beeindruckt. Das fehle in Tschechien, sagt er.

Dort erledige der Bürgermeister sowohl Exekutive als auch Administration. Dabei sind laut Bernard die Vorzüge der Gemeindeschreiber klar: Sie sind bestens über die Geschäfte informiert und entlasten den Gemeinderat, der sich völlig auf sein Amt konzentrieren kann.

Die Datenerhebung ist abgeschlossen. Nun erfolgt die Auswertung der Interviews. Auf der Gemeinde in Kirchleerau freut man sich bereits über die Ergebnisse.

«Eigentlich können wir durch das Projekt nur gewinnen», sagt Janine Bron, die Gemeindeschreiberin, und fügt an: «Für neue Ideen sind wir immer offen».
Gemeindeversammlung: Josef Bernard wir am 13. Juni anwesend sein und beim Apéro Auskünfte geben.

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