Lokalpolitik mit Lust (2)

Politik funktioniert wie das Schachspiel – man macht Zug um Zug

Martin Heiz sitzt gern auf seiner Denkbank mit Blick übers Oberwynental am Südhang des Hombergs. psi

Martin Heiz sitzt gern auf seiner Denkbank mit Blick übers Oberwynental am Südhang des Hombergs. psi

Martin Heiz, Gemeindeammann von Reinach, hat nach 25 Jahren noch immer Freude am Amt. Heiz war gerade mal 38 Jahre alt und aktiver Grossrat, als er in den Gemeinderat und zum Ammann gewählt wurde.

Der Mann, der auf der Ruhebank am Südhang des Reinacher Hausbergs in die Landschaft blickt, wirkt unaufgeregt. Für Martin Heiz, 63, Parteimitglied der FDP und seit 25 Jahren Gemeindeammann von Reinach, ist diese Bank eine Denkbank.

Die Falten auf der Stirn sind keine Sorgenfalten, wenn ihm auch einiges in seiner Gemeinde durchaus Sorgen macht. Heiz war gerade mal 38 Jahre alt und aktiver Grossrat, als er in den Gemeinderat und zum Ammann gewählt wurde. Reinach zählte 6000 Einwohner.

Heute sind es 8100, davon 3100 (38 Prozent) Ausländer. Deshalb seien zwei Sachen vordringlich für die Gemeinde: Genügend Arbeitsplätze und genügend Möglichkeiten und Bemühungen, die Ausländer zu integrieren und ins Boot zu holen. «Diese Menschen leben mit ihren Familien hier», sagt Heiz, «sie werden bleiben.» Da ist er pragmatisch.

Sachlich und nicht emotional

Heiz spricht ruhig, sachlich, streut ab und zu einen humorvollen Spruch ein. So wie er es auch an den Gemeindeversammlungen macht. Er ist kein Blender, aber einer, der weiss, was er will. «Ich will Lösungen erreichen», sagt er, was innerhalb der gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht immer einfach sei.

Eines habe er von alt Regierungsrat Thomas Pfisterer gelernt: «Lieber diskutieren statt prozessieren». Daran hält er sich. «Ich bin auch bereit, Kompromisse einzugehen.» Dies nicht aus Sanftmut, sondern weil er gewählt sei, Lösungen herbeizuführen. Dass Heiz ein gewiefter Taktiker ist, beweist die mehrfach genannte Aussage von anderen Politikern: «Der Reinacher Ammann ist ein Fuchs.»

Heiz relativiert: «Bauernschläue würde ich mir zusprechen, wenn es darum geht, taktisch richtig vorzugehen.» Politik sei für ihn wie Schach spielen. Nur dieses Schach spielt Heiz nicht auf dem Brett, sondern im Stierenbergwald oder auf der Sitzbank am Homberg – im Kopf. Wenn er allein den Wald durchquere, dann spiele er Schach, ordne seine Gedanken, wäge Vor- und Nachteile ab.

Zum Schach gehören auch Bauernopfer. Manchmal glauben seine politischen Widersacher anderer Gemeinden, Heiz wolle sie über den Tisch ziehen. Martin Heiz wehrt ab, «über den Tisch gezogen habe ich noch niemanden».

Dass er aber schon klare Bedingungen gesetzt habe in Diskussionen, das stimme. Zum Beispiel, wenn es um Fusionen gehe. Aber alle Betriebe nach Reinach holen, das wolle er nicht. Einiges ergebe sich, so etwa der Forstbetrieb, «seit der Fusion verdienen die andern Gemeinden auch Geld» oder die EWS Energie AG, «eine Erfolgsgeschichte».

Auch bei der Schule sei er nicht bestrebt, alle nach Reinach zu holen, «was ich lediglich will, ist eine gute Schule».

Die Vorbehalte von Nachbargemeinden sind oft mit dem hohen Tempo der Reinacher begründet. «Stimmt, wir sind schnell unterwegs, denn ich habe auch in der Verwaltung eine gute Mannschaft hinter mir, da ist vieles möglich.»

Noch eine Amtsperiode anhängen

25 Jahre Ammann und jetzt will Heiz noch eine Amtsperiode anhängen. Reicht ein Vierteljahrhundert nicht? Kann Heiz die Macht nicht loslassen? «Wer Macht, Ruhm und Ehre sucht, der darf nicht Gemeindeammann werden.»

Der Reinacher Ammann möchte noch zwei Grossprojekte zum Abschluss bringen: die Strassensanierung mit Kreisel im Oberdorf und die Revision des Zonenplans. Heiz weiss, bei diesem Ansinnen wird ihm rasch wieder untergeschoben, er wolle sich da ein Denkmal setzen. Nein, sagt er, aber etwas Angefangenes abgeben, das wolle er nicht.

Wer 25 Jahre die Geschicke einer Gemeinde leitet, der muss Lust an der Politik haben. Die Gemeinde sei vergleichbar mit einem grossen, äusserst vielfältigen Unternehmen. Da sei er mal Psychiater, dann wieder Finanzplaner, Baumeister, Personalchef oder -Berater. «Auf der Gemeindeebene sieht man rasch das Ergebnis seiner Arbeit», sagt Heiz, «das ist anders als bei der Grossrats-Arbeit.»

Wenn der politische Prozess abgeschlossen sei, die Gmeind zugestimmt habe, dann könne er umsetzen. «Das fasziniert mich, das bereitet Lust.» So wird Heiz auch vielerorts wahrgenommen, als Stratege, Planer und Macher.

Engelberg ist das Geheimwort

Macher ist Martin Heiz auch im Geschäftsleben. Der Kaufmann führt ein eigenes Radio-TV-Geschäft. So kommt es, dass nicht nur Kunden durch die Ladentür treten, sondern häufig auch Leute, die zum Gemeindeammann wollen.

Viele Gemeindesachen kann er im Geschäftsbüro erledigen. Nur so ist dieses Amt für ihn überhaupt möglich. In Zürich arbeiten und zu Hause Ammann sein, das würde nicht gehen. Zu viele Präsenzanlässe und Sitzungen sind zu absolvieren. «Vor allem die Präsenztermine, die ich wahrnehmen muss, werden häufig unterschätzt.»

Die Frage nach der freien Zeit, dem Abschalten drängt sich auf. Ammann, Geschäftsmann, Verwaltungsratspräsident der asana-Regionalspitäler, überall ist Martin Heiz am Drücker. Wie schafft das einer? Engelberg ist das Geheimwort.

Hier hat die Familie ein Ferienhaus, «hier ist mein Réduit». Wenn Heiz am Samstag nach Ladenschluss nach Engelberg fährt, dann schaltet er ab. Richtig weg, Computer aus, E-Mail zu? «Ja, das kann ich», sagt er.

Und dann gibt es noch eine neue Gelegenheit zum Aussteigen aus dem Alltag. «Ich bin seit kurzem Grossvater, wenn meine Frau und ich am Hüten des Enkels sind, dann brauche ich die Gemeindekanzlei nicht.»

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