Reitnau
Picasso, Côte d’Azur und 1500 Kilo Gusseisen

Bruno Altherr aus Reitnau hat sich als Sammler von alten Druckmaschinen samt Peripherie-Geräten einen Namen gemacht. International, wie das neuste Beispiel zeigt. Er besitzt jetzt eine Druckmaschine aus einem Atelier, in dem auch Picasso verkehrte.

Peter Weingartner (Text und Foto)
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Bruno Altherr mit dem Handantriebsrad der alten Duckmaschine.

Bruno Altherr mit dem Handantriebsrad der alten Duckmaschine.

«Die Familie Valentin aus Vallauris bei Cannes hat per Mail bei europäischen Museen eine Umfrage gestartet und eine Druckmaschine angeboten», erzählt Altherr.

Bruno Altherr mit dem Handabtriebsantrieb der Maschine
8 Bilder
Bruno Altherr inmitten der Teile seiner neusten Errungenschaft
Diese Teile gehören zur neuen Maschine
In dieser "Bruchbude" stand die Maschine.
Die Walze, gewichtiges Kernstück einer Druckmaschine
Diese Teile warten darauf, zusammengebaut zu werden
Der ehemalige Besitzer mit seinen Kindern und Picasso (rechts)
Auf dieses Fundament kommt die Maschine zu stehen

Bruno Altherr mit dem Handabtriebsantrieb der Maschine

Peter Weingartner

Die beigelegten Bilder zeigten das Objekt. Altherrs Vorteil: Er musste keine Sitzung einberufen, und das in den Sommerferien. Er tat umgehend sein Interesse kund.

Augenschein in Reitnau

«Aurélie Valentin, die Tochter des letzten Benutzers der Druckmaschine, wollte wissen, wohin die Maschine kommt», sagt Altherr. Sie besuchte das Museum in Reitnau. «Sie war total begeistert, dass ich ihr Werk übernehme», sagt Bruno Altherr. Dass andere Museen inzwischen auch ihr Interesse angemeldet hatten, konnte an der Zusage nichts ändern.

Die Maschine schliesst in der Reitnauer Gutenberg-Werkstatt eine Lücke im 19. Jahrhundert: Sie stammt aus der Zeit, als man solche Maschinen noch über Transmissionsriemen mit Wasser oder Dampf antrieb. Oder, wie der letzte Besitzer, von Hand.

Gilbert Valentin heisst er, und er hatte bis zu seinem Tod vor 12 Jahren sein Atelier in Vallauris bei Cannes. Bei ihm, der vor allem als Keramiker bekannt ist, aber auch Linolschnitte machte, gingen Künstler wie Picasso oder Jean Cocteau ein und aus. Davon zeugen Fotos und eine Postkarte mit Picasso und Valentin samt seinen Kindern. «Picasso lebte von 1948 bis 1955 gleich gegenüber dem Atelier», weiss Bruno Altherr. Die Strasse heisst Avenue Pablo Picasso.

Abenteuerliches Unterfangen

Schlaflose Nächte habe er gehabt, gesteht Bruno Altherr: «Welche Schlüssel nehme ich mit? Wie bringe ich die Maschine für den Transport auseinander?» In der ersten Oktoberwoche startete er das Unternehmen, durchaus positiv gestimmt, denn als gelernter Elektromechaniker sei er sich «einige Murkse» gewohnt. Mit zwei Handwerkerbussen, einer mit Anhänger, und Rostlöser im Gepäck, gings an die Côte d Azur.

«Ich habe selten gesehen, dass Kinder ihre Eltern so verehren», sagt Bruno Altherr. Man hätte die alten Sachen auch wegwerfen können. Das gemietete Atelier, wo eine der Töchter Valentins noch wohnt und eine Galerie führt, wird abgerissen und weicht einer Überbauung. Nicht nur für die Druckmaschine suchten die fünf Kinder Valentins einen guten Platz. Sie verpflanzen auch die Bäume, die zu ihrer Geburt gesetzt worden waren.

1500 Kilo schwere Druckmaschine

Bruno Altherr zeigt Fotos von seinem Besuch im baufälligen Haus, mitten in der Stadt. «Eine Oase, wo die Zeit stehen geblieben ist», sagt Altherr. Ein 150-jähriges Haus, schlecht unterhalten, umgeben von neuen Wohnhäusern. Stützen verhindern den Einsturz; Werkzeug liegt herum; man sieht den Brennofen des verstorbenen Künstlers. Altherr hat im Bus übernachtet, kalt geduscht, aber «gegessen wie ein Fürst». Und das unmittelbar neben der Drogenszene.

Drei Männer aus der Schweiz und drei Franzosen – darunter die Söhne des ehemaligen Besitzers – legten Hand an beim Zerlegen und vor allem beim Beladen der Busse. «Bis 250 Kilo schwer waren einige Teile, die mussten wir zu fünft hinaustragen», sagt Bruno Altherr.

Zum Glück hatte Gilbert Valentin seine Maschine bis zu seinem Tod gut gepflegt, gefettet und geölt. Die 1500 Kilogramm schwere Maschine «aus sehr altem Guss» steht nun jedenfalls in Reitnau.

Den Transport überstand sie schadlos. Kulturgüterschmuggel? Bruno Altherr zückt die handgeschriebene Rechnung von Flore Valentin, dazu geheftet die Quittung des Zöllners von Stabio im Tessin für die bezahlte Mehrwertsteuer.

300 Arbeitsstunden bis zum Betrieb

Bruno Altherr rechnet mit rund 300 Arbeitsstunden, bis die Maschine mit Handbetrieb wieder läuft. Man darf ihr das Alter ansehen, aber funktionieren muss sie. Den Donnerstagabend reserviert der Druckerei-Unternehmer für die Arbeit im Museum. Dazu kommen die regnerischen Samstage. Winterarbeit. Im Frühling sollte die Maschine fertig restauriert sein. Die Arbeit geht ihm nicht aus, zumal weitere Maschinen zugesagt seien. «Interessierte, die Freude an solcher Arbeit haben, sind willkommen, jeweils donnerstags ab 18 Uhr», sagt Bruno Altherr.

Daraus könnte ein Verein entstehen, so seine Vision. Ihm schwebt ein lebendiges, animiertes Museum vor, wo man auch etwas herstellen kann. Und das braucht Personal. Dabei ist das Museum offiziell noch gar nicht eröffnet, obwohl er immer wieder Besucher hat, seien es Schulklassen, Vereine oder Leute aus der Druckerbranche.

Valentins drucken Valentin

Mit der Maschine aus Vallauris, von Hippolyte Auguste Marinoni in Paris gebaut, «vielleicht um 1860 herum», möchte Altherr «Möglichkeiten schaffen, sich künstlerisch zu betätigen». Er denkt dabei an Linolschnitte, die auf der Maschine mit 250 Kilogramm Druck («Top-Qualität, bringt die Farbe ins Papier») gedruckt und nachher bei Bedarf koloriert werden könnten.

Sicher werden die ehemaligen Besitzer, die Kinder von Gilbert Valentin, Reitnau einen Besuch abstatten. «Sie werden mit Clichées, Linolschnitten von ihrem Vater vorbeikommen und Abzüge sehen wollen», sagt Bruno Altherr. Wer weiss: Vielleicht fällt dieser Besuch mit der offiziellen Eröffnung des Museums zusammen?