Uerkheim / Zofingen
«Ob Uerkner, Zofinger oder Aargauer – wir sind doch einfach alle Schweizer»

Einwohner aus dem Grenzgebiet zwischen den beiden fusionswilligen Gemeinden Uerkheim und Zofingen erzählen, was sie von der Fusion denken. Und wie sie die Gemeindegrenze schon jetzt überschreiten.

Aline Wüst
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Margrith Leuenberger und Kurt Bürgi sind am liebsten zu Hause und trotzdem für die Fusion.
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Uerkheim zur möglichen Fusion mit Zofingen
Keine Fusion ist besser, findet Peter Lüthi.
Freddy Nock ist neutral, überall zu Hause.

Margrith Leuenberger und Kurt Bürgi sind am liebsten zu Hause und trotzdem für die Fusion.

Kurt Bürgi ist ein Uerkner. Kein waschechter zwar. Dafür einer, der einem die Kurzfassung seiner Lebensgeschichte noch unter der Tür erzählt. Eine Geschichte, die nicht nur lustig ist. Vor 40 Jahren zog Bürgi aus dem Fricktal nach Uerkheim, seine Frau starb bald darauf. Der Vater von sieben Kindern suchte eine Haushälterin. Er fand Margrith Leuenberger. Sie kam, blieb und heute ist sie sein «Schatz».

Der 95-jährige Bürgi lebt glücklich mit ihr hier oben im Lindenhof, wo sich auf der einen Seite seines Hauses die Strasse nach Uerkheim hinunter windet und auf der anderen nach Zofingen. Von seinem Wohnzimmer aus sieht Bürgi die Linde. Sie markiert die Grenze zwischen Stadt und Dorf. Ihre Tage als Grenzbaum könnten gezählt sein. Noch knapp eine Woche, dann stimmen Uerkner und Zofinger darüber ab, ob sie sich zusammenschliessen wollen. Bürgi ist für die Fusion. Der ehemalige Kutscher ist schon heute ein Grenzgänger. Sein Geld hat er in Zofingen auf der Bank. Den Senioren-Mittagstisch besucht er mal in Zofingen, mal in Uerkheim.

Am liebsten aber ist das Paar sowieso zu Hause, zusammen mit ihren Katzen. Vom letzten Wurf haben sie fünf Kätzchen ihrem Nachbar Max Steffen geschenkt. Auch ein Uerkner. Aber einer, der auf keinen Fall Zofinger werden will. «Der Mensch gehört dorthin, wohin das Wasser fliesst», sagt Steffen. Und das Wasser fliesse nach Uerkheim und nicht nach Zofingen, hält er fest.

Es ist zehn Uhr und die Linde ist noch immer von Raureif überzogen. Der Pöstler fährt an der Linde vorbei. Er bringt den Leuten auf dem Pass oben die Post. Einer davon ist Peter Lüthi. Er ist gegen die Fusion. Warum? «Ich will den Uerknern Enttäuschungen ersparen.» Lüthi ist fusionserfahren. Wohnt er doch in Mühletal. Und Mühletal hat vor 11 Jahren mit Zofingen fusioniert. Der damalige Schulpflegepräsident war ein brennender Befürworter des Zusammenschlusses. Heute findet er kaum ein gutes Wort für Zofingen: Die Stadt betreibe Luxuspolitik und die Schneeräumung funktioniere seither schlecht. «Wir sind Bürger zweiter Klasse», schimpft Brigitte Walker, die zufällig mit ihrer Collie-Hündin vorbeispaziert. Als Zofingerin will sie sich unter keinen Umständen bezeichnen lassen. «Ich bin Mühlethalerin und stolz darauf.»

Der Nebel hängt noch immer auf der Passhöhe, verschleiert den Blick sowohl nach Zofingen wie auch nach Uerkheim. Brigitte Walker zieht ihre Mütze noch ein bisschen tiefer ins Gesicht und beeilt sich in die Wärme zu kommen. Derweilen lächelt der kleine steinerne Buddha vor dem Haus der Familie Siegrist selig. Zumindest was die Fusion angeht, tut es ihm Rudolf Siegrist gleich. «Ich bin wunschlos glücklich hier oben.» Ob er bald Zofinger ist, sei ihm egal. Abstimmen wird er nicht. Den Familienvater beschäftigte vielmehr das Profil einer neuen Handyantenne in unmittelbarer Nähe. Ebenfalls nicht abstimmen will Evi Lehmann. Neben ihrem Haus aber weht eine Berner-Flagge. Und genau das ist sie im Herzen – eine Bernerin. Daran würde wohl auch eine Fusion so schnell nichts ändern.

Wirtin will nicht orakeln

Im Uerkner Restaurant Eintracht kommt heute Schweinsvoressen mit Kartoffelstock auf den Tisch. Wirtin Margrith Burri erzählt, dass die Fusion am Stammtisch teilweise recht heftig diskutiert werde. Eine Prognose zur Abstimmung wagt sie nicht. Stattdessen tischt sie lieber noch ein Caramelköpfli auf.

Und dann ist da noch Hochseilakrobat Freddy Nock, der wohl berühmteste Uerkner. Er sagt: «Ob Uerkner, Zofinger, Genfer oder Aargau ist mit egal. Wir sind doch einfach alle Schweizer.»