Nur die kleine Holztür aus dem alten Tennstor überlebt den Abbruch

Der freigelegte Dachstuhl offenbart die Geschichte des Hochstudhauses aus den Anfängen des 17. Jahrhunderts, das Gebäude hat eine Kernzelle. Doch in wenigen Tagen steht nichts mehr.

Schön war es nicht mehr. Es wirkte eher verlottert, das alte Haus an der Neudorfstrasse in Reinach. In den letzten Jahren war es nicht mehr bewohnt; in diesen Tagen wird es nun abgerissen. Es weicht dem Neubau eines Geschäftshauses (die az berichtete).

Jetzt, da die Abbrucharbeiter das Dach abgedeckt und den Dachstuhl freigelegt haben, wurde die Dachkonstruktion des Hochstudhauses sichtbar. Das dreiteilige Gebäude und bestand aus einem Ostteil, einem Mittelteil mit Tenne und einem später angebauten Westteil.

Der Reinacher Historiker Peter Steiner hat die Quellen zur Baugeschichte erfasst. Er sagt, dass der Ost- und Mittelteil des Gebäudes im Jahr 1647 zum ersten Mal erwähnt seien. Damals gehörten die Hausteile den Brüder Joël und Hans Heinrich Hediger. Einer der Brüder allerdings verkaufte seinen Hausteil schon bald weiter. Das Haus wechselte dann über die Jahre mehrmals den Besitzer. Die Tenne zwischen den beiden Hausteilen – ein richtiger Stall ist nicht nachzuweisen – seien später jeweils im gemeinsamen Besitz der beiden Wohnungseigentümer gewesen. Der dritte Anbau, der Westteil müsse erst um 1800 angehängt worden sein, sagt Steiner.

Der Ostteil war die Kernzelle

Der Zimmermann Martin Hoffmann ist Spezialist für alte Bauten. Er hat den freigelegten Dachstuhl genau angeschaut und Neues entdeckt. «Die Balken zeigen, dass zuerst im Osten ein alleinstehendes kleines Haus bestand», sagt Hoffmann. «Die Dachform ist noch zu erkennen.» Diese Erkenntnis weise darauf hin – da sind sich Hoffmann und Steiner einig – dass die Keimzelle des Baus möglicherweise bereits kurz vor 1600 aufgerichtet wurde.

Im Verlauf der Jahrzehnte wurde der Bau um weitere Firstständer erweitert, der Firstbalken Richtung Westen verlängert. «Die schwarzen Balken zeugen davon, dass zu Beginn über offenem Feuer gekocht wurde», sagt Hoffmann. Eingedeckt war das Haus bis in die 1890er mit Stroh, nachher erhielt es ein Dach mit Biberschwanzziegeln.

Nur die kleine Tür bleibt erhalten

Auf dem Bild links fehlt beim Tennstor die kleine Tür. Dieses Türchen wird den Abbruch überleben. Esther Torretti hat sich das Andenken an das alte Haus in Absprache mit dem Besitzer gesichert. Sie transportierte die Tür nach Hause und hat sie jetzt in ihrem Garten montiert und schon mit einem Herzen geschmückt.

«Ich begleitete über Jahre einen alten Reinacher, Max Hediger)», sagt Esther Torretti. Hediger (1910-1996 habe immer wieder erzählt, in dieser «Hütte» hätte er seine Kindheit verbracht, bevor der Vater in der Eien ein «noch schlimmeres Haus» gekauft habe. So habe sie den Wunsch gehabt, sagt Torretti, ein Erinnerungsstück an Max Hediger und sein Elternhaus zu besitzen. Wenn bis Ende Monat alles weggeräumt ist, wird nur noch das kleine Türchen in Esther Torrettis Garten an das einst stolze Haus mit Strohdach aus dem 17. Jahrhundert erinnern.

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