Energie
«Neu heisst es entschwenden statt verschwenden»

Energiefachmann Urs Löpfe erklärt, weshalb die Schweiz nicht vor allem auf Photovoltaik setzen muss und weshalb das Energieproblem nicht mit Nachproduzieren gelöst werden kann, sondern nur mit einem Ende der Energieverschwendung.

Peter Siegrist
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Der Energiespezialist Urs Löpfe

Der Energiespezialist Urs Löpfe

Peter Siegrist

Die Aargauer Bauern sollen das Potenzial erneuerbarer Energien besser nutzen, verlangte die Abteilung Landwirtschaft des Kantons (az Aargauer Zeitung vom 2. September).
Allein mit Photovoltaik-Anlagen und Sonnenkollektoren könne pro Jahr Energie im Wert von 65 Millionen Franken produziert werden, rund 20000 Franken Einkommen pro Bauernhof. Urs Löpfe, der Energiefachmann in Reinach, der sich mit seiner Firma Projekte zur Verbesserung der Energie-Effizienz realisiert, erklärt im Interview, weshalb er diese Forderung unnötig findet.

Urs Löpfe, die Abteilung Landwirtschaft ruft die Bauern auf, neu auch Stromproduzenten zu werden. Ist das unsere Energiezukunft?

Urs Löpfe: Dieses Ansinnen läuft den Effizienzmassnahmen völlig zuwider. Das ist doch das Gleiche wie bei der Milch: Statt garantierter Milchpreise gibt es jetzt garantierte Stromlieferungen. Dieser Photovoltaik-Strom fällt vor allem im Sommer an, wo wir in Europa bereits jetzt zu viel Strom haben. Schon heute muss dafür bezahlt werden, damit jemand diesen Strom abnimmt und verbraucht. Ein völlig verfehltes System soll jetzt – nach der Milch – auch im Energiebereich angewendet werden.

Bundes- und Nationalrat signalisieren den Ausstieg aus der Atomenergie. Ist es nicht nötig, die Stromlücke mit dezentraler Produktion zu schliessen? Beispielsweise mit Solardächern und Windrädern.

Wir haben in der Schweiz und in Europa eine Stromschwemme, dies mit der Ausnahme, wenn es extrem kalt ist. Es geht darum, zusätzlichen Strom zu produzieren für diese wenigen Tage und Stunden, wo es knapp wird; es geht nicht darum, Strom in Massen zu produzieren.

Es braucht also in unserer Region nicht zwingend Windräder auf Hügelkuppen und Solaranlagen auf allen grossen Dächern?

In der Schweiz braucht es aus meiner Sicht, dies pointiert ausgedrückt, überhaupt keine zusätzlichen Produktionsanlagen für erneuerbare Energien, es hat genügend davon.

Und Sie behaupten, wir hätten auch ohne Atomkraftwerke genügend Strom?

Oberste Priorität haben Massnahmen gegen die Energieverschwendung. Das ist zum Beispiel die Warmwasseraufbereitung mit Strom. Dann sollten wir endlich sämtliche überdimensionierten Heizwasserpumpen eliminieren. Diese Pumpen verbrauchen in der Schweiz allein die Strommenge, die das AKW Mühleberg in einem Winter produziert.

Wenn einst die AKW vom Netz genommen werden, dann fehlen uns doch 30 Prozent Bandenergie.

Es fehlt in der Schweiz keine Bandenergie, wenn die möglichen Effizienzmassnahmen realisiert werden. Wir haben nur einen zusätzlichen Bedarf an Winter-Spitzenstrom.

Aber diese Spitzen können wir doch nicht abdecken.

Es ist viel billiger, diese Spitzen einzusparen, als sie zu produzieren.

Sie sagen, einsparen genügt. Und dabei müssen wir Atomstrom aus dem Ausland importieren?

Nein, das stimmt so nicht. Deutschland hat im Sommer extrem viel überflüssigen Photovoltaik-Strom. Es gibt auch häufig mehr Windkraft-Strom auf dem Markt als gebraucht wird. Der Überfluss zeigt sich an der Strombörse, an der die Preise völlig zusammengebrochen sind. Die grossen Stromkonzerne haben bereits finanzielle Schwierigkeiten.

Sie setzen mit Ihrer Firma auf Wärmepumpen. Sie sparen zwar Energie ein, aber sie verbrauchen dennoch Strom.

Das ist richtig. Aber durch Effizienzmassnahmen können wir einen grossen Teil des Verbrauchs einsparen. Was bleibt, sind die Winterspitzen, und die müssen wir abdecken.

Genau. Und da ist doch die Lücke.

Diese Spitzen kann man mit einem kleinen Anteil des eingesparten Öls, mit Gas, Holz und Biomasse decken, wenn wir mit Blockheizkraftwerken Strom und Wärme produzieren. Wir brauchen dafür lagerbare Energieträger, mit denen wir im Winter gezielt Strom produzieren können. In den übrigen Zeiten besteht keine Nachfrage nach neuem Strom.

Bedeutet dies, dass die Schweiz ihren Bedarf mit Fluss- und Pumpspeicherwerken abdecken kann?

Die Schweiz kommt aus mit einer Kombination aus Flusskraftwerken für die Bandenergie und Pumpspeicherwerken für die Spitzenabdeckung. Mittelfristig lässt sich nicht abwenden, dass wir die obersten Spitzen mit fossiler Energie produzieren.

Aber es ist doch nicht zeitgemäss, bewusst auf fossile Energie zu setzen?

Doch, denn der Verbrauch an fossiler Energie wird höchstens 10 bis 15 Prozent der Energie betragen, die man bis heute zum Heizen und als Treibstoff für die Mobilität verbrauchte.

Viele sprechen bereits vom Peak Oil: Erdöl hat doch keine Zukunft mehr, es geht zur Neige.

Die Theorie des Peak Oil dedeutet nicht, es ist Schluss mit Öl oder Gas; es heisst, dieser Energieträger wird sehr teuer. Weil wir für die Produktion der Spitzenenergie nur sehr wenig fossile Energie brauchen, spielt das keine Rolle, selbst wenn der Preis doppelt so hoch ist.

Was ist denn heute für uns besonders wichtig?

Wir müssen den heutigen Verbrauch drastisch senken. Bei Effizienzmassnahmen reden wir von Einsparungen von über 60 Prozent. Bedenken wir: Die Schweiz gehört zu den 20 Prozent der Länder, die 80 Prozent der Weltenergie verbrauchen, unser Land ist ein Höchstverbraucher. Da liegt das Potenzial von rund 50 Prozent Einsparungen, wenn alle Länder mitziehen würden.

Herr Löpfe, beim Stand der Energiediskussion heute: Sehen Sie sich da als Rufer in der Wüste?

Geschäftlich geht es uns gut, wir brauchen auch keine Subventionen. Aber als Bürger stelle ich fest, wir leben in einem Land mit immensem Reichtum und wir gehen mit Geld und der Energie sehr verschwenderisch um. Da kämpfe ich für Änderungen.

Was läuft denn falsch?

Viele Menschen, auch Politiker, glauben immer noch, man könne das Energieproblem mit Nachproduzieren lösen. Sei dies mit Kernkraft oder erneuerbaren Energien. Das sind völlig falsche Ansätze.

Was soll den gemacht werden?

Wenn dieses Modell weltweit verfolgt wird, dann bricht das System zusammen. Wir haben gar nicht die Rohstoffe für beliebig viele Photovoltaik- und Windanlagen weltweit. Die Ressourcen gehen uns aus. Das führt unweigerlich zum Kollaps. Man kann nicht endlos Energie produzieren und sorglos verbrauchen. Mein Credo: Neu heisst es entschwenden. Schluss mit dem Energieverschwenden.

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