Sonntagsporträt
Nadja und Helge Schmidt spielen in ihrer Freizeit gerne Edelfrau und Ritter

«Es ist nicht so, dass wir uns fünf Wochen nicht waschen würden», lachen Nadja (37) und Helge Schmidt (46) aus Hirschtal. Helge rasiert sich frisch, die Gräfin trägt auch mal Make-up - ansonsten soll aber alles stilecht wie zur Ritterzeit im 12. Jahrhundert sein.

Erik Schwickardi
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Nadja und Helge Schmidt heirateten als Burgfräulein und Ritter wie vor 800 Jahren: «Die Liebegg ist unser Lieblings-Schloss!»

Nadja und Helge Schmidt heirateten als Burgfräulein und Ritter wie vor 800 Jahren: «Die Liebegg ist unser Lieblings-Schloss!»

Emanuel Freudiger

«Wir achten darauf, dass im Zeltlager keiner Uhren und Handys benutzt, Turnschuhe trägt oder eine Zigarette raucht. Adidas oder Marlboro gabs bei den Rittern ja noch nicht.» Ritter Helge kämpft oft mit Schwert und Streitaxt an Show-Kämpfen. «Blaue Flecken und ein paar Prellungen kann es geben, eine Rippe ist auch gebrochen», lacht der blonde Hüne. «Im Gegensatz zum Mittelalter harmlos. An den Ritter-Turnieren sind viele Leute umgekommen, Pferd und Rüstung gingen an den Sieger.»

An den Wochenenden taucht das Ehepaar ins Mittelalter ab – durchaus mit einem Augenzwinkern. «Es soll Spass machen und die Leute begeistern», erklärt Helge Schmidt, der sich ein immenses Wissen über das Hochmittelalter angeeignet hat. «Sogenannte ‹Living History-Veranstaltungen› sind keine Kostüm-Festivals. Wir versuchen einfach, die Epoche stilecht nachzuleben.»

Helge und Nadja freuen sich, wenn sie das Interesse von Kindern und Schulklassen, aber natürlich auch von Erwachsenen wecken. «Es ist schön, wenn die Leute Fragen stellen.» Ein Traum der beiden wäre es, in einer passenden Location das Mittelalter für Gruppen oder Business-Leute stilecht lebendig zu machen: «Man zieht sich um und zieht damit in eine andere Zeit. Der Manager ist mal Stallbursche, der Angestellte Herzog.»

Leben damals war viel härter

Würde das Paar lieber im Mittelalter auf einer Burg leben? «Wir fühlen uns durchaus wohl im 21. Jahrhundert», erklären die beiden. «Wir finden es einfach schön, ab und zu in die Zeit des Mittelalters zurückzurutschen. Trotzdem sind wir uns bewusst, dass das Leben vor 800 Jahren unendlich viel härter war.» Ein 40-Jähriger hatte kaum mehr Zähne, die Hälfte aller Kinder starben im Kindbett, die Ernährung war oft mangelhaft, es gab Kriege und Seuchen. «Man muss sich mit der Zeit, in der man lebt, arrangieren. Wenn man dann seinen Spass hat, ist es okay.»

«Ein bisschen Freak muss man schon sein», lachen Nadja und Helge Schmidt. Das Mittelalter erfreut sich grosser Beliebtheit bei Alt und Jung. Die alten Sagen und Legenden, die sich um unsere Burgen und Schlösser ranken, faszinieren bis ins iPhone-Zeitalter. Auf Mittelalter-Märkten in historischen Altstädten und Burgen wird Leder gegerbt und Papier geschöpft, andere Darsteller lassen Berufe wie Schmied oder Seifenmacher wieder aufleben. Immer mehr Mittelalter-Fans, vom Bauarbeiter bis zum Banker, schlüpfen am Wochenende in die Rolle von Handwerkern, Knappen und Edelfräuleins. «Es ist eine erstaunlich bunte und vielfältige Szene, vielleicht ähnlich wie an einem Harley-Treffen», erklärt Helge Schmidt. «Und obwohl alle bis auf die Zähne bewaffnet mit Dolchen, Schwertern und Spiessen herumlaufen, sind alle friedlich.»

An der BEA haben sie sich kennen gelernt

Kennen gelernt haben sich die in Muhen aufgewachsene Sekretärin und der Anästhesie-Pfleger aus dem hessischen Städtchen Dillenburg vor sieben Jahren an der «BEA Pferd» in Bern: Nadja ritt kostümiert als Barock-Dame auf ihrem Friesen-Wallach in der historischen Pferde-Show, Helge fotografierte als Pferde-Fotograf. «Wir waren sofort fasziniert voneinander.» Helge, seit dem 650-Jahr-Jubiläum seiner Heimatstadt, wo er ein wildes Freilicht-Spektakel mit Schwertkämpfen aufführte, vom Mittelalter-Virus infiziert, steckte Nadja mit seiner Liebe zur Ritterzeit an.

Das Paar ist vom Zeitalter der heldenhaften Kreuzritter und der sehnsuchtsvoll schmachtenden Burgfräuleins so begeistert, dass es sogar seine Hochzeit wie vor 800 Jahren abhielt: Ritter Helge und seine holde Maid Nadja ritten hoch zu Ross in die historischen Mauern von Schloss Liebegg ein. «Alle trugen mittelalterliche Kleidung, die Trauung erfolgte nach mittelalterlichem Brauch im Freien. Es war ein wunderschönes Fest – auch wenn es schwierig war, einen Pfarrer zu finden», lacht Nadja Schmidt. «Die dachten wohl, das sei nur eine Kostüm-Party. Dabei ist Helge mein Traum-Ritter.»

Hellebarde und Morgenstern zu Hause

Nadja und Helge Schmidt lieben das beschauliche Landleben – zusammen mit Katze Mimi (4), den Hunden Samy (4) und Binchen (21⁄2), Pony Zeus (22) und den beiden Friesen-Wallachen Sorbas (21) und Portos (7) wohnen sie in einem mit viel Liebe restaurierten Aargauer Hochstudhaus von 1792 in Hirschthal. Alte Truhen und Schränke vermitteln mittelalterliches Flair, an den Wänden prangen Kettenhemden und Ritter-Helme diverser Epochen, Langbogen, Schwerter und Schilde. «Wer versucht, hier einzubrechen, könnte Bekanntschaft mit Morgenstern, Hellebarde oder Streitaxt machen», grinst Helge Schmidt verwegen wie ein alter Eidgenosse vor der Schlacht von Morgarten. «Die alten Ritter würden sowieso nur den Kopf schütteln, wenn sie von den laschen Strafen unserer heutigen Richter für Diebe, Gauner und Mörder wüssten.»

Wer die beiden Living History-Fans mit ihrem Gefolge aus der selbst gegründeten «Grafschaft zu Hirschthal» einmal hautnah erleben und Mittelalter-Luft schnuppern möchte, hat im Aargau anlässlich des grossen Familien- und Jubiläumsfests auf Schloss Liebegg am 18. August die Gelegenheit: Hier zeigen Nadja und Helge Schmidt in einem historischen Festzelt, wie eine echte Ritter-Tafel vor 800 Jahren aussah: «Die Ritter liebten opulente Gelage mit vielen Gängen – über dem Feuer gebratenes Spanferkel, frisches Brot und Schmalz, Geflügel, Obst und Gemüse, Pasteten, Hirschbraten, Gans, Wildschwein oder Fische. Gabeln gab es nicht – geschmaust wurde mit den Fingern und einem Messer.»

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