Bezirksgericht Kulm

Nach Panne bei Migrationsamt: Eisenleger arbeitete nicht illegal

Nach Einsprache vor Gericht: Der 34-jährige Italiener erhält Recht. (Symbolbild)

Nach Einsprache vor Gericht: Der 34-jährige Italiener erhält Recht. (Symbolbild)

Ein Italiener (34), der Subunternehmer beschäftigte, wurde freigesprochen.

Man möchte meinen, der Bau einer Kirche stünde unter einem guten Stern. Doch an jenem Aprilmorgen vor zwei Jahren spielten sich unschöne Szenen ab auf der Baustelle der neuen Lenzchile der Chrischona in Reinach. Fünf Arbeiter, die dabei waren, auf der Baustelle Armierungseisen zu verlegen, wurden auf den Posten der Kantonspolizei mitgenommen. Bei der vorangegangenen Kontrolle war entdeckt worden, dass vier Eisenleger aus Italien unberechtigterweise in der Schweiz arbeiteten. Gianni (Name geändert), die fünfte Person, war der Inhaber des Eisenleger-Geschäfts, das die vier Männer in die Schweiz hatte kommen lassen.

Für Gianni war das verheerend: Er war bereits knapp zwei Jahre zuvor mit dem Gesetz in Konflikt gekommen und noch auf Bewährung. Damals war er wegen rechtswidrigen Aufenthalts, Erwerbstätigkeit ohne Bewilligung und Beschäftigung von Ausländern verurteilt worden.

«Geständnis abgerungen»

Noch ein Monat, und die Bewährungsfrist wäre verstrichen gewesen. Doch so verurteilte ihn die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm per Strafbefehl wegen Beschäftigung von Ausländern zu 180 Tagessätzen à 140 Franken (25'200 Franken). Bei Nichtzahlung drohten ihm 180 Tage Gefängnis.
Gianni hat sein Eisenleger-Geschäft inzwischen verkauft ist heute arbeitslos und muss mit dem Geld vom RAV Ehefrau und drei Töchter in Italien unterstützen. Er sieht die Sache anders als die Staatsanwältin. Er erhob daher Einsprache. Der 34-jährige Gianni, klein gewachsen, aber mit grossen, kräftigen Händen, machte mit seinen Aussagen vor dem Bezirksgericht Kulm klar: Er verstehe nicht ganz, weshalb er diesmal verurteilt wurde. «Die vier Ragazzi arbeiteten doch gar nicht für mich, sondern für das Geschäft meines Verwandten in Italien. Er hat sie zu mir arbeiten geschickt, da ich ihn um Verstärkung bat.»

In der polizeilichen Einvernahme soll Gianni – im Gegensatz zu den «vier Ragazzi» – gesagt haben, die Männer arbeiteten direkt für ihn. Der Beschuldigte selber konnte sich vor Bezirksgericht jedoch nicht erinnern, je so etwas gesagt zu haben. «Vielleicht», sagte er, «war das ein sprachliches Missverständnis auf dem Polizeiposten, es war ja kein Dolmetscher anwesend.» Es sei ein Leichtes, argwöhnte Giannis Verteidiger, einem Mann, welcher der deutschen Sprache nicht wirklich mächtig sei, ein solches Geständnis abzuringen.
Auch den Vorwurf der unerlaubten Beschäftigung konnte Gianni nicht verstehen. «Die Vier sind mit einer Bewilligung gekommen, auf der stand, sie könnten für 90 Tage hier arbeiten.» Tatsächlich hatte das Aargauer Migrationsamt eine solche Bewilligung ausgestellt – irrtümlicherweise, war doch das Geschäft von Giannis Verwandtem mit einer Dienstleistungssperre belegt. Es durfte hier gar keine Aufträge ausführen. Trotzdem schickte es Gianni die Arbeiter und brachte ihn damit letzten Endes in grosse Schwierigkeiten. Wie denn das Verhältnis zwischen den beiden Männern heute sei, fragte Gerichtspräsident Christian Märki. «Wir haben seit diesem Vorfall nie wieder mit einander gesprochen», sagte Gianni leise. Am Tag der Baustellenkontrolle wurde die irrtümliche Ausstellung der Bewilligung bemerkt und widerrufen.
Giannis Aussagen sei vor diesem Hintergrund Glauben zu schenken, stellte der Gerichtspräsident fest. Er habe keine Absicht zur Straftat gehabt, die ihm vorgeworfen werde. Gianni wurde freigesprochen. Gerichts- und Anwaltskosten werden dem Staat auferlegt.

Meistgesehen

Artboard 1