Bezirksgericht Kulm
Nach Kindsmissbrauch: Das Dorf versteht die Welt nicht mehr

Ein Rentner berührte einen achtjährigen Nachbarsbub wiederholt im Intimbereich. Nun ist der behinderte Mann vom Bezirksgericht Kulm verurteilt worden. Er erhielt eine bedingte Freiheitsstrafe und muss ins Altersheim.

Aline Wüst
Merken
Drucken
Teilen
Ein 67-jähriger Mann, auf dem geistigen Stand eines Zwölfjährigen, vergriff sich am Nachbarsbub. (gestellte Aufnahme)

Ein 67-jähriger Mann, auf dem geistigen Stand eines Zwölfjährigen, vergriff sich am Nachbarsbub. (gestellte Aufnahme)

Keystone

Es passierte im Dorf. Ein Mann vergreift sich am Nachbarsbub. In der Garage, in der Stube. Und am Bach im Wald. Der Mann sagt dem Achtjährigen, er solle seine Hose runterlassen, berührt ihn intim. Fordert den Buben auf, das Gleiche zu tun.

Im Bezirksgericht sass am Dienstag der Vater des Buben. Er starrt auf den Tisch, rote Augen. Neben ihm seine Frau. Die beiden schauen nie nach links. Denn dort sitzt er – der Nachbar.

Ein Männchen, klein wie ein Kind mit einer seltsam feinen Stimme. Sein Horizont ist das Dorf. Er war Hilfsarbeiter ein Leben lang, wohnte mit seiner Schwester im Elternhaus, ist 67 Jahre alt und auf dem geistigen Stand eines Zwölfjährigen – wurde ein Leben lang ausgegrenzt. Der Mann sagt, der Bub sei sein Freund gewesen. Sie hätte gemeinsam im Wald nach Gold gesucht. Er habe ihn gekannt, seit der Bub ein Baby war.

Gerichtspräsidentin Yvonne Thöny Fäs will wissen, warum er es getan hat. Der Mann sagt: «Einfach aus Gwunder.» Sie will wissen, wie der Bub reagierte. «Ganz normal, er sagt, es hat ihm auch gefallen.»

Der Bub erzählt etwa einen Monat später einem anderen Kind von den Vorfällen. Das Kind rät ihm, es den Eltern zu sagen.

Nachts Albträume

Die Eltern, so erzählt es ihr Anwalt vor Gericht, seien aus allen Wolken gefallen, als sie hören, dass der nette Nachbar ihr Kind missbrauchte. Der böse Mann, der sei im Fernseher, ein Fremder – es übersteige die Vorstellungskraft, dass der böse Mann der Nachbar ist. «Ein Weltbild brach für die Eltern zusammen», sagt der Anwalt. Der Bub habe nun nachts Albträume, zieht keine kurzen Hosen an und trägt auch im Sommer unangemessen warme Kleider. Er will keine Haut zeigen.

Nachdem die Vorfälle bekannt werden im Dorf, verändert sich alles für den 67-jährigen Mann und seine Schwester. Die Menschen drehen ihnen nun den Rücken zu, sie grüssen nicht mehr. Die Kinder strecken die Zunge raus, spucken auf den Boden, wenn sie am Haus der Geschwister vorbeikommen.

Das Elternhaus haben Bruder und Schwester mittlerweile verkauft. «Wir halten es nicht mehr aus. Ich wurde geächtet im Dorf», sagt die Schwester. Sie wollen nun in den Kanton Bern ziehen. Der Bruder soll dort in einem Alters- und Pflegeheim leben.

Der Bub «sein Freund»

Warum das alles geschah, dafür hat die Schwester eine Erklärung: Sie habe eine neue Beziehung, der Bruder sei eifersüchtig gewesen auf den Mann, der in ihr Leben trat. Der Bruder selber konnte nie Kontakt aufbauen zum anderen Geschlecht. Als ihr Bruder ihr dann mitteilte, dass der Nachbarsbub nun sein Freund ist, sagte sie ihm: «Das geht nicht.» Ein alter Mann und ein Bub könnten keine Freunde sein – sie hatte ein ungutes Gefühl. Die Schwester sprach sogar mit der Mutter des Buben über die spezielle Freundschaft.

Die Schwester sagt, sie sei aus allen Wolken gefallen, als sie von den Vorfällen hörte. Sie empfahl ihrem Bruder, sich selber anzuzeigen, was der auch tat. Laut Gutachten ist der Mann nicht pädophil.

Der Staatsanwalt fordert eine bedingte Freiheitsstrafe von zwei Jahren. Wie das psychiatrische Gutachten verlangt auch der Staatsanwalt keine Therapie, da der Mann durch seine verminderte Intelligenz gar nicht therapiefähig ist.

Der Verteidiger tut die Vorfälle als «Doktorspiel» ab. Der Täter weise die Intelligenz eines Kindes auf, daher könne keine Rede sein von einem Machtgefälle. Ausserdem habe die Mutter Bescheid gewusst über «mögliche Probleme» zwischen den beiden.

Keine Mitschuld der Eltern

Für den Anwalt der Eltern ist der Mann eine Zeitbombe, zwar eine kleine, aber eine, die tickt und durch eine Therapie entschärft werden müsse. Der Anwalt sagt noch, dass im Dorf gemunkelt werde und dass es ein Mädchen gebe, das von einem ähnlichen Vorfall erzähle mit dem 67-jährigen Mann.

Es bleibt beim Gemunkel. Und es bleibt dabei, dass der Mann mit seiner Schwester das Dorf verlässt. «Es tut mir leid, was ich gemacht habe», sagt er zum Schluss noch.

Das Gericht spricht ihn schuldig der mehrfachen sexuellen Handlung mit einem Kind. Er wird zu einer bedingten Freiheitsstrafe von acht Monaten verurteilt mit einer Probezeit von zwei Jahren. Der Mann muss künftig in einem Heim wohnen und sich halbjährlich bei der Oberstaatsanwaltschaft melden. Die Tat sei im unteren Rahmen der Delikte, die in diesen Straftatbestand fallen, sagt Gerichtspräsidentin Thöny. «Verharmlost werden dürfen die Taten aber keinesfalls.» Und den Eltern könne in keiner Art und Weise der Vorwurf einer Mitschuld gemacht werden.