Leerau

Nach der Abwahl des Pfarrers muss zuerst das Geschehene bewältigt werden

Die Infoveranstaltung in Kirchleerau am Dienstagabend war sehr gut besucht.

Die Infoveranstaltung in Kirchleerau am Dienstagabend war sehr gut besucht.

Am 23. September hatten die Leerber entschieden, dass sie ihren Pfarrer nicht mehr wollen. Mit 143 zu 92 Stimmen wurde er abgewählt. Die reformierte Kirchgemeinde ist nun dran, die Abwahl von Pfarrer David Mägli zu bewältigen.

«Die Gemeinde ist zutiefst gespalten.» Der ältere Herr brachte es bei der «Kropfleerete» der reformierten Kirchgemeinde Leerau auf den Punkt: Die knapp vierjährige Amtszeit von Pfarrer David Mägli (36) hat die Kirchgänger in zwei Lager geteilt. Das eine befürwortet seinen sehr konservativen Kurs, das andere lehnt ihn vehement ab. An der am Dienstag veranstalteten Infoveranstaltung wurde entsprechend heftig diskutiert. Pfarrer Mägli war aus nachvollziehbaren Gründen nicht erschienen.

«Ich habe die letzten dreieinhalb Jahre gelitten», fuhr der Teilnehmer fort. Mehrere andere schlossen sich dem im Laufe der Diskussion an. Pfarrer Mägli predige fundamentalistisch, spreche in jedem Gottesdienst von Sündern und habe die Gemeindemitglieder von oben herab behandelt, kam es von verschiedenen Seiten.

Viele Leerber hätten sich deshalb für Taufen und Beerdigungen an Pfarrer anderer Gemeinden gewendet, mehrere seien wegen Mägli aus der reformierten Kirche ausgetreten. Es gab aber unter den etwa 80 Teilnehmer im voll besetzten Kirchgemeindesaal Personen, die Partei für Mägli ergriffen. Sie warfen den Kritikern vor, sie würden übertreiben und dem noch jungen Pfarrer keine Chance geben, sich zu entwickeln.

Übergangslösungen werden gesucht

An der Veranstaltung nahmen auch David Lentzsch, Gemeindeberater der reformierten Landeskirche Aargau und Vizedekan Dominique Baumann teil. Dies nicht nur, um die noch amtierenden Kirchenpfleger bei der Moderation der hitzigen Diskussion zu unterstützen, sondern auch, um der Kirchgemeinde das weitere Vorgehen zu erläutern. «Ab dem 1. Januar haben Sie weder einen Pfarrer noch eine Kirchenpflege», sagte Lentzsch. Zwar sei eine Ersatzwahl der Kirchenpfleger möglich, die Vorschriften besagten jedoch, dass die so gewählten Personen nur bis Ende der dauernden Amtszeit, also bis 31. Dezember Kirchenpfleger bleiben würden. Wahlen für die kommende Amtsperiode seien erst 2019 möglich.

Ab dem 1. Januar werde daher zwingend ein Sachwalter eingesetzt, der als Kurator anstelle der vakanten Kirchenpflege die Entscheidungen treffe. Für Pfarrdienste wie Gottesdienste, Taufen und Beerdigungen werde bereits in Zusammenarbeit mit Rued, Schöftland und Reitnau nach Übergangslösungen gesucht. Schliesslich werde eine Pfarrwahlkommission eingesetzt, um eine Nachfolge für Mägli zu suchen.

Der Stundenansatz für den Sachwalter von 140 Franken löste ein Raunen aus im Saal. Als erste Reaktion wurde die schnellstmögliche Einsetzung einer neuen Kirchenpflege gefordert. Etwas zu überstürzen sei nicht klug, hiess es dann aber von anderer Seite. Das Kuratorium sei eine Chance, mit den Leiden der letzten Jahre abzuschliessen und in Ruhe zu entscheiden.

Am konservativen Stil festgehalten

Das Bedürfnis, Einzelheiten dieses Leidens zu beschreiben, war gross. «In jedem Gottesdienst hat der Pfarrer uns gesagt, wo wir dereinst hinkommen, wenn wir dieses oder jenes nicht machen», sagte eine Kirchgängerin. Mägli habe den Leuten von der Kanzel herab Dinge gesagt, die ganz klar daneben seien, sagte ein anderer. So habe Mägli an einer Taufe das Thema Abtreibung aufgenommen oder sich geweigert, für einen Katholiken eine Abdankung abzuhalten. Er habe das Gotteshaus als «seine Kirche» bezeichnet, offen seine Abneigung gegen die vorher üblichen Auftritte des Männerchors gezeigt und von den Gemeindemitgliedern keine Kritik an seinen Entscheiden und äusserst konservativen Stil zugelassen. Wie Vizedekan Dominique Baumann sagte, habe er mit Mägli regelmässig die Probleme mit seiner Gemeinde thematisiert. Dass Mägli an seinem Kurs und Pfarrverständnis festhielt, hat auch den Vizedekan besorgt. «Ziel ist es nun, dass diese Kirchgemeinde eine gute Zukunft hat», so Baumann.

An der Versammlung wurde der Pfarrer aber auch von verschiedener Seite verteidigt. So schlecht, wie er jetzt dargestellt würde, sei er nicht, hiess es etwa. «Nach der Abwahl haben mich viele angerufen und am Telefon geweint», sagte die noch bis Ende Jahr amtierende Kirchenpflegepräsidentin Heidi Scherrer.

Ihre am Wahlsonntag erkorene Nachfolgerin Claudia Kasper-Hochuli war auch zufrieden mit ihrem Pfarrer – ebenso der Rest der neuen Kirchenpflege, die wegen Mäglis Abwahl gleich am Tag nach der Wahl zurücktrat. Die fünf (neben Kasper-Hochuli sind das Fabienne Magnin Bär, Markus Schneiter, Marianne Sigrist und Martial Scherrer) fassten den Rausschmiss des Pfarrers auch als Vertrauensverlust gegenüber ihnen auf. «Ich musste darüber nachdenken, ob ich die Kirchgemeinde in die Zukunft führen kann, wenn bereits vor meinem Amtsantritt mein persönliches Vertrauen in die Kirchgemeinde getrübt worden ist», begründete Kasper-Hochuli ihren Schritt.

Im ersten Jahr begann es zu kriseln

Die Nicht-Annahme der Wahl wurde am Dienstag von mehreren als Pflichtverletzung gesehen. Noch schärfere Kritik gab es jedoch an der noch amtierenden Kirchenpflege. Sie habe weggeschaut, das Brodeln in der Gemeinde ignoriert. Heidi Scherrer wendete darauf ein, dass sich kaum Kritiker bei ihr gemeldet haben. Sicher ist, dass es schon kurz nach der Einsetzung von Mägli zu kriseln begann. Bereits 2016, im Jahr nach Amtsantritt, fand mit ihm, den Gemeindemitgliedern und dem Uerkner Pfarrer als Vermittler eine Gesprächsrunde statt. «Wir dachten, die Dinge hätten sich danach gebessert», sagte Scherrer. Die Kirchenpflege habe das «Rauschen» in der Gemeinde immer mal wieder gehört. Sie hätten bei Problemen mit dem Pfarrer gesprochen. «Man kann also nicht behaupten, dass wir die Augen vor den Problemen geschlossen haben», sagte Kirchenpfleger Daniel Hunziker.

Auch der Kirchenrat der reformierten Landeskirche Aargau hat angeblich von den Problemen der Leerber mit ihrem Pfarrer erfahren. Wie ein Herr am Dienstag sagte, habe er dem Kirchenrat telefonisch Erfahrungen der Gemeinde mit Mägli mitgeteilt, die nach seinem Empfinden gegen die Kirchenordnung verstossen. «Sie sagten mir darauf, jeder Pfarrer sei in seiner Verkündigung frei.»

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