Schöftland

Nach 51 Jahren wurde Mrs Harris via Garten heimisch

Ricarda Harris mit Hund Selina entdeckte ihre neue Heimat über die Gärten. wpo

Ricarda Harris mit Hund Selina entdeckte ihre neue Heimat über die Gärten. wpo

Ricarda Harris hat sich als 51-Jährige erst vor einem Monat einbürgern lassen, obwohl sie fast immer in der Schweiz gelebt hat. In Schöftland fand sie nun Grund genug, sich einbürgern zu lassen.

Ricarda Harris ist nicht die klassische Einbürgerungskandidatin. Zum einen spricht sie perfekt Mundart, Baseldytsch, zum anderen hat sie bis auf die ersten zwei Monate ihr ganzes Leben, bald 51 Jahre, in der Schweiz verbracht. Kunststück, dass sie sich in Helvetien zu Hause fühlt.

Warum hat sie sich nicht früher einbürgern lassen? «Es gab keinen zwingenden Grund dafür», sagt sie. Zwar hat Ricarda Harris einen Schweizer geheiratet und ihre Tochter Belana heisst Steinauer, ist Bürgerin von Einsiedeln. Sie selber aber hat nach der Scheidung wieder ihren «Meitlinamen» angenommen. Harris eben.

Seit 2007 lebt die ehemalige Projektleiterin bei der UBS in Zürich nun in Schöftland. Und hier hat sie Wurzeln geschlagen: «Hier fühle ich mich zugehörig.» Ausreichend Grund, Schweizerin zu werden.

My Home is my Castle

Am Schützenacherweg hat sie sich ein Haus gebaut. «Mit viel Umschwung, am Waldrand, ich brauche das», sagt sie. Englisches Lebensgefühl, nach dem Motto: My Home is my Castle? «Genau», sagt Ricarda Harris. Genetisch bedingt? Ins Baselbiet waren ihre Eltern — Vater Waliser, Mutter Deutsche — aus beruflichen Gründen gezogen, als Ricarda noch nicht gehen konnte.

Dass sie im Natur- und Vogelschutzverein Schöftland mitmacht, ist Ausdruck ihres Heimatgefühls. «Ich finde es wichtig, sich in der Gemeinde zu engagieren, wenn man sich an einem Ort wohlfühlt», so Ricarda Harris. Der Verein habe sie bei der Gartengestaltung nicht nur beraten, sondern auch konkret Hand angelegt. In ihrem «englischen» Garten wachsen Rosen und Sträucher; unter dem Dach haben Mauersegler Nistgelegenheiten. «Zwar haben jetzt andere Vögel die Kasten besetzt, ich glaube Hausrotschwänze», sagt sie.

Der Natur- und Vogelschutzverein Schöftland stellt zusammen mit der Bibliothek seit ein paar Jahren jedes Jahr für die Bevölkerung einen Gartenrundgang in Dorf zusammen. Mit ihrem Appenzeller-Mischling Selina entdeckt sie dabei neue Ansichten «ihres» Dorfes. «Der letztjährige Rundgang führte auch bei meinem Garten vorbei», sagt Ricarda Harris. Die Wanderung durch Schöftland bestätigt sie in ihrem positiven Bild der Schöftlerinnen und Schöftler: grosse Offenheit. So kommt sie ins Gespräch mit Leuten, was sie sehr schätzt: Die Leute grüssen und sind gerne zu einem Schwatz bereit. Sie tolerieren den Basler Dialekt einer Engländerin.

«Ich finde auch das kulturelle Leben hier toll», sagt Ricarda Harris. Der Härdöpfuchäuer erinnere sie ans Fauteuil-Theater oder ans Tabourettli in Basel. Als lebendige, aktive Gemeinschaft erfährt sie das Dorf. Bei der aktuellen Aktion des Gemeinnützigen Frauenvereins, «Garten in der Kiste», macht Ricarda Harris auch mit.

Die Einbürgerung am 27. Juni dieses Jahres war denn auch nicht bestritten. Nicht dass ihr etwas erspart geblieben wäre: die Staatskundeprüfung letztes Jahr, das Interview mit dem Gemeinderat. «So ist halt der Weg», sagt sie ohne Groll. Das Auffrischen der Schweizergeschichte habe sie an die Schulzeit erinnert; sie hat in Basel die Matura gemacht.

Gesundheit statt Finanzen

Ricarda Harris ist nach 16 Jahren in leitender Stellung bei der UBS in Zürich 2007 nach Schöftland gekommen. Hier hat sie im ehemaligen Fabrikgebäude auf dem Fehlmann-Areal die Geschäfte des Verbandes der Wirtschaftsfrauen Schweiz geführt. Sie ist Mitglied der FDP und Revisorin bei der reformierten Kirchgemeinde. Nun arbeitet sie im Gesundheitswesen und ist nebenberuflich in der Ausbildung zum MAS in Managed Health Care. Dazu frischt sie ihr Französisch auf. «Ich suche eine neue Herausforderung im Gesundheitswesen», sagt sie. In die Finanzwelt zurück will sie nicht mehr.

Noch wird ihre Geduld auf die Probe gestellt, denn der definitive Einbürgerungsbescheid vom Kanton steht noch aus. Das dauere etwa ein Jahr. Ricarda Harris schmunzelt: «Meine Tochter wird nächstes Jahr 18; wir fragen uns, wer zuerst abstimmen und wählen darf, sie oder ich?»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1