Menziken

Nach 124 Jahren: Die Tage der Bez sind gezählt

Alle Schulstufen der Oberstufe unter einem Dach, darauf war man in Menziken stolz. Jetzt zieht die Bez nach Reinach.

Alle Schulstufen der Oberstufe unter einem Dach, darauf war man in Menziken stolz. Jetzt zieht die Bez nach Reinach.

Mit dem letzten Schultag die Geschichte der Menziker Bezirksschule. Ein Verlust, trotz allem.

Noch zwei Wochen. Dann verliert Menziken seine Bezirksschule, nach 124 Jahren. So lange ist sie gewachsen, verwachsen mit dem Dorf, hat Familien über Generationen begleitet, grosse Namen geschult. Allen voran Hermann Burger und Klaus Merz, die beiden Schriftsteller, dazu eine stattliche Zahl Politikerinnen und Politiker, Schauspieler und Musikerinnen.

Jetzt geht es also zu Ende mit ihr. Ohne hörbare Aufregung, ohne Feier; Corona-bedingt. Ein trauriger Moment, vielleicht, ein Verlust bestimmt. Aber die Schülerzahlen reichen nicht mehr, das war absehbar seit Jahren. Da nützt kein Klönen, der Entscheid ist gefallen. Ein politischer, kein pädagogischer; das Aargauer Stimmvolk entschied das mit der Schulreform 2012 an der Urne, 2018 fiel schliesslich an der Gemeindeversammlung der Entscheid zugunsten der Bez-Standorte Reinach und Unterkulm, zugunsten der Kreisschule aargauSüd. Bleiben also das Hinnehmen, das Ausblicken – und das Erinnern.

«Dann steigt die Intelligenz hüben wie drüben»

Als Karl Gautschi, der «Musteraargauer», 26-jährig und frisch ab Presse in Menziken seine erste Stelle als Bezirksschullehrer antrat, tat er das mit Krawatte und Kittel. Es war das Jahr 1965. Eine Zeit, in der der Graben zwischen Menziken und Reinach noch tief war. Karl Gautschi lächelt; über ihn, den Reinacher, habe man noch gefrotzelt, wenn er nach Menziken gehe, dann steige die Intelligenz hüben wie drüben: In Reinach, weil ein Tubel gehe, in Menziken, weil ein Reinacher komme.

Diese Zeiten haben sich geändert, zum Glück. Und Gautschi hat in Menziken seinen Platz gefunden; 38 Jahre lang ist er der Bez treu geblieben, als Lehrer wie als Rektor, hat rund 1000 Schülerinnen und Schüler unterrichtet, hat sie als Büebli und Meitli eintreten und als junge Männer und Frauen austreten sehen, all die Jahre begleitet von den Kollegen Lüthy, Bützberger, Kestenholz und Meyer. «Eine gute Zeit», sagt er, «ich will sie nicht missen.»

Alle Schulstufen unter einem Dach

Gautschi weiss, was mit der Bez verloren geht, spricht von Imageverlust und lobt die Vorreiterrolle Menzikens, dem Dorf mit allen Oberstufen-Stufen unter einem Dach, mit den mitunter ersten Klassenlagern im Kanton. Aber er weiss auch, dass sich das Hadern nicht lohnt. Zu aufreibend sei es die letzten Jahre über gewesen, Lehrkräfte für die kleinen Pensen zu finden, zu frustrierend für die Schüler, Freifächer aufgrund zu wenig Teilnehmern nicht nutzen zu können. «Die Schülerzahlen reichen einfach nicht aus, um allein weiterzumachen», sagt Gautschi. «Das ist Fakt, darob kann man keine Träne vergiessen.»

Von allen Schulstufen unter einem Dach spricht auch Josue Staub als erstes. Vom Schulhaus, in dem es keine Unterteilung in Bez, Sek und Real gibt, in dem Freifächer auch für alle drei Stufen gemeinsam angeboten werden. «Keine unserer Lehrpersonen unterrichtet nur eine Stufe, in Menziken fehlt das klassifizierende Denken», sagt Staub, Klassenlehrer einer Real-Klasse und seit Januar Standortleiter Oberstufe in der «Kreisschule aargauSüd». Auch wenn er nicht Trübsal blasen will, so sei diese Kultur des Gemeinsamen doch ein Preis, den zu zahlen ihn schmerzt. «Ich hoffe sehr, dass wir diese Kultur in ähnlicher Form weiterleben können.»

Heute zählt die Menziker Oberstufe 210 Schülerinnen und Schüler (davon 61 Bezler), dazu 33 Lehrpersonen. An diesen Zahlen wird sich auch nach den Sommerferien kaum etwas ändern. Die drei Bez-Klassen, die dann in Reinach zur Schule gehen, werden ersetzt: mit zwei Gontenschwiler Klassen (Sek und Real, beide 9. Schuljahr) und einer Reinacher Klasse (Sek, 7. Schuljahr). «Menziken wird als Standort nicht kleiner, sondern behält seinen Wert», sagt Staub. «Das ist wichtig für das Dorf.»

Insgesamt werden über die Hälfte aller Menziker Lehrpersonen künftig auch in Reinach unterrichten; mit den Menzikern Bezlern ziehen beispielsweise auch deren Klassenlehrer mit nach Reinach. «Damit zahlt Menziken einen hohen Preis», sagt Staub. Aber gehen müsse niemand, alle Lehrpersonen würden ihre Pensen innerhalb der Kreisschule halten können.

«Die Reinacher sind chilliger»

Eine Klassenlehrerin, die mit nach Reinach zieht, ist Sandra Wild. Nach 13 Jahren in Menziken kommt nun ein Neuanfang. Neue Kollegen, ein neues Schulhaus, ein neues Klassenzimmer- und eine neue Schulhauskultur. «Wir werden die Menziker Kultur nicht nach Reinach bringen können, das wäre auch nicht richtig», sagt Wild. «Aber ich wünsche mir sehr, dass wir alle zusammen es schaffen, eine neue, gemeinsame Kultur aufzubauen.»

Und was sagen die Direktbetroffenen, die Erstbezler, zum Wechsel? Eine Schülerin schnödet über den längeren Schulweg, andere tun sich noch etwas schwer mit dem Gedanken, nicht mehr regelmässig daheim Mittagessen zu können. Aber eigentlich freuen sie sich. Auf neue Freunde, auf andere Freifächer und ein Schulzimmer ohne giftgrüne Möbel und orange Fensterrahmen, auf das Töffli, mit dem sie wegen des langen Weges künftig in die Schule knattern dürfen. Und vor allem freuen sie sich auf Reinach: «Die sind chilliger», sagen sie. Der Graben von einst scheint überwunden.

Quellen: «Streiflichter auf die Geschichte von Menziken» von Karl Gautschi; «Reinach - 1000 Jahre Geschichte» von Peter Steiner

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