Unterkulm
Muss die erste BP-Tankstelle der Schweiz dem Böhler-Projekt weichen?

Die Tankstelle mitten im Dorf war 1928 die erste BP-Tankstelle der Schweiz. «Diese Tankstelle ist mehr als eine Tankstelle. Sie ist Heimat, sie ist Familiensache, sie hat das Dorf geprägt», sagt Claudia Jodlbauer.

Katja Schlegel
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Für Claudia Jodlbauer ist es mehr als nur eine Tankstelle.

Für Claudia Jodlbauer ist es mehr als nur eine Tankstelle.

Katja Schlegel

Sie hörte es am Morgen beim Einkaufen, dann las sie es in der Zeitung: Dass ihre Tankstelle mitten im Unterkulmer Dorfzentrum abgebrochen werden könnte. Da verschlug es Claudia Jodl-bauer-Müller die Sprache. Sie selbst hatte von dieser Option nie etwas gehört, keiner hatte mit ihr über diese Pläne gesprochen. «Dieses Vorgehen ist respektlos.»

Die Tankstelle steht mitten im Dorfzentrum, direkt neben der Kirche, an der Hauptverkehrsachse Menziken– Aarau. Da, wo sich der Verkehr vom Böhler herab in die Hauptstrasse ergiesst, da, wo auch die WSB die Strasse kreuzt. Ein heisses Pflaster, an dem sich Kanton, Gemeinde und WSB eben die Finger verbrannt haben: Gegen das Kreiselprojekt hagelte es Einsprachen.

Jetzt steht ein T-Knoten zur Diskussion, doch auch für diese Lösung fehlt es an Platz, es ist eng im Zentrum. Bei der Präsentation Anfang Juli sagte Gemeindepräsident Emil Huber, der Tankstellen-Standort sei nicht sakrosankt – gekoppelt mit der Aussage, dass bislang noch keine Gespräche geführt wurden.

1955 wurde die Tankstelle unters Haus gesetzt (Bild aus den Sechzigerjahren).

1955 wurde die Tankstelle unters Haus gesetzt (Bild aus den Sechzigerjahren).

Zur Verfügung gestellt

Klein, aber mit Geschichte

Die Tankstelle ist mit einer Zapfsäule vielleicht klein und auch den Shop gibt es seit 18 Jahren nicht mehr. Und doch ist es eine bemerkenswerte Tankstelle: Es war 1928 die allererste BP-Tankstelle der Schweiz. Direkt vor das stattliche Gasthaus Bären gebaut hatte sie anno 1925 Grossvater Fritz Müller. Im Gebäude daneben verkaufte er Velos und Töffli und schraubte später an Autos, nebenbei verdiente er etwas Geld mit Krankentransporten, Hochzeits- und Taxifahrten.

Im Laufe der Jahre wurde die Garage vergrössert und Sohn Karl Müller übernahm 1963 den Garagenbetrieb mit der Tankstelle. Mit der Übernahme durch Sohn Karl erfolgte auch 1967 die offizielle Marken-Vertretung von Opel. Als der Platz mitten im Dorf zu eng wurde, wurde die Garage 1982 ins Unterzaug beim Dorfausgang gezügelt. Vor 17 Jahren übernahm Jodlbauer die Tankstelle.

«Diese Tankstelle ist mehr als eine Tankstelle. Sie ist Heimat, sie ist Familiensache, sie hat das Dorf geprägt», sagt Claudia Jodlbauer. Hier hat sie schon als Mädchen den Kunden die Autos getankt, wechselte bei Wind und Wetter und hoch oben die Zahlen-Täfeli bei der Benzinpreis-Anzeige aus. Hierher musste die Polizei ausrücken und begeisterte Fans zurückhalten, als Formel-1-Legende Jo Siffert für eine Autogrammstunde vorbeikam.

Hier mussten die BP-Direktoren Busse tun, als sie eine Wette mit Vater Karl verloren hatten. «Sie hatten nicht geglaubt, dass er es schafft, innert eines Jahres zwei Millionen Liter Benzin zu verkaufen.» Karl Müller schaffte es. Und so wanderten der BP-Direktor und sein Stellvertreter 1972 von Luzern nach Unterkulm, auf dem Rücken einen Kanister voller Benzin.

Ihr schwant nichts Gutes

Claudia Jodlbauer zeigt die Fotos im Album; alles hat sie hier eingeklebt. Jeden Zeitungsartikel, jedes Foto. Lauter Erinnerungen. Auch Erinnerungen daran, dass der «Bären» mit der Tankstelle schon einmal Strasse und Bahn im Weg stand: 1955 wurden der vordere Teil des Gebäudes abgerissen. Die Tankstelle wurde an die Strasse unters Haus versetzt, wo sie noch heute steht. Und heute steht die Tankstelle wieder im Weg.

Die Sprüche, die Tankstelle habe doch hier sowieso nichts mehr verloren, ärgern Claudia Jodlbauer. «Es sei die einzige BP-Tankstelle zwischen Beinwil am See und Aarau. Wer eine BP-Card hat, ist froh, dass es die Tankstelle hier gibt.» Und auch wenn eine der beiden Zapfsäulen vor zwei Jahren geschlossen wurde, verkauft sie an der einen Säule mit sechs Stutzen (zwei Seiten mit Diesel und den beiden Bleifrei) noch immer solche Mengen Benzin, dass sie zufrieden damit ist. «Es ist eine ordentliche Zahl, wenn man bedenkt, wie sehr die Konkurrenz in den letzten Jahren zugenommen hat.»

Eine Verschiebung der Tankstelle ist unmöglich. Platz gäbe es nur noch ausserhalb des Dorfes, im Ausserortsbereich. Da werden aber wegen Tempo 80 keine Zufahrtsmöglichkeiten bewilligt, sagt Jodlbauer – und eine Tankstelle ohne direkte Zufahrt ist undenkbar.

Wie es nun mit der Unterkulmer Tankstelle weitergeht, ist noch offen. Aber Claudia Jodlbauer schwant nichts Gutes. Kommentieren möchte sie das nicht. Sie sagt nur eines: «Es ist schade, wenn Gebäude mit einer solchen Tradition in der neuen Zeit plötzlich keinen Platz mehr haben. Wenn ein paar Skizzen auf einem Strassenplan reichen, um über 90 Jahre Dorfgeschichte verschwinden zu lassen.»