Die Ziehmutter des Schweizer Frauenfussballs verlässt die Schweiz nach sieben Jahren und kehrt in ihre Heimat nach Deutschland zurück. Damit verliert die Gemeinde Muhen ihre berühmteste Bewohnerin: Martina Voss-Tecklenburg (50). Sie war seit 2012 Nationaltrainerin – genau so lange wohnte sie im Suhrental. Zuerst in Unterentfelden, dann in Muhen. Warum sie in ein Aargauer Dorf und nicht nach Basel, Bern oder Zürich gezogen ist, erklärte sie in einem Interview mit der «Neuen Zürcher Zeitung» (NZZ) nach ihrem letzten Spiel vom Dienstag: «Das war eher Zufall. Es lag sehr zentral. Und die Region ist auch schön mit der Aare». Am Anfang überliess ihr eine Bekannte die Wohnung in Unterentfelden, dann suchte sie sich eine eigene Bleibe in Muhen.

Neuer Job in Deutschland

Voss-Tecklenburg führte die Frauen-Nati 2015 an die Weltmeisterschaft in Kanada und im Sommer 2017 an die Europameisterschaft in den Niederlanden. Sie machte den Frauenfussball in der Schweiz bekannt. Am Dienstag stand sie das letzte Mal als Nati-Coach an der Seitenlinie während eines Spiels der Frauen-Nati. Die Mannschaft verpasste die WM-Qualifikation beim Barrage-Spiel gegen die Niederlande deutlich.

Ab dem ersten Dezember trainiert die Mutter einer erwachsenen Tochter die Deutsche Frauenfussball-Nationalmannschaft, mit der sie als Spielerin selbst 1989 erstmals Europameisterin wurde. Für Martina Voss-Tecklenburg bedeutet der neue Job bei der Deutschen Nationalmannschaft, das Ende des Pendelns zwischen ihrer Zweitwohnung in Muhen und ihrem Wohnort im deutschen Straelen, nahe der niederländischen Grenze. Dort sei ihr Zuhause. Dort wohnt ihr Ehemann, Bauunternehmer Hermann Tecklenburg. «Das Pendeln hat sehr viel Energie gebraucht», so die Trainerin.

Sie wird die Müheler vermissen

Ob sie ihren Schweizer Wohnort Muhen vermissen wird? «Nicht Muhen als Ort, aber doch die Menschen und Erlebnisse», erklärt Voss-Tecklenburg in der «NZZ». Sie werde versuchen, den Kontakt zu halten mit den Menschen, die ihr dort wichtig geworden seien. Die gebürtige Duisburgerin fühlte sich wohl in ihrer Wahlheimat. In der knapp bemessenen Freizeit fuhr sie gerne mit dem Velo der Aare entlang oder schlenderte durch die Aarauer Altstadt. Wenn es der Terminplan zuliess, spielte sie schon einmal zusammen mit einer Männertruppe Fussball oder trainierte am Montagabend im Nachbarsdorf bei einem kleinen Verein Tischtennis.

Die Schweiz sei ein Stück weit ihre Heimat geworden. «Ich hoffe wirklich, dass ich es schaffe, mit allen in Kontakt zu bleiben», sagt die Frauenfussball-Pionierin. Sie habe am Dienstagabend ihren Spielerinnen gesagt, dass sie davon ausgehe, jetzt überall in der Schweiz ein freies Bett zu haben. «Einen Ort, an dem ich schlafen darf, wenn ich hierhin zurückkomme.»

Grössere Dimensionen

Martina Voss-Tecklenburg hat den Schweizer Frauenfussball nachhaltig geprägt. Seit sie als Trainerin angefangen habe, gebe es mehr mediale Akzeptanz. Bei ihrer ersten Pressekonferenz sei ein einziger Journalist anwesend gewesen. Am Dienstag seien über 5000 Leute nach Schaffhausen gekommen, um das Spiel zu sehen. Heute gehört das Schweizer Frauen-Nationalteam zu den besten 20 der Welt. «International schaut man auf den Schweizer Frauenfussball, mich rufen Klubtrainer an und fragen, ob ich Spielerinnen für sie habe», so Voss-Tecklenburg gegenüber der «NZZ». Deutsche Nationaltrainerin zu werden, bedeute für die 50-Jährige eine neue Herausforderung und noch einmal einen weiteren Schritt. Die Dimensionen in Deutschland sind viel grösser: der Staff, die öffentliche Wahrnehmung.